Der Forscher

 

1904/05

Ende des 19. Jahrhunderts machten sich in Europa Forscher und Entdecker auf in die Welt, um nach Spuren alter Kulturen zu suchen. Auch Ostturkestan, das seit 1884 als Provinz Xinjiang[1] zum chinesischen Kaiserreich gehörte, geriet in den Fokus des Interesses, nachdem der Schwede Sven Hedin und einige andere Forscher in der Wüste Taklamakan Überreste von Städten und Tempeln entdeckt hatten. Einige Russen, unter ihnen Dmitri Klementz von der Russischen Akademie der Wissenschaften, berichteten von riesigen Ruinenstädten, die sie in der Turpan-Oase gefunden hatten und die auf eine nähere Erforschung warteten. 1902 folgte Albert Grünwedel, Leiter der indischen Abteilung des Berliner Völkerkundemuseums, dieser Aufforderung und machte sich mit zwei Begleitern auf die beschwerliche Reise nach Turpan.

   Wenige Kilometer südöstlich der heutigen Stadt liegen die Ruinen der Hauptstadt des alten Königreiches Turpan: Kocho, mit chinesischem Namen Gaochang, denn auch die Chinesen hatten hier zeitweise eine Garnison stationiert. 1283 wurde Kocho im Krieg gegen die Mongolen zerstört und verlassen.

   Als Grünwedel Kocho zum ersten Mal sah, war er überwältigt, denn: „Hunderte von Terrassentempeln und grandiosen Gewölbebauten bedecken eine mächtige Fläche Land.“ Da waren Tempel, Klöster und Stupas, alles umgeben von einer etwa fünfzehn Meter hohen, weitgehend intakten Umfassungsmauer mit Toren, Ein- und Aufbauten umgeben.[2] Wenn er jedoch das, was er sah, mit dem verglich, was sein russischer Kollege nur vier Jahre zuvor beschrieben hatte, dann musste er mit Erschrecken feststellen, dass in diesen wenigen Jahren vieles verfallen oder zerstört worden war.

   Deshalb wurde schon zwei Jahre später eine zweite Turfan-Expedition[3] ausgesandt, dieses Mal geleitet von Albert von Le Coq. Er fand von der Ruinenstadt noch weit weniger vor als er auf Grünwedels Fotografien gesehen hatte. Und er sollte auch bald erfahren, warum dies so war.

 

Zunächst einmal richtete er sich zusammen mit seinem Mitarbeiter Theodor Bartus in dem Dorf Karachodscha nahe der alten Ruinenstadt bei dem Bauern Saut ein. Der Hof, der an die äußere Stadtmauer von Kocho grenzte, gab Platz für Pferde und Karren, diente als Werkstatt, Abstellplatz und Versammlungsort, gelegentlich sogar als Schlafzimmer, wenn es im Sommer drinnen gar zu heiß wurde. Am Tage spielten die Kinder im Hof und am Abend füllte er sich mit Gästen oder Patienten, denn in der ganzen Umgebung hatte sich schnell herumgesprochen, dass Fremde da waren und dass einer von ihnen Kranke heilen konnte. Es waren zwar nur Chinin und Salyzil, was Le Coq zu bieten hatte, doch damit konnte er oft kleine Wunder bewirken.[4]

   Was ihm selbst beinahe wie ein Wunder erschien, das war etwas, was einige Bauern ihm am ersten Tag seines Aufenthalts zeigten. Sie hatten ihn ins Zentrum der Ruinenstadt, innerhalb einer weiteren, inneren Stadtmauer, geführt und brachten ihn nun zu den Überresten eines großen Gebäudes. Hier hatten sie in einem hallenartigen Raum eine dünne Mauer eingerissen. Hinter dieser dünnen Mauer war eine ältere Mauer und auf dieser älteren Mauer ein riesiges Bild mit der überlebensgroßen Darstellung eines Mannes in manichäischer Priestertracht, umgeben von Mönchen in weißen Ritualgewändern und Nonnen. Diese waren kleiner gemalt und trugen auf der Brust einen persischen Namen, in wunderschöner soghdischer Schrift geschrieben. Le Coq war hingerissen. In Europa wusste man zu dieser Zeit noch sehr wenig über diese Religion, die sich im 3. und 4. Jahrhundert von Persien aus verbreitet hatte. Man kannte bisher nur einige Quellen aus Ägypten und deshalb war es bei dieser Expedition Le Coqs Hauptaufgabe, nach Spuren und, wenn möglich, Schriften über den Manichäismus zu suchen.

