TURPAN - Eine Oase erzählt

 

Wenn eine Oase sprechen könnte, dann würde die Turpan-Oase sagen: „Ich bin etwas ganz Besonderes.“ Sie würde erklären: „Ich bin nicht die einzige Oase am Rande der Wüste Taklamakan, aber ich bin ein gutes Beispiel für die lange und wechselvolle Geschichte meines Landes. Ich liege in einer der tiefsten Senken der ganzen Erde und einige der höchsten Berge grenzen an meine Ausläufer. Nirgendwo sonst scheint die Sonne heißer als hier. Das Karez-System hat mich so fruchtbar gemacht, dass die Menschen immer gern hier lebten und eine reiche Kultur entwickelten. Ich habe Menschen vieler Völker gesehen. Mitunter waren sie einander feind, aber mich haben sie immer hoch geschätzt. Ich habe erlebt, wie Kulturen aufblühten und wieder verfielen, wie Händler kamen und gingen, wie Städte entstanden und vom Wüstensand verweht wurden. Ich bin noch immer da und ich hätte sehr viel zu erzählen – wenn ich sprechen könnte.

Da eine Oase aber nicht sprechen kann, lassen wir nun die Menschen zu Wort kommen.

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„Wie alt die Oase ist, wissen wir nicht genau“, sagt die Archäologin Mayke Wagner. „Es gibt keine Selbstzeugnisse zur Entstehung, aber in den ältesten Berichten, die wir kennen, ist schon von einer ‚alten Stadt’ die Rede.“ [1] Archäologische Funde bezeugen, dass die Turpan-Senke schon vor mehr als 3000 Jahren von Bauern besiedelt war. Es wurden Mumien gefunden, die aufgrund des extrem trockenen Klimas sehr gut erhalten sind.

   Die Turpan-Oase liegt im Uigurischen Autonomen Gebiet Xinjiang (Ostturkestan) am Fuße der Flammenden Berge, einem erodierten Höhenzug aus rötlichem Sandstein, in einer Senke bis zu 150 Meter unter dem Meeresspiegel. Bedingt durch diese Kessellage sind die Sommer hier extrem heiß, es fällt kaum Niederschlag und häufig wehen starke Winde. Dennoch ist sie außerordentlich fruchtbar, denn ihre Bewohner haben schon vor mehr als zweitausend Jahren das Karez-Bewässerungssystem angelegt, das Wasser aus den Bergen in unterirdischen Kanälen zu ihren Feldern und in die Städte führte.

 

Viele Völker haben in dieser Oase gelebt. Wer die Menschen waren, die man als Mumien gefunden hat, ist nicht eindeutig geklärt. Möglicherweise waren sie Tocharer, denn sie hatten europide Gesichtszüge und helle Haarfarbe und spätere Schriftdokumente belegen, dass hier Tocharisch gesprochen wurde. Vielleicht gehörten sie zum Volk der Gushi (chinesisch: Jushi), von dem man weiß, dass es bereits 1000 Jahre vor der Zeitenwende hier lebte und später unter die Herrschaft der chinesischen Han-Dynastie, zeitweise auch der Hunnen geriet. Die Seidenstraße führte bereits vor der Zeitenwende durch das Land, brachte Reichtum und kulturelle Einflüsse fremder Völker und Religionen mit. Während der Tang-Dynastie übten die chinesischen Kaiser großen Einfluss aus, aber Turpan blieb ein selbstständiges Königreich. Dann herrschten die Mongolen. Als die großen Seewege entdeckt wurden, verlor die Seidenstraße allmählich ihre Bedeutung, die Wüste breitete sich aus, Städte wurden vom Sand verweht. Ende des 19. Jahrhunderts unterwarf die Qing-Dynastie das gesamte Gebiet und gliederte es ins chinesische Kaiserreich ein.

 

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts kamen Forscher aus aller Welt, um die alten Stätten der Seidenstraße wiederzuentdecken und Kunstschätze und alte Handschriften mit in ihre Heimatländer zu nehmen. 1949 besetzte die Volksbefreiungsarmee Xinjiang und dann folgte die Zeit des Mao-Regimes. Wirtschaft und Industrie wurden massiv vorangetrieben, immer mehr Chinesen kamen aus dem Osten, die Gesellschaft veränderte sich. In der heutigen Zeit, in der die Uiguren in ihrem Heimatland von den chinesischen Machthabern immer mehr unter Druck gesetzt werden, stand Turpan bislang zwar nicht so sehr im Brennpunkt von Unruhen wie einige andere Regionen Xinjiangs, aber dennoch leiden die Menschen unter den ethnischen Spannungen.

 

Die Geschichten auf den nebenstehenden Seiten sind kein sachlich-historischer Abriss der Geschichte der Turpan-Oase. Sie sollen sich nur wie Mosaiksteine zu einem Bild zusammensetzen, das dem Leser eine Vorstellung von dem Land und seinen Bewohner gibt. Ich weiß noch nicht, ob ich genügend Material finden kann, um vor einem historischen Hintergrund lebendige Geschichten entstehen zu lassen, oder ob die Mühen der Recherche meine Kraft und Geduld irgendwann übersteigen werden, aber versuchen will ich es. Hier die ersten Kapitel:

Der Mönch (630 n.Chr.)

Der Forscher (1902/04)

Die Lehrerin (1966)

Der Student (1984)

Die Touristin (2010)

Der Maler (2014)

Der Großvater (2015)

Nachwort


 [1] http://www.scinexx.de/dossier-detail-697-5.html