Der Anfang

 

Vor zwei Millionen Jahren war die Taklamakan – heute die zweitgrößte Sandwüste der Welt – Teil eines riesigen Binnenmeeres. Als sich vor etwa 800 000 Jahren das Klima veränderte und eine Dürreperiode einsetzte, wurde es extrem trocken und das Meer verkleinerte sich. Radiokarbonuntersuchungen der Chinesischen Akademie der Wissenschaften belegten jedoch, dass der See Lop Nor im östlichen Teil des Tarimbeckens seit über 20 000 Jahren in wechselnder Größe und Lage ununterbrochen bestanden hat.[1] In Bohrkernen fand man Muscheln und große Mengen organischer Ablagerungen, die belegen, dass es sich um einen Süßwassersee von großer Tiefe gehandelt haben muss.

Nach dem Austrocknen der Taklamakan wurde das Seebecken Lop Nor zum Ziel aller Flüsse des Tarimbeckens. Sie sammelten sich in dem abflusslosen See, lagerten das mitgeführte Salz in einer riesigen Salzpfanne ab, während an ihren Ufern Flussoasen entstanden, die nachweislich seit rund 4000 Jahren besiedelt und bewirtschaftet wurden. Die Flüsse waren damals breite Ströme und die Feuchtgebiete boten günstige Voraussetzungen für die Landwirtschaft. So ließen sich hier Volksstämme nieder, die vermutlich aus unterschiedlichen Richtungen zugewandert kamen.

Ab dem 2. Jahrhundert v.Chr., als der Handel über die alte Seidenstraße zu einem neuen, wichtigen Wirtschaftszweig wurde, entstanden in den Oasen auch zahlreiche Städte, u.a. Loulan oder Kroran, wie die Uiguren es nennen. Einige dieser Handelsstädte mussten später wegen Wassermangel wieder aufgegeben werden, denn im 5. Jahrhundert setzte erneut ein Klimawechsel ein und die Flussläufe und Oasen trockneten aus. Die Wüste breitete sich aus.

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Als europäische Forscher wie Sven Hedin, Sir Aurel Stein, Albert Grünwedel und Albert von Le Coq am Ende des 19. und zu Anfang des 20. Jahrhunderts ins Tarimbecken zogen, um nach archäologischen Schätzen entlang der früheren Seidenstraße zu suchen, entdeckten sie nicht nur Ruinen, Kunstwerke und viele Tausende von alten Schriftdokumenten aus verschiedenen Epochen und Kulturen, sondern sie fanden auch Nekropolen und erstaunlich gut erhaltene Mumien.

Sven Hedin beschrieb in seinem Buch Der wandernde See[2] über eine Entdeckung, die der Uigure Ördek, einer seiner Expeditionsbegleiter, im Jahre 1910 gemacht hatte:

„An einer Stelle hatte er eine Totenstadt gesehen, wo unzählige Särge aus festem Holz in zwei Schichten übereinander aufgestapelt standen. Er hatte mehrere Särge geöffnet. Die Innenseiten waren reich geschnitzt und bemalt. Außer den wohlerhaltenen, mit prächtigen Seiden­gewändern bekleideten Leichen enthielten die Särge auch eine Menge Papierblätter mit einer seltsamen Schrift und mit bunten Ornamenten verziert.“

Nicht weit entfernt entdeckte der schwedische Archäologe Folke Bergman 1934 auch ein Einzelgrab, das einen Holzsarg barg, der wie ein Kanu aus einem einzigen Baumstamm geschnitzt war. Als die Männer das Leichentuch anhoben, staunten die Forscher: „... und nun sahen wir sie, die Herrscherin der Wüste, die Königin von Loulan und Lop Nor in all ihrer Schönheit.“ Sie wird seitdem „die Schöne von Loulan“ genannt, ist 3800 Jahre alt und kann seit einigen Jahren im Museum des Uigurischen Autonomen Gebiets Xinjiang in Urumchi bewundert werden. Ihre Kleidung, die Art der Bestattung und die Haarfarbe weisen auf eine europäische Abstammung hin.

 Bei anderen Ausgrabungen, so auch in der Turpan-Oase, wurden im Laufe der Zeit viele weitere Mumien entdeckt. Die Leichname sind wegen des trockenen Klimas und der extremen Temperaturunterschiede in Xinjiang über Tausende von Jahren gut erhalten geblieben. Sie wurden sozusagen „gefriergetrocknet“ und der hohe Salzgehalt des Bodens hielt zersetzende Bakterien ab. Einbalsamiert waren sie nicht. Die meisten der Mumien hatten europide Gesichtszüge und helles Haar. Vermutlich waren sie die Vorfahren derer, die man später Tocharer nannte. Sie waren groß, bärtig, rothaarig oder blond, mit tiefliegenden blauen oder grünen Augen und langen Nasen. Ihre Kleidung und die Machart ihrer mehrfarbigen Stoffe erinnern erstaunlich an frühe Textilien aus Österreich, Skandinavien und Deutschland.[3]

In China nennt man die Volksstämme, die zu jener Zeit in Zentralasienlebten und eine indogermanische Sprache sprachen, die Yuezhi. Doch die Vorstellung, dass die frühen Bewohner Xinjiangs, also die Vorfahren der Uiguren, aus Europa, Persien oder Sibirien eingewandert waren, gefiel den Chinesen nicht sehr, denn nach ihrer Auffassung hat sich das Reich der Mitte allein aus sich selbst heraus entwickelt. So blieben die Ausgrabungsorte über Jahrzehnte abgeschirmt und die Forschungsarbeiten ruhten. Eine Zusammenarbeit mit westlichen Experten lehnte China ab. Von 2002 an wurde dann das Gräberfeld Xiaohe bei Loulan von chinesischen Archäologen erneut freigelegt und 2014 vereinbarten das Forschungsinstitut von Turpan und das archäologische Forschungszentrum der Jilin Universität eine gemeinsame und intensive Untersuchung der in der Nähe der Region Turpan gefundenen Mumien.[4]