   Einer der Bauern erzählte ihm, er habe hier einmal eine ganze Bibliothek mit Handschriften gefunden, verziert mit farbigen Bildern und Gold, aber er habe sie alle in den Fluss geworfen. Der Forscher traute seinen Ohren nicht. Ja, er habe alle diese Sachen auf seinen Karren geladen und in den Fluss geworfen. Er hatte Angst gehabt, weil diese Schriften un-heilig waren. Womöglich würde der Mullah ihn des Irrglaubens beschuldigen oder die Chinesen würden es als Vorwand nehmen, ihn zu erpressen. Nein, das alles sei ihm viel zu unheimlich gewesen. Damit wollte er nichts zu tun haben!

Le Coq und sein Mitarbeiter Bartus fanden trotzdem noch viele alte Dokumente: Sie fanden Bücher aus unterschiedlichen Zeiten und in unterschiedlichen Sprachen und Schriften verfasst, aus Papier, Leder oder Seide, Bücher im Form von Rollen, Faltbüchern oder gelochte und mit einer Schnur zu Büchern geheftete Seiten, die Deckel aus Holz, manchmal aus Schildpatt oder mit Gold verziert. Vieles war nicht vollständig erhalten, aber alles sprach dafür, dass die Manichäer einen ausgeprägten Sinn für künstlerische Kalligrafie und aufwändige Ausstattung gehabt hatten.

   In einem anderen manichäischen Heiligtum entdeckten sie eine Bibliothek, die durch Wasser vollständig zerstört war. Als sie die Tür freigelegt hatten, sahen sie, dass der ganze Raum dahinter von einer etwa sechzig Zentimeter hohen Masse bedeckt war, die sich bei näherem Betrachten als Reste manichäischer Manuskripte entpuppte. Löss-Wasser war in das Papier eingedrungen, hatte alles verklebt und bei der furchtbaren Hitze der Sommer hatten sich die Bücher selbst in Löss verwandelt. Le Coq versuchte einige Reste zu trocken, doch das meiste zerfiel und ließ nur winzige letzte Spuren von Kalligrafie und Miniaturen in Gold, Blau, Rot, Grün und Gelb erkennen.

   In einem anderen Teil dieses gleichen Komplexes machten die beiden Forscher noch eine weitere Entdeckung, die sie tief bestürzte: Sie hatten eine zugemauerte Tür geöffnet und einen Raum betreten, in dem auf einem gewölbten Fußboden ein Tempel errichtet war, weitgehend verfallen, aber an seinen Wänden waren noch Malereien von Dämonen aus der lamaistischen Epoche zu sehen. Nachdem sie alles durchsucht hatten, brachen sie den Fußboden auf und fanden darunter die:

„... im wirren Durcheinander aufgetürmten Leichen jedenfalls einiger Hundert Erschlagener. Es waren der Kleidung nach zu urteilen buddhistische Mönche; die oberste Schicht war vollkommen erhalten, die Haut, die Haare, die eingetrockneten Augen und die furchtbaren Wunden, denen sie erlegen waren, waren in vielen Fällen noch erhalten und kenntlich. Ein Schädel besonders war durch die Stirn bis auf die Zähne mit einem furchtbaren Säbelhieb gespalten.“

 

Vermutlich war dieses Massaker Mitte des 9. Jahrhunderts geschehen, als die chinesische Regierung den Befehl erlassen hatte, das Überhandnehmen der Mönche zu steuern. Alle Mönche, gleichgültig ob manichäische, buddhistische oder christliche, sollten wieder in das bürgerliche Leben zurückkehren, praktische Arbeit leisten, heiraten, Kinder zeugen, Steuern zahlen und Soldaten werden, so wie es die Staatsräson erforderte. Im Falle des Nichtgehorchens war der Tod angedroht. Und wie es schien, hatten diese frommen Männer den Tod vorgezogen.

   Le Coq und Bartus konnten sich über viele interessante Funde freuen. Sie sammelten Schriftdokumente und lösten Malereien von den Wänden, aber die Arbeit war mühsam: Im Winter herrschte extreme Kälte und ein scharfer Wind blies aus Nordost; im Sommer wurde es extrem heiß, gelegentlich bis zu fünfzig Grad im Schatten und Schatten gab es kaum. Es gab dagegen Moskitos und Sandfliegen, Skorpione und Spinnen und anderes Getier. Ihre Arbeit wurde oft mit Funden belohnt, aber die Enttäuschung über die Zerstörungen während der letzten Jahre war dennoch groß. Warum war in den wenigen Jahren, nachdem Dmitri Klementz Kocho beschrieben hatte, so viel zerstört worden, vielleicht sogar mehr als während der sechs Jahrhunderte davor?

   Die Bauern hatten keine Scheu, den deutschen Forscher über die Gründe aufzuklären. Für sie war es das Natürlichste von der Welt, dass man alles, was noch brauchbar war, holte und für seinen eigenen Bedarf verwendete, zum Beispiel Lehmziegel und Türbalken. Holz ist in dieser Gegend selten und kostbar. Auch gebrannte Bodenfliesen aus den Tempeln. Der von Stürmen angehäufter Lössstaub konnte als Dünger dienen und irgendwann hatte man festgestellt, dass auch die Temperafarben der Wandgemälde einen guten Dünger abgaben. Also hatte man sie abgeklopft. Die Chinesen, die seit einigen Jahrzehnten als Verwaltungsbeamte im Land waren, kümmerten sich nicht darum. Sie hatten keinerlei Interesse an Relikten des Buddhismus, den sie als Konfuzianer als eine „Religion der kleinen Leute“ verachteten. Nur wenn chinesische Zeichen auf den Bildern oder Schriften waren, zeigten sie Interesse. Alles andere besaß für sie keinen Wert.

   Gelegentlich hatten die Bauern auch früher schon kleine Schätze wie Münzen oder Statuetten gefunden, aber nachdem ausländische Forscher von weither gekommen waren, um in den Ruinen nach Altertümern zu graben, hatten sie begriffen, dass diese Dinge sehr wertvoll waren. Sie begannen also selbst zu buddeln, Mauern einzureißen und die Sockel von Buddhas und Bodhisattwas zu zerschlagen, weil darin manchmal Schriftstücke zu finden waren, die man gut verkaufen konnte. In Turpan soll es einen Mann gegeben haben, der alles ankaufte, was ihm die Bauern der Umgebung brachten, um es später an europäische Sammler weiterzuverscherbeln.

   Fast noch schlimmer jedoch war das Wasser. Wie konnte es sein, dass in diesem trockenen Wüstenklima Mauern zerfielen und Papiere zerbröselte, weil sie sich mit Wasser vollgesogen hatten? Woher kam das Wasser, das so viel Schaden angerichtete? Schon Grünwedel hatte es erfahren, und als der Winter zu Ende ging, sollte auch Le Coq es mit eigenen Augen sehen:

   Die Bauern leiteten Wasser in Gräben durch die Straßen der alten Stadt und setzten die zwischen den Ruinen und sogar innerhalb der Mauern liegenden Felder unter Wasser. Schutt und Sand hatten sie abgetragen, große Flächen eingeebnet und so die zerstörende Feuchtigkeit in die Ruinenstadt gebracht. Archäologische Schätze gingen verloren, aber zwischen buddhistischen Klöstern und Palästen der einstigen Königsstadt reifte nun in jedem Sommer die Sorghumhirse.

   So traurig das auch für die Wissenschaft war, so musste Le Coq doch das Geschick der Bauern bewundern, die ihr Land über Gräben und unterirdische Kanäle zu bewässern wussten. Das Karez-Bewässerungssystem, das man in der Turpan-Oase schon vor mehr als zweitausend Jahren eingeführt hatte, funktionierte noch immer. Die Landwirtschaft blühte wie kaum irgendwo sonst, obwohl die Bedingungen denkbar schlecht waren: extrem heiße Sommer und extrem kalte Winter. Die Weinstöcke zum Beispiel, die hier sehr gut gedeihen, müssen im Winter mit Erde bedeckt werden, damit sie nicht erfrieren. Ja, und dann die Sandstürme, die von Zeit zu Zeit alle Felder unter einer dicken Staubschicht begraben! Le Coq beschrieb es so:

„Ganz plötzlich verfinstert sich der Himmel, die Sonne glüht dunkelrot durch den sich schnell verdichtenden Staubnebel, ein dumpfes Heulen, dann ein schneidender Pfiff ertönt, und im nächsten Augenblick bricht der Sturm mit grauenhafter Heftigkeit auf die Karawane los. Ungeheure Sandmassen, vermischt mit Kieseln, werden mit Gewalt in die Höhe gerissen, umhergewirbelt und auf Menschen und Tiere geschleudert. Die Dunkelheit nimmt zu, in das Brausen und Heulen des Sturms mischen sich seltsame klirrende Laute, hervorgerufen durch das gewaltsame Zusammenprallen großer emporgewirbelter Kieselsteine. Alles ist wie dämonisch durchtobt, und die Chinesen erzählen von dem Schrei des Geisteradlers, der die Menschen verwirrt, so dass sie besinnungslos in die Wüste hineinstürzen und dort fern von begangenen Wegen ein schreckliches Ende finden. Wer von solchem Sturm überfallen wird, muss sich trotz der Hitze ganz in Filze hüllen, um durch die mit rasender Gewalt herumgeschleuderten Steine nicht verletzt zu werden. Mann und Pferd müssen sich niederlegen und den Sturm, der oft stundenlang wütet, über sich herbrausen lassen. Und wehe dem, der sein erschrecktes Reittier nicht fest am Zügel hält! Auch die Tiere verlieren den Verstand vor den Schrecken des Sandsturms und jagen in die Wüste hinaus, um dort zu verschmachten.“

Manch eine Karawane wurde später mumifiziert aufgefunden.

 

Le Coq bewunderte die Menschen nicht nur wegen ihrer landwirtschaftlichen Fähigkeiten, sondern fühlte sich ihnen allgemein in großer Zuneigung verbunden. Er sah in den Osttürken, wie man sie damals zu nennen pflegte, ein „harmloses, fleißiges, gescheites und liebenswürdiges Volk“ mit „außergewöhnlich guten geistigen Anlagen“, das ihn stets herzlich aufnahm und bei seiner Arbeit unterstützte. Die Chinesen, mit denen er als Landesherren zu tun hatte, bezeichnete er als achtenswerte Männer, erwähnt aber auch, dass es „unangenehme und gefährliche“ Chinesen gab, die wegen ihrer Vergehen aus den Städten des Ostens verbannt worden waren.

   Vor allem die osttürkischen Kinder machten es ihm leicht, Kontakt zu finden. Sie waren zutraulich und begeisterten ihn mit ihren hübschen kleinen Gesichtern, die bald europäische bald ostasiatische Züge aufwiesen. Er liebte sie alle und sie liebten ihn, weil er immer Rosinen und Zuckerstückchen in der Tasche hatte und großzügig verteilte. Als er einmal aus einer alten Berliner Zeitung einen Papierhut gefaltet und mit einer Hahnenfeder geschmückt hatte, wollten alle Kinder einen solchen Hut haben, und nachdem er ihnen gezeigt hatte, wie es geht, stolzierten am Abend alle Mädchen und Jungen mit einer solchen Kopfbedeckung durch das Dorf.

   Manche der Frauen mit ihren schönen, strahlenden Augen ließen sich von ihm fotografieren. Sie gingen unverschleiert, trugen aber ein hübsches, verziertes Käppchen auf dem schwarzen, braunen oder blonden Haar und saßen am Abend zusammen mit den Männern am Feuer, wenn es im Hof des Bauern Saut gesellig wurde. Nachdem die fremden Gäste alle Patienten behandelt und die täglichen Dokumentationsarbeiten abgeschlossen hatten, setzten sie sich in den Kreis der anderen, genossen ihre Musik, nahmen ein paar Züge aus der herumgereichten Wasserpfeife und lauschten den Geschichten, die erzählt wurden. Man lachte gern und fast immer hatte einer der Männer etwas Lustiges zum Besten zu geben. Zum Beispiel folgende Geschichte:

In Karachodscha gab es einmal einen eifrigen Mullah, der durch die Langweile seiner Predigten berüchtigt war. Gewöhnlich, besonders in der unerträglich heißen Sommerzeit schliefen seine Zuhörer ein, was den frommen Mann unsäglich ärgerte und betrübte. Eines Tages nahm ein alter Bauer aus der Umgebung an der Predigt teil. Er hörte aufmerksam zum während die anderen zu schlafen begannen, und nach einiger Zeit brach er in Tränen aus. Bis zum Ende der Predigt weinte er und der Mullah, entzückt sein Herz gerührt zu haben, sprach ihn an. „Bruder, habe ich dich auf den rechten Weg gewiesen? Hat Allah...“ „Ja, ja“, unterbrach ihn der Greis, „ja, du hast mich sehr gerührt! Weißt du, meine alte Ziege ist gestern gestorben, ja, und die hatte solch einen langen weißen Bart wie du – und wie du so eifrig redetest, da ging dein Bart – er sieht genauso aus – auch so hin und her! O weh! Ich muss weinen!“ Auch der Mullah ging weinend von dannen![5]

Die Zuhörer weinten nicht, sondern bogen sich vor Lachen. Sie lachten, bis sie nicht mehr lachen konnten, nahmen einen Zug aus der Wasserpfeife oder einen Schluck Tee und warteten auf die nächste Geschichte.

 

Als in Kocho die Feldarbeit weitere archäologische Untersuchungen unmöglich machte, begann Le Coq andere Orte der Umgebung zu erkunden. Überall gab es Ruinen von Tempeln, Stupas, Gräber, Felshöhlen. In manchen Höhlen hatten Hirten gehaust und Feuer gemacht, so dass man die Wandmalereien unter dem Ruß kaum noch erkennen konnte. Bei anderen waren von muslimischen Eiferern die Gesichter zerkratzt worden. Er besuchte den Höhlenkomplex von Bezeklik, wo er mit Bartus einige Jahre später viele Malereien ablösen und nach Deutschland schicken würde.

   In dem kleinen Dorf Tuyuk, von dem der Russe Klementz ebenfalls berichtet hatte, blieb Le Coq längere Zeit. Es liegt inmitten einer abschreckend öden, zerrissenen Gebirgslandschaft, die ein kleiner Fluss von Norden nach Süden zerschnitten hat, und dieser kleine Fluss schenkt seinem Tal eine außerordentliche Fruchtbarkeit. Die Menschen hatten schon in früher Zeit Kanäle gegraben, die das Wasser des kleinen Flusses überall im Tal verteilten, so dass hier neben vielen Obstsorten auch die berühmten Turpaner Trauben gediehen, süße, längliche, kernlose Früchte, die getrocknet die köstlichsten Rosinen geben und selbst in Peking, damals hundertfünfzehn Tagereisen weiter nach Osten, ein höchst geschätzter Handelsartikel waren.

   Der Imam von Tuyuk machte Le Coq mit einem jungen Mann bekannt, der ihm die Umgebung und die überall verstreuten Überreste alter Kulturen zeigen würde. Bahtiyar Adil war noch sehr jung, aber er kannte jeden Winkel des Tuyuk-Tales und führte den deutschen Forscher durch ein Gewirr von Felsen und Geröll bis weit hinauf an steile Berghänge, an denen hier und da alte Klöster wie Schwalbennester klebten. Alles war weitgehend verfallen, im Laufe der Jahrhunderte eingestürzt oder mutwillig zerstört worden. Nur in wenigen Stupas und Höhlen fanden sie ein paar halbwegs erhaltene Schriftdokumente oder Spuren von Wandmalereien. Sehr ergiebig verlief die Suche nicht, doch die Streifzüge mit dem fremden Herrn sollten für den Jungen aus Tuyuk zu einem unvergesslichen Erlebnis werden.

   Eines Tages zeigte er ihm auf einer Terrasse, die in schwindelnder Höhe aus einem beinahe senkrechten Berghang ragte, eine zweistöckige, weitgestreckte Klosteranlage. Wie waren die Erbauer und die Mönche nur hinaufgekommen? Und wie in aller Welt sollten Bahtiyar und der deutsche Forscher hinaufkommen? Allein, ohne Hilfsmittel? Für den Dorfjungen würde es kein sehr großes Problem darstellen, aber für den nicht mehr ganz jungen Deutschen schon. Bahtiyar, von Entdeckerehrgeiz gepackt, begann über einige Felsvorsprünge in die Höhe zu kraxeln.

   „Ich gehe vor,“ entschied er. „Folgen Sie mir. So schwierig ist es gar nicht.“

   So schwierig war es tatsächlich nicht, wenn man immer einen Schritt nach dem anderen tat, nicht in die Tiefe schaute und sich keine Gedanken darüber machte, wie porös das Gestein womöglich sein könnte. Prustend, mit zitternden Knien, aber unbeschadet erreichten sie die Terrasse und sahen sich vor den verfallenen Mauern eines riesigen Gebäudes. Vorsichtig tasteten sie sich voran. Hier war ein Saal oder eine Halle gewesen, hier die Zellen der Mönche. In eine der Mönchszellen war ein Felsblock gestürzt, Le Coq konnte dennoch erkennen, dass sie nach iranischem Muster angelegt war, mit einem Kamin und einer Pritsche und ringsherum einer Art Podium. In dieser Zelle fanden die beiden Kletterer, was sie gesucht hatten, und zwar weit mehr, als der deutsche Forscher sich hätte träumen lassen, und weit mehr, als sein junger Führer jemals für möglich gehalten hätte.

   In wirrem Durcheinander lagen hier unüberschaubare Mengen von alten Manuskripten: manichäische, christliche und buddhistische Handschriften, chinesische Rollen und indische Palmblatt- und Birkenrinde-Blätter, Reste einer Buchrolle in der noch unentzifferten Schrift der Hephthaliten, die man auch „weiße Hunnen“ nannte, und ein Blatt mit osttürkischen Runen. Man hatte versucht, diese große Anhäufung von Handschriften durch Feuer zu vernichten, aber offenbar hatte sie nicht brennen wollen, denn nur die Ränder einiger chinesischer Rollhandschriften waren verkohlt. Nach Le Coqs Schätzung mussten diese Dokumente aus dem 8. und 9. Jahrhundert stammen. Auch schöne Stickereien fanden sie zwischen den Papieren und einen Reliquienbehälter aus Holz, der in blauer, gelber, roter Farbe reich bemalt war.

   Bahtiyar stand neben dem Deutschen und beobachtet fasziniert, wie dieser immer aufgeregter wurde, je länger er die Papiere durchstöberte. Nie im Leben hätte er gedacht, dass solch alter Kram einen Menschen derart begeistern könnte. Es war doch nur uraltes Papier mit Zeichen, die niemand lesen konnte. Was wollte er damit tun? Wozu könnte es noch nützlich sein? Bahtiyar stand da und staunte.

   Als sie später zurück ins Dorf wanderten, machte sich Le Coq Gedanken darüber, wer ihm wohl bei der Bergung dieser vielen Schätze helfen könnte, da sich sein Mitarbeiter Bartus noch in Kocho befand und er viele Kisten und Kamele brauchen würde. Jetzt endlich wagte Bahtiyar zu fragen, ob er denn tatsächlich entschlossen sei, all dieses Papier mit in seine Heimat zu nehmen. Wozu die Mühe? Wozu die immensen Transportkosten?

   „Junger Mann“, erklärte Le Coq. „Diese Papiere sind tausend Jahre alt, vielleicht sogar noch älter. Trotzdem können Wissenschaftler in Europa die meisten Sprachen und Schriften lesen, auch wenn es sie heute gar nicht mehr gibt. Für uns ist es von größtem Interesse, so viel wie möglich über die alten Zeiten zu erfahren, über die Vorfahren der heutigen Völker, verstehst du? Ihr Uiguren oder Osttürken, ihr ward nicht immer Moslems. Auch deine Vorfahren, Bahtiyar, glaubten wahrscheinlich früher einmal an Mani oder an Buddha. Es ist wichtig für ein Volk, auf welche Vergangenheit es zurückblicken kann. Überhaupt ist es aufregend zu wissen, wie vielseitig und großartig die Menschheit ist.“

   Er hielt inne und sah seinen jungen Begleiter an, der sich bemühte, jedes Wort zu verstehen.

   „Für einen Wissenschaftler ist das außerordentlich spannend! Man wird in den Texten, die die Mönche über ihre Religion geschrieben haben, oder in ihren Gedichten zum Lobpreis Buddhas, und auch aus weltlichen Texten von Kaufleuten oder Verwaltungsbeamten unendlich viel neues Wissen bekommen. Deshalb sind diese alten Schriften von unschätzbarem Wert. Kannst du das verstehen?“

   Bahtiyar überlegte. Während er neben dem vor Begeisterung immer weiterredenden Deutschen durch die Felder des Tuyuk-Tals zurück ins Dorf wanderte, versuchte er sich vorzustellen, was tausend Jahre sind. Er war gerade einmal siebzehn. Sein Großvater war alt, aber noch lange keine hundert Jahre alt. Nein, tausend Jahre, das konnte er sich beim besten Willen nicht vorstellen. Und doch hatten die Menschen damals schon Klöster gebaut, Bilder in Höhlen gemalt und ganze Bücher geschrieben. Das war einfach unbegreiflich! Faszinierend war das! Und plötzlich verstand er, warum diese alten Dinge einen Menschen so begeistern konnten.

   Noch lange nachdem Le Coq abgereist war, streifte Bahtiyar, wann immer er nicht auf den Feldern seiner Familie gebraucht wurde, durch die Berge und suchte nach Spuren der Vergangenheit. Manchmal blieb er vor den Resten einer Wandmalerei stehen und begann zu träumen: Vor tausend Jahren... Jemand hatte gewusst, wie man bunte Farben herstellt. Jemand hatte zarte, schöne Bilder gemalt, auch wenn kaum noch etwas davon übrig geblieben war. Jemand hatte in diesen Bildern seinen Glauben ausgedrückt, und obwohl er kein gläubiger Moslem gewesen war, so muss er doch einen starken Glauben gehabt haben... Wie mögen die Menschen gewesen sein, die hier gelebt haben? Meine Urahnen vielleicht. Vielleicht hat einer meiner Ahnen auch Bilder gemalt oder Papiere beschrieben. Bahtiyar liebte diese Augenblicke, in denen er ganz allein mit der Vergangenheit war.

   Einmal fand er in einem verfallenen Stupa ein Bündel von alten Handschriften. Ehrfürchtig nahm er es auf und dachte an die Gelehrten in Europa, die dies lesen konnten. Er schlug es vorsichtig in seine Jacke ein und trug es beinahe andächtig nach Hause. Dort legte es, sorgsam verpackt in ein buntes Tuch, in einen verborgenen Winkel seines Schlafraums.

   Als er im Jahre 1916 wieder einmal dorthin kam, wo er mit dem deutschen Forscher das große Kloster auf der Felsterrasse durchsucht hatte, war es nicht mehr da. Es war abgestürzt. Von herabbrechenden Felsblöcken zerschmettert und in die Tiefe gerissen. Jetzt lag nur noch ein Trümmerhaufen am Fuß des steilen Berges.

 

Es regnet fast nie in der Turpan-Oase, aber einmal während Le Coqs Aufenthalt in Tuyuk passierte es doch. Er beschrieb es so:

„Eines Nachmittags verfinsterte sich der Himmel, ein entsetzliches Gewitter brach los und es regnete wie aus Mulden. In wenigen Minuten begann der Bach anzuschwellen, in einer halben Stunde trat er über die Ufer und in einer Stunde zog ein braunrotes, brüllendes Gewässer verheerend durch das Bachbett und die Umgebung der Ufer.“

Sogar das flache Lehmdach seines Zimmers begann an zu lecken und Ströme schmutzigen Lehmwassers ergossen sich von allen Seiten in den Raum. Dann hörte der Regensturm ebenso plötzlich auf, wie er begonnen hatte, aber die Folgen waren beträchtlich: überall Verwüstungen, Sand und Steine auf den überfluteten Feldern, sogar die Rosinenhäuser im Tal waren überschwemmt und zum Teil beschädigt worden. Diese seltsamen Bauten, eine Besonderheit der Turpan-Oase, sind aus Lehmziegeln so gemauert, dass zwischen den Ziegeln Öffnungen bleiben, durch welche Luft eindringen kann. So können die drinnen an Stangen aufgehängten Trauben bei der heißen Wüstenluft innerhalb kürzester Zeit trocknen, ohne etwas von ihrem Aroma zu verlieren.

   Wie an jedem Abend kamen auch heute alle Honoratioren des kleinen Ortes zum Haus des Imam, wo sie bei Tee und Wasserpfeife mit dem fremden Gast plaudern wollten. Ebenso wie in Karachodscha fehlte es nie an Gesprächsstoff, aber dieses Mal ging es natürlich vor allem um die Schäden, die der Regen angerichtet hatte. Alle hatten Verluste zu beklagen. Überall war etwas kaputt gegangen, vernichtet worden. Sie nahmen es gelassen. Sie klagten nicht. Sie jammerten nicht über ihr Los, da Allah unergründliche Wege ging, die die Menschen nicht immer begreifen konnten. Le Coq hätte gern erfahren, was die Dorfbewohner über andere Religionen wussten. War ihnen überhaupt bekannt, dass die Menschen in ihrem Dorf früher einmal Buddhisten gewesen waren und viele fremde Einflüsse, die über die Seidenstraße ins Land kamen, ihre Spuren hinterlassen hatten?

   Nein, dieses Thema fand nicht das geringste Interesse, aber eine Geschichte kannten sie doch alle. Eine Geschichte, die bestätigt, dass der Islam erst spät nach Turpan gekommen war:

Vor langer Zeit kamen sieben junge muslimische Prediger in die Stadt Kocho, aber der König und sein Volk waren treue Anhänger des Buddhismus und wollten nichts von einer neuen Religion wissen. Deshalb ließ der König die sieben Männer aus der Stadt vertreiben und schickte ihnen seine Soldaten hinterher. Sie liefen und liefen, erschöpft und krank vor Kummer. Sie liefen, bis sie bei dem Dorf Tuyuk eine Felshöhle fanden, in der sie sich versteckten. Die Soldaten waren schon nah, aber es bildete sich vor dem Höhleneingang ein Vorhang aus Spinnenweben, der so dicht war, dass die Soldaten sie nicht fanden. Dann schliefen die Männer ein.

Als sie erwachten, schauten sie vorsichtig hinaus, und da keine Gefahr zu drohen schien, ging einer von ihnen zum Basar, um Brot zu kaufen. Als er mit einer Münze bezahlte, staunten die Leute. Diese Münze gab es schon seit dreihundert Jahren nicht mehr. Alle Bewohner der Turpan-Oase waren jetzt Moslems, denn die sieben Prediger hatten dreihundert Jahre lang geschlafen.

Le Coq kannte diese Legende, denn es gibt sie nicht nur hier, aber in Tuyuk hatte man den sieben heiligen Männern, nachdem sie in hohem Alter gestorben waren, ein Grabmal errichtet. Davor stand nun eine Moschee und noch heute ist sie eine bekannte Pilgerstätte für Muslime aus aller Welt.

 

Le Coq und Bartus hatten viele Kisten gepackt: Kisten mit Handschriften, Kisten mit kostbaren Fundsachen und Kisten mit Wandmalereien. Diese waren in sorgfältigster Weise von Mauern oder Höhlenwänden gelöst worden. Wenn die Putzschicht, auf welche die Künstler sie gemalt hatten, dick genug war – mindestens fingerdick –, dann konnte man sie mitsamt dieser Schicht vorsichtig vom Gestein oder Mauerwerk trