Das rosa Bild

Ingrid Widiarto

 

Der Anruf hatte ihn getroffen wie ein Blitz aus heiterem Himmel. Er hatte sein Leben verändert. Er hatte alles zerstört und von einer Sekunde auf die andere war nichts mehr so, wie es vorher gewesen war. Alles, was er kannte, was er besaß, was er tat, alles hatte mit diesem Anruf seinen Sinn verloren.

Aliyä war tot.

Eine Verwandte aus Kashgar hatte angerufen und mitgeteilt, dass seine neunjährige Tochter und die Mutter seiner Frau am Morgen bei einem Verkehrsunfall ums Leben gekommen seien. Das Kind sei sofort tot gewesen, die alte Dame hätte man ins Krankenhaus gebracht, wo sie jedoch kurz darauf ebenfalls verstorben sei.

Aliyä.

Seine Tochter und sein Sonnenschein.

Ahmed war Maler und lehrte an der Hochschule von Urumchi. Er war ein bekannter und in Kunstkreisen hochangesehener Künstler. Sein Name war in ganz Xinjiang bekannt, seine Bilder verkauften sich gut und an der Schule bekleidete er eine hohe Position. Studiert hatte er in Peking und Hangzhou, er kannte sich aus in der Geschichte der Malerei, in den Grundlagen, Techniken und Materialien, die seit alters her in China gebräuchlich waren, und alles, was er selbst einmal gelernt hatte, gab er mit tiefster Überzeugung an seine Studenten weiter. Er hielt nichts von moderner Kunst. Die Wege, die die Malerei im westlichen Ausland während des vergangenen Jahrhunderts eingeschlagen hatte, verstand er nicht. Für ihn waren es nur Farben und Formen, die wenig Sinn ergaben und nichts mit dem großartigen Können der alten Meister gemein hatten. Was sich in Jahrhunderten bewährt hat, das ist gut und muss erhalten bleiben. So dachte er, so hatte man es ihm und allen Malern vor ihm beigebracht und selbst die Kulturrevolution hatte daran nichts geändert. Es ging zwar jetzt nicht mehr darum, die alten Meister zu verehren, sondern es ging um die Einhaltung von Regeln und Vorschriften. Es ging um Disziplin, gewissenhaftes Einüben von Techniken, um Einheitlichkeit. Ein Künstler war, wer seine handwerklichen Fähigkeiten perfektioniert hatte und nicht wer nach neuen Wegen suchte.

Wie alle Kunststudenten in China hatte er stunden-, tage- und monatelang Vorlagen abgemalt, immer die gleichen, unermüdlich, penibel und so lange, bis der Lehrer nicht mehr den winzigsten Unterschied zur Vorlage finden konnte. ‚Üben, üben, üben... nur so lernt ihr die Technik des Malens‘, hatten die Lehrer gesagt. ‚Nachahmen‘ hieß das Prinzip, entweder ein Bild abmalen oder die Realität. Sorgfältig und exakt. Und das war gut so. Denn natürlich wollten die Menschen Bilder sehen, auf denen sie etwas erkennen konnten, was sie kannten. Sie wollten keine Farbenkleckserei sehen wie bei einem William Turner oder sinnlose Formen, die jedes Kind malen könnte, wie bei einem Klee oder Kandinsky oder blaue Pferde, zerschnittene Gesichter oder ein einfaches schwarzes Quadrat. Es musste wirr in den Köpfen der Maler aussehen, die so etwas machten, und noch seltsamer erschien es ihm, dass derartige Bilder weltweit als hohe Kunst gepriesen wurden. Nein, Ahmed wusste es besser. Er wusste, dass seine Bilder Kunstwerke waren, denn er besaß großes theoretisches Wissen und handwerkliches Können und er verstand es, in seinen Bildern das Wesen des uigurischen Volkes einzufangen.

Er war ein geachteter Maler und Lehrer, er hatte ein gutes Auskommen, eine liebenswerte Frau und eine reizende Tochter. Es gab nichts, was ihm fehlte, und alle Welt beneidete ihn um sein Glück.

Doch nach dem Anruf vor anderthalb Jahren war nichts mehr so, wie es gewesen war.

Er war ein gebrochener Mann.

Er konnte nicht mehr malen. Die Bilder, die bisher schön gewesen waren, wirkten plötzlich leer. Sie zeigten Landschaften, Berge, Dörfer, tanzende Uiguren und Bauernidylle, ihre Farben leuchteten warm und sinnlich, wie es die Leute gern hatten. Es waren immer noch die gleichen Bilder, aber mit einem Mal waren sie leer und sinnlos. ‚Hätte ich einen Fotoapparat genommen, wäre ich schneller fertig gewesen‘, sagte er sich. ‚Ich habe ja nichts weiter dargestellt, als was ein Foto auch darstellen könnte. Es ist sogar schlechter als eine Fotografie, denn das Licht, die Details der Natur sind weit schöner, als ich sie malen konnte. Mein Bild ist Kitsch, nichts als banaler Kitsch!

Er wandte sich ab. Er verkroch sich in Dunkelheit und hüllte sich ein in seinen Schmerz.

Aliyä war sein ganzer Stolz gewesen. Ein bezauberndes kleines Geschöpf, klug und hübsch, ein Engel mit sanft gewelltem schwarzem Haar, mit liebevoll strahlenden Augen und einem unbeschwerten, fröhlichen Gemüt. Er hatte sich ihr auf eine unerklärlich innige Weise verbunden gefühlt. Schon als ganz kleines Mädchen hatte sie in seinem Atelier gehockt und ihm bei der Arbeit zugeschaut, hatte seine Bewegungen verfolgt, die Farben bestaunt, Fragen gestellt und mit der Zeit selbst erste Malversuche gemacht. Sie hatte die kleinen Details geliebt, die Farben erfühlt. Sie hatte bei ihm gesessen und alles, was er tat, mit Staunen und intuitivem Verständnis in sich aufgenommen. ‚Sie ist eine geborene Künstlerin‘, hatte er oft bei sich gedacht. Und manchmal hatte er das Gefühl gehabt, dass sie in seinen Bildern noch etwas anderes suchte als das, was er malte. Damals hatte er solche Gedanken schnell von sich gewiesen. ‚Sie ist ein Kind‘, hatte er sich gesagt. ‚Ein träumerisches kleines Mädchen. Was versteht sie schon von meiner Malerei!‘

Ja, natürlich war Aliyä ein kleines Mädchen gewesen, das die komplexen Techniken des Malens, die mühevolle Kleinarbeit und sein großes künstlerisches Geschick noch nicht beurteilen konnte, ein kleines Mädchen, das seine Gedanken gern in träumerische Feenlandschaften davonfliegen ließ und in den Bildern des Vaters nach Geheimnissen suchte, die gar nicht da waren. Doch jetzt, in seinem Kummer, jetzt erinnerte er sich an ihre fragenden Augen, ihr Lächeln, ihr Stirnrunzeln, ihre Träumereien.

Einmal hatte sie ihm erzählt, wie sie in ihrem neuen rosa Kleid, mit rosa Haarschleifen und rosa Schuhen über eine Bergwiese gelaufen war, wie sich dann alles um sie herum, die Bäume, die Blumen, die grasenden Schafe, die Vögel am Himmel und die ganze Welt ebenso rosa verfärbt hatte, weil die Natur plötzlich erkannt hatte, dass Rosa die allerschönste Farbe der Welt ist, und weil alles so aussehen wollte wie sie. Es war herrlich gewesen in dieser rosa Welt. Es hatte nur Freude und Zartheit gegeben. Ein Gefühl von Freiheit, das sie nicht hatte beschreiben können.

Er hatte nicht richtig zugehört. Nein, damals hatte Ahmed nicht zugehört. Er hatte ihr zärtlich über das Haar gestrichen und sich wieder seiner Arbeit zugewandt. Denn seine Arbeit war wichtig und die kindlichen Fantasien eines kleinen Mädchens waren es nicht. Natürlich nicht.

Aber Aliyä hatte sich ihm anvertraut, ihm, ihrem Vater. Mit der Mutter hatte sie nie über solche Dinge gesprochen, nur mit ihm. Warum hatte sie es getan? Etwa weil er ein berühmter Künstler war, dessen Bilder hohe Preise erzielten? Oder weil sie ihm vertraut und gehofft hatte, dass er sie auf ihren Reisen in die Welt der Unwirklichkeit, der Gefühle und Träume begleiten würde? Aber er hatte sie nicht verstanden. Nicht einmal versucht hatte er es!

 

Anderthalb Jahre waren seit dem Anruf vergangen. Ahmed hatte nie wieder ein Bild gemalt. Er lebte, weil er noch am Leben war, aber die Welt zog an ihm vorüber. Er nahm sie nicht wahr. Seine Seele trauerte und nichts als diese Trauer schien ihm noch von Bedeutung zu sein. Er glaubte, sie seiner Tochter schuldig zu sein, denn wenn er ihr auch all die Liebe gegeben hatte, die er besaß, so war da doch etwas, was er ihr nicht gegeben hatte: Er hatte ihre kindliche Fantasie nicht ernst genommen. Er hatte sie in seiner maßlosen Überheblichkeit einfach beiseite gefegt. Und wenn er nun allein in seinem dunklen Atelier saß und der eisige Schmerz sein Herz und seine Hände lähmte, wenn er sich immer und immer wieder fragte, warum Allah ihm diese furchtbare Strafe auferlegt hatte, dann regte sich manchmal etwas in ihm, was sich nur sehr schwer einen Weg an die Oberfläche bahnen konnte. Es war etwas, was sein Verstand nicht zulassen wollte. Doch wozu sollte er jetzt noch auf seinen Verstand Rücksicht nehmen, wo doch ohnehin alles sinnlos geworden war?

Ahmed begann nach diesem unbestimmten Etwas zu suchen, das ihm vielleicht einen Weg zu seiner Tochter weisen konnte.

Er fühlte sich wie ein zielloser Wandernder, weil er nicht wusste, wonach er suchte.

Er fühlte sich wie ein Nomade, der in den Weiten der Steppe ein Lamm verloren hat, oder wie ein Wanderer, der mit einem einzigen Wassertropfen die Wüste durchqueren will, während die Sonne ohne Erbarmen auf ihn herabbrennt.

Ich werde noch den Verstand verlieren...

Aber, sag Aliyä, wie war es damals gewesen mit deiner rosa Welt und diesem federleichten Gefühl von Glück und Freiheit, das du nicht zu erklären wusstest? Ahmed spürte tief in seinem Inneren eine unbestimmte Ahnung aufkeimen, schob sie aber schnell wieder von sich, denn er hatte jeden Sinn für Farben verloren. Farben taten ihm weh. Allein das Schwarz, das sein Herz verdüsterte, ließ er noch an sich heran: ein finsteres, unheilbringendes Schwarz.

Er nahm einen Farbtopf und verschmierte schwarze Ölfarbe über ein altes, verstaubtes Bild.

Dann trat er einen Schritt zurück und schaute es an. Er sah, wie die früheren Farben unter dem Schwarz verschwanden, sah, wie alte, sinnlose Linien von der schwarzen Farbe verschluckt wurden, und er sah wie das Sinnlose plötzlich einen Sinn bekam. Ihm war, als hätte er noch nie zuvor in seinem Leben ein Bild gesehen. Er ließ den Pinsel weiter in großen Zügen über die Leinwand gleiten und spritze wütende Tupfen darüber. Er sah Tränen in diesen Tupfen. Er sah Trauer in den ungeordneten Formen. Er strich mit der Hand über die feuchte Farbe und fühlte, wie die Tupfen ihm als Tränen in die Augen stiegen und wie die wirren, trauernden Formen sein Herz weit werden ließen. Lange stand er da und betrachtete das schwarze Bild, bis er mit einem Mal verstand, was Aliyä nicht hatte sagen können.

Nein, er verstand es nicht, er erfühlte es.

Er fühlte, wie eine Farbe etwas ausdrücken kann, was viel wichtiger ist als die sichtbare Realität.

 

Wochen und Monate vergingen. Ahmed schloss sich auch weiterhin in seinem Atelier ein, aber er begann wieder zu malen. Zuerst waren die neuen Bilder schwarz und bedrohlich, später grau-dunkel oder blau-kalt wie eine im Frost erstarrte Welt, eisige Einsamkeit. Doch eines Tages, als er sinnend auf seine düsteren, kalten Bilder schaute, fragte er sich, wie wohl Aliyä die Welt gesehen hatte. Nicht schwarz und düster, sondern hell und fröhlich. Sie hatte Rosa und Pink geliebt. Ahmed nahm eine Leinwand, auf die er vor langer Zeit einmal eine Landschaft gemalt hatte, stellte sie auf die Staffelei und begann, mit einem dicken Pinsel rosa Kleckse darauf zu setzen. Kleine und große, helle und dunkle. Nach und nach wurde die ganze Fläche rosa, verwandelte sich in eine rosarote Welt. Ahmed starrte sie ungläubig an: Da waren auf einmal nicht nur Kleckse und Striche zu sehen, sondern Blumen, Bäume, singende Vögel – und ein kleines Mädchen, das in einem rosa Kleid mit rosa Haarschleifen und rosa Schuhen über eine duftende Wiese hüpfte. Er sank in die Knie und weinte.

Er weinte, weil er glücklich war. Er weinte, weil er seine Tochter gefunden hatte.

Von jetzt an malte Ahmed Bilder, von denen er früher nicht einmal zu träumen gewagt hätte. Unsinnige Bilder. Sie hatten nichts mit der sichtbaren Wirklichkeit zu tun, aber er fühlte, dass sie eine andere Wirklichkeit zeigten, nämlich die, die in ihm war. Sie machten eine unsichtbare Wirklichkeit sichtbar: Gefühle, Gedanken, die er noch gar nicht gedacht hatte, Angst, Verzweiflung und Kummer, Verbitterung, einen Hoffnungsschimmer, eine unbestimmte Sehnsucht, Liebe. Er überlegte nicht lange, sondern ließ seine Hand gewähren, da sie offenbar einen Weg kannte, den sein Verstand noch nicht durchschaute. Nur eines war ihm klar: Diese Bilder waren gut, denn sie lebten.

Ahmed wusste nicht, dass ein deutscher Philosoph einmal gesagt hatte, Zweck der Kunst sei es, „die schlummernden Gefühle, Neigungen und Leidenschaften aller Art zu wecken und zu beleben, das Herz zu erfüllen und den Menschen [...] alles durchfühlen zu lassen, was das menschliche Gemüt in seinem Innersten und Geheimsten tragen, erfahren und hervorbringen kann, ebenso das Unglück und Elend, dann das Böse und Verbrecherische begreiflich zu machen, alles Gräßliche und Schauderhafte wie alle Lust und Seligkeit im Innersten kennenzulernen.“ [1]

Ahmed hatte nicht geahnt, dass man ein anderes Verständnis von Kunst haben konnte, als das, das in seiner Welt üblich war. Doch an jenem Tag, als er das rosa Bild malte, hatte er intuitiv in aller Klarheit und Selbstverständlichkeit gefühlt, dass es so war: Dinge abmalen war einfältig. Es verlangt nur handwerkliches Können, aber nicht die Tiefgründigkeit des menschlichen Wesens, die er plötzlich und unerwartet in seinem eigenen Bild entdeckte. Er hatte etwas dargestellt, was weit kostbarer war, als das perfekteste Porträt es je hätte sein können: Aliyä in ihrer kindlichen Liebe und Fröhlichkeit und ihre ureigene schöpferische Kraft.

Ahmed fühlte eine ungekannte Ruhe in sich. Die Trauer war noch da, aber sie quälte ihn nicht mehr. Es war eher, als fände er Trost in ihr, weil sie ihm den Weg zu seiner eigenen Seele gewiesen hatte. Er war aus dem Leben geflohen, hatte sich in eine Hölle des Schmerzes verkrochen, doch dann hatte ihn seine Tochter auf einen neuen Weg geführt. Er hatte das Wagnis auf sich genommen und war ihr gefolgt. Er hatte versucht, die Welt mit ihren kindlichen Augen zu sehen, mit Augen voller Fantasie, Neugier und Zuversicht, und so war aus Kummer und Einsamkeit Stille geworden, aus Stille Friede und aus diesem Frieden heraus erkannte er plötzlich: Ebenso oberflächlich wie seine frühere Malerei war die ganze Gesellschaft im heutigen China. Alle jagten dem Geld hinterher, maßen sich an materiellem Erfolg, an Positionen und trivialen Äußerlichkeiten. Die wahren Werte aber, die ein Mensch in seinem Herzen trägt, schienen vergessen zu sein.

Der deutsche Philosoph, von dem Ahmed nichts wusste, hatte seine Studenten vor langer Zeit im fernen Berlin gelehrt, dass wahre Kunst mehr ist als Dinge abzubilden. Er hatte gesagt, dass Kunst auch Gedanken und Gefühle ausdrücken soll, gute und böse, „damit die Erfahrungen des Lebens uns nicht ungerührt lassen und wir für alle Erscheinungen die Empfänglichkeit erlangen möchten.“

Der uigurische Maler aus Xinjiang hatte ihn verstanden.

 



[1] Georg Wilhelm Friedrich Hegel: Vorlesungen über die Ästhetik, Berlin 1835-1838