Wie ein verdorrter Baum

Gedanken eines Exil-Uiguren

 

Ich träume jetzt anders. Ich erinnere mich nicht an meine Träume, aber sie machen mir Angst. Es ist, als entzögen sie mir den Boden unter den Füßen, und wenn ich am Morgen aufwache, fühle ich mich wie ein verirrtes Phantom, das keine Wurzeln hat.

 

In meiner Heimat Ostturkestan (Xinjiang), am Rande der Wüste Taklamakan, wächst ein Baum, der mit sehr wenig Wasser überleben und sehr alt werden kann: die Euphrat-Pappel. Wir Uiguren nennen sie Toghrak. Die Wurzeln dieses Baumes reichen so tief in die Erde, dass sie selbst in der Wüste noch ein wenig Grundwasser finden. Doch irgendwann bleibt auch ein Toghrak stehen wie ein von der Sonne ausgeblichenes Gerippe, das seine kargen, kahlen Äste hilflos in den Himmel reckt.

Ich fühle mich wie ein Toghrak-Baum.

 

Zwar habe ich eine neue Heimat gefunden, eine Heimat, in der ich in Freiheit leben darf, doch seit einiger Zeit ist diese Freiheit getrübt. Sie reißt mich in einen Zwiespalt. Sie droht eine Last zu werden, die ich kaum ertragen kann.

 

Ich habe mein Land verlassen, weil sich mir neue Wege der Kunst erschlossen und ich eine Brücke sein wollte zwischen meiner eigenen und der westlichen Kultur. Ich hoffte, meinen uigurischen Kollegen die modernen Entwicklungen der Malerei in Europa näherbringen und hier Interesse und Verständnis für die Kunst und Tradition meines Volkes wecken zu können. Es begann vielversprechend: Künstler aus Xinjiang kamen für eine Ausstellung nach Berlin und besuchten die großen Museen europäischer Städte. Wir tauschten unsere Erkenntnisse und Erfahrungen über Internet aus und stießen auf immer mehr Interesse.

  Doch dann brachen sie den Kontakt zu mir ab, denn Internetverbindungen zum Ausland waren für Uiguren gefährlich geworden.

Bald darauf bat  mich auch mein Bruder, nicht mehr anzurufen. Es gehe allen gut, versicherte er mir, ich solle mir keine Sorge machen, aber bitte nicht wieder anrufen. Seit beinahe zwei Jahren, habe ich keinen Kontakt mehr zu meiner Familie. Ich weiß nicht, wie es meinen Eltern, Geschwistern und Freunden geht. Ich weiß nicht, ob sie Verhöre, Umerziehung oder gar Haftstrafen ertragen müssen – und das weil ihr Sohn oder Bruder im Ausland lebt. Ich habe seitdem nichts mehr von ihnen gehört.
  Diese Ungewissheit zerfrisst mich.
  Aber auch die Angst um mein Volk.

 

In Xinjiang werden seit dem vergangenen Jahr laufend neue Gefängnisse und Umerziehungslager gebaut, weil alle vorhandenen überfüllt sind. Mittlerweile befinden sich etwa zehn Prozent der uigurischen Bevölkerung Xinjiangs (eine Million oder mehr) in solchen Internierungslagern, heißt es, und es kann jeden treffen. Einfach jeden! Der geringste Verdacht reicht aus. Jeder ist aufgerufen, jeden zu bespitzeln: Nachbarn, Kollegen, Freunde, Verwandte. Einige Städte sollen sogar spezielle Hotlines eingerichtet haben, über die man einen Verdacht melden kann. Nach Beweisen fragt niemand.

Manchmal genügt schon ein zu langer Bart, ein Koran im Bücherschrank, ein Gebet am falschen Ort, Fasten im Ramadan. Ein Messer, das nicht vorschriftsmäßig registriert wurde, ein unbekannter Link im Handy, das Fernbleiben von politischen Sitzungen oder dem feierlichen Hissen der chinesischen Fahne, eine frühere Auslandsreise oder der Brief eines Exil-Uiguren. Ein Wort, das auf religiöse oder politische Aktivitäten hinweisen könnte. Irgendetwas. Ohne Prozess und auf unbestimmte Zeit verschwinden die Menschen in den Lagern und oft erfahren ihre Familien gar nicht oder erst nach längerer Zeit, was mit ihnen geschehen ist.

 

Einige Uiguren, die eine „Umerziehung“ überstanden und den Mut zu sprechen haben, berichten schier Unglaubliches. Ein ganz wichtiger Punkt des Umerziehungsalltags besteht im Aufsagen von Parolen wie:

   “Xi Jinping ist groß! Die Kommunistische Partei ist groß! Ich verdiente Bestrafung, weil ich nicht verstanden habe, dass   Präsident Xi Jinping und die Kommunistische Partei mir helfen können.”

   „Es gibt keinen Gott. Ich glaube nicht an Gott. Ich glaube an die Kommunistische Partei.“

„Ich bin so dumm, dass ich unserem Präsidenten Xi Jinping keine Dankbarkeit erwiesen habe.“

„Lang lebe Xi Jinping! Möge er zehntausend Jahre leben!“

 

Der Toghrak-Baum konnte seit Millionen von Jahren in meiner wüstenhaften Heimat überleben, aber ob wir Uiguren es auch können, scheint im Moment fraglich. Wenn die Kommunistische Partei von niemandem aufgehalten wird, dann wird zumindest unsere Kultur schon bald erloschen sein. Man will uns unsere Identität nehmen, mit Gewalt und ohne Grund.

 

Vielleicht träume ich ja in meinen unruhigen Nächten, ein Toghrak zu sein, dem die Wurzeln gekappt wurden, so dass er allmählich zu einem grau-weißen Gerippe verdorren muss.

In Worte gefasst von Ingrid Widiarto, Sommer 2018