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Der griechische Geschichtsschreiber, Geograf und Völkerkundler Herodot beschrieb um 430 v.Chr. mit erstaunlicher Ausführlichkeit die nördliche Route der Seidenstraße bis zum Tarimbecken. Die meisten seiner Informationen verdankte er mündlichen Berichten von Reisenden, denn schriftliche Aufzeichnungen gab es nur sehr wenige, und so mag die historische Realität gelegentlich mit mythischen Vorstellungen verschmolzen sein. Bis nach Persien hatte man zu Herodots Zeit in Griechenland bereits recht genaue Kenntnis von Land und Bewohnern, doch weiter im Osten war noch keiner seiner Zeitgenossen gewesen. Dort seien die Skyten zu Hause, so schrieb er, und meinte damit möglicherweise die in China als Xiongnu und bei uns als Hunnen bekannten Reiter- und Nomadenvölker. Er schrieb auch über Awaren und andere indogermanische Stämme, deren Herkunft ihm nicht bekannt war. Vielleicht kämen sie von den Ufern des Okeanos, vermutete er, von dem mysteriösen Strom, der nach damaliger Auffassung die ganze Welt umfloss. Auch berichtete er von einem Volk der Issedonen, das sehr weit im Osten, in der Turpan-Oase jenseits des Tianshan-Gebirges lebte. Über die Chinesen wusste er offenbar nichts.

Und was wussten die Chinesen über die Völker im Westen?

Als der Han-Kaiser Wudi (156-87 v.Chr.) seine Leute in alle Richtungen aussandte, um die umliegenden Länder zu erkunden, befestigte Außenposten zu errichten oder, wenn möglich, diese Länder zu erobern, zog sein General Zhao Ponu gen Westen und durchquerte 108 v.Chr. das Tarimbecken. Im Jahre 101 v.Chr. erreichte eine Delegation jenseits der Gebirgsketten von Tianshan und Alai das Ferghanatal, das heute zu Usbekistan gehört. Auch Alexander der Große hatte das Ferghanatal erreicht, und zwar bereits um 330 v.Chr. Noch immer lebten hier Nachkommen seiner Soldaten und der hellenistische Einfluss hatte eine große Kunst entstehen lassen. Zu der Zeit, als Kaiser Wudis Gesandte das Land erkundeten, gehörte das Ferghanatal zum Griechisch-Baktrischen Königreich. Hier also trafen die kulturellen Einflüsse des Westens und des Ostens zum ersten Mal direkt aufeinander. Die Verkehrswege vom Mittelmeer her nach Osten und von China her nach Westen, die es schon lange vorher gegeben hatte, wurden von nun an über die gesamte Strecke genutzt, um Waren und Wissen auszutauschen. Sie wurden zum wichtigsten Handelsweg jedes Zeit und bleiben der Welt als „Seidenstraße“ in Erinnerung.

 Wer genau die Menschen waren, denen die Gesandten des Kaiser Wudi in der Turpan-Oase und weiter im westlichen Tarimbeckens begegneten, wird ihnen nicht wichtig gewesen sein. Man nannte diese Gebiete einfach zusammenfassend „Xiyu“, westliche Regionen. Heute weiß man, dass die Menschen, die hier zu Hause waren, großenteils indogermanischen Völkern wie den Tocharern angehörten, doch es lebten hier auch mongolische, turksprachige und sino-tibetische Stämme. Im 2. Jahrhundert v.Chr. geriet das Gebiet unter die Herrschaft der Xiongnu, der Hunnen, die während der Han-Dynastie wieder zurückgedrängt wurden. Die Tocharer wanderten später nach Baktrien aus, einem Land im nördlichen Teil des heutigen Afghanistans, und gründeten dort ein mächtiges Königreich, über das auch die Gelehrten im antiken Griechenland zu berichten wussten.

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 In den Oasen, die sich wie eine Perlenkette um die Wüste Taklamakan herum aneinander reihten und den Karawanen den Weg wiesen, haben damals also Menschen vieler verschiedener Völker gelebt. Sie hießen die fremden Kaufleute willkommen, handelten mit ihnen und bewirteten sie. Bauern und Handwerker fanden Absatz für ihre Produkte und Interessierte fanden geistige Anregungen aus fernen Kulturen. Wenn auch der Warenaustausch selbstverständlich Hauptbeweggrund der Kaufleute und Karawanen war, die enormen Strapazen einer Reise über die Seidenstraße auf sich zu nehmen, so sollte sich doch der Austausch von Wissen und Gedankengut langfristig als von noch größere Bedeutung erweisen. Neue Technologien und Erfindungen, Erkenntnisse in Kunst und Wissenschaft verbreiteten sich über die Seidenstraße, und Religionen fanden neue Anhänger.

Menschen trafen sich, lebten miteinander und füreinander.

 Eine neue Kultur entstand.

 



[1] https://www.zdf.de/dokumentation/terra-x/vom-kamel-ins-boot-100.html

[2] Sven Hedin: Der wandernde See. F.A. Brockhaus, Leipzig 1937. https://de.wikipedia.org/wiki/Xiaohe

[3] http://www.zeit.de/2010/43/Mumienforschung-China

[4] http://german.china.org.cn/culture/txt/2014-04/04/content_32002110.htm