Die Reisende

Ingrid Widiarto

 

Il ne faut pas fermer son cœur à l’étranger, au voyageur, heißt es in einem Lied von Gilles Vigneault aus Québec: Verschließe dein Herz nicht dem Fremden, dem Reisenden.

Ich habe mein Herz den Uiguren geöffnet und nicht nur eine fremde Welt und viele freundliche Menschen gefunden, sondern auch in mir selbst eine Kraft und Kreativität, wie ich sie vorher nicht gekannt hatte. Mein Leben ist dadurch reicher geworden, denn obwohl es natürlich schön und wichtig ist, ein Zuhause zu haben, so können uns doch Fremde, die ja anderswo ja auch ein Zuhause haben oder hatten, etwas geben, was wir noch nicht haben.

Als ich dieses Lied vor kurzem wieder einmal hörte, musste ich an etwas denken, was ich vor einigen Jahren in einem Dorf am Südrand der Wüste Taklamakan erlebt hatte:

 

Der Mann hockte am Boden und sah mich neugierig an. Er war alt, nicht sehr alt, aber doch so alt, dass die Falten in seinem Gesicht die Geschichte eines ganzen Landes erzählen könnten, so schien es mir. Ich überlegte nicht lange und hockte mich neben ihn.

Yaxshimu siz.“

Ich kann nicht viel Uigurisch und meine Aussprache ist so miserabel, dass eine junge Uigurin, der ich einmal in ihrer Muttersprache einen guten Morgen wünschen wollte, mich ratlos ansah und auf Deutsch fragte: „Welche Sprache war das jetzt?“

Nun, der Mann, der neben mir zwischen all den anderen Männern und angepflockten Schafen hockte, hatte mich gut verstanden und antwortete ebenfalls:

Yaxshimu siz.“

Seine Augen blitzten erstaunt auf und musterten mich jetzt noch neugieriger, denn wahrscheinlich begegnete man in diesem Dorf Urumpash in der Hotan-Oase nicht oft ausländischen Touristen. Und mit Sicherheit hatte er noch nie eine Frau gesehen, die es wagte, einen fremden Mann anzusprechen, sich auf den Erdboden zu hocken und dazu noch Uigurisch zu sprechen versuchte.

„Woher kommen Sie?“

„Aus Deutschland.“

Er nickte sinnend vor sich hin und schaute mich dabei mit verschmitzt lächelnden Augen an, so als wollte er sagen: Ja, ja, ich weiß, das ist sehr weit weg, außerhalb meines Vorstellungsvermögens.

 Seine nächste Frage verstand ich nicht auf Anhieb, aber unser aufkeimender Gesprächsfluss wurde ohnehin schon wieder unterbrochen, denn ein Schatten hatte sich zwischen uns in den Sand gelegt.

你好 - Guten Tag.

Wir blickten verwundert auf. Nein, ich blickte verwundert auf, der Mann neben mir war erschrocken zusammengefahren und in sich gesunken, als hätte ihn ein Knüppelschlag getroffen. Da standen zwei Männer in dunklen Anzügen, die mit ernster Miene auf uns herabschauten. Ich sah in zwei schmale chinesische Augen und dachte, mit einem kleinen Lächeln und einem entschuldigenden „I don’t understand“ wäre alles geklärt, doch dem war nicht so. Die Mienen blieben unverändert. Mit einem freundlichen Lächeln ist in China gar nichts geklärt. Ich habe zwar früher einmal aus einer Operette gelernt, dass in China alle Leute lächeln, selbst wenn ihnen nicht nach Lächeln zumute ist, aber das muss wohl eine andere Zeit gewesen sein. Vielleicht gilt es auch heute noch für Politiker und Firmenbosse, aber nicht für Polizisten, und schon gar nicht für Polizisten in Xinjiang. Denn hier müssen sie hart durchgreifen wegen der angeblich so aufsässigen uigurischen Bevölkerung, die dem großen Reich der Mitte an den Kragen will. Wie zum Beispiel dieser alte Bauer, der auf dem Viehmarkt von Urumpash hockt, um anderen Männern beim Schafe-Verkaufen zuzusehen, und dabei fieberhaft überlegt, wo auf der Welt wohl Deutschland liegen mag.

Ach, wie gern würde ich hier neben ihm sitzen bleiben und mir anhören, was er in seinem Leben schon alles erlebt hat. Mit Sicherheit kann er sich an die Mao-Zeit und die Kulturrevolution erinnern. Er muss damals schon erwachsen gewesen sein. Was hat er empfunden, als sie zu Ende ging und er wieder eigene Felder bewirtschaften durfte. War er erleichtert oder war es schwer gewesen? Wie stand es mit seiner Familie? Hatten die Eltern einst seine Heirat vermittelt und war es eine gute Wahl gewesen? Wie hatte er seine Kinder erzogen? Hatte er Enkel so wie diese Kinder, die hier so fröhlich über die Straße tollen? Warum darf ich das nicht alles fragen und eine Geschichte über sein Leben schreiben? Ich würde niemandem damit wehtun, ich würde der Volksrepublik China nicht schaden und die Macht der Kommunistischen Partei nicht ins Wanken bringen, sondern nur mit stillen Worten ein Bild des einfachen uigurischen Lebens zeichnen.

Aber offensichtlich soll ich hier nicht sitzen und mit einem Bauern sprechen. Womöglich sehen meine zwei Fotoapparate verdächtig aus und sicher wissen die beiden Männer, dass ich keine offizielle Genehmigung für eine Reportage habe, und überhaupt wissen sie vermutlich alles über mich, zum Beispiel dass ich vor einer Woche mit einem Flug über Moskau in Urumchi gelandet bin, dass mein Mann mit einer Erkältung im Bett liegt und unser einheimischer Begleiter zu müde für einen Spaziergang war. Wer weiß, was sie noch alles wissen. Auf jeden Fall scheinen sie zu wissen, dass es für mich das Beste wäre, wenn ich jetzt weiterginge und den alten Mann in Ruhe ließe.

Ich finde eigentlich nicht, dass mir irgendjemand, auch nicht ein chinesischer Polizist oder Geheim­dienstler, vorschreiben sollte, wo ich sitzen, wann ich gehen oder mit wem ich sprechen darf, aber in dem flackernden Blick meines Gesprächspartners stand allzu deutlich die flehende Bitte geschrieben: Bitte, tun Sie, was er sagt! Sonst würde nämlich er Schwierigkeiten bekommen. Ihn würde man verhören, fragen, was er mit Ausländern zu besprechen habe, welches Komplott er anzettele, welche Unwahrheiten er über das politische System verbreite.

Ich hätte ihn zum Abschied umarmen mögen. Nie im Leben hat dieser Mann einem Menschen etwas zuleide getan, das könnte ich schwören. Er hat sich auf seinen Feldern, früher in der Volkskommune abgemüht, hat sich von der Wüstensonne Falten ins Gesicht brennen lassen, seine genügsamen Schafe versorgt, hat mit seinen Dorfgenossen Tee getrunken und die Sorgen des Alltags besprochen. Ein Mann, der eng mit der Erde verbunden ist, auf der er ein Leben lang gelebt hat, der in ein Volk hineingeboren wurde, das auf eine lange Geschichte zurückblickt und eine alte, reiche Kultur hervorgebracht hat, die so ganz anders ist als die chinesische. Ein Mann, der sich in einer Religion geborgen fühlt, die ihm Halt gibt, der sich von der heutigen Politik fernhält, weil er sie nicht versteht und weil sie den Uiguren nichts Gutes bringt. Denn sie respektiert nicht die Menschen, die einer Minderheit angehören und nicht zu Chinesen gemacht werden, sondern uigurisch bleiben wollen. Wie fast alle Uiguren in Xinjiang schien dieser gute alte Mann den Druck ständiger Beobachtung und haltloser Verdächtigungen derart verinnerlicht zu haben, dass ihn die bloße Gegenwart staatlicher Sicherheitskräfte zutiefst verunsicherte. Sie beachteten uns nicht weiter, warfen uns keine drohenden Blicke zu, waren einfach nur da.

Ich stand auf und ging. Ich wagte nicht einmal, meinem Beinahe-Freund die Hand zu reichen, weil es sich für strenggläubige Muslime nicht gehört, eine fremde Frau zu berühren, und ich konnte ja nicht wissen, wie ernst er es damit nahm. Nur ein zaghaftes Lächeln durfte ich ihm zurücklassen und ein leises Hosh! Als ich mich nach einigen Schritten noch einmal zurückwandte, sah ich, dass er mir nachschaute, aber was er dachte, konnte ich nicht sehen. Nur seinen Blick voller Wärme und so etwas wie eine gelassene Abgeklärtheit. Dieser Mann, der für mich das ganze Wesen des uigurischen Volkes in sich trug, hätte mir trotz aller Sprachschwierigkeiten viel von einer unbekannten, faszinierenden Welt zeigen können, denn er war bereit gewesen, mir sein Herz zu öffnen. Mir, der Fremden, der Reisenden.

Dann sah ich auch die beiden Männer in ihren dunklen Anzügen, die scheinbar arglos hinter mir her schlenderten, und ich dachte bei mir: Was für ein furchtbares Land, in dem es verboten ist, mit Fremden zu sprechen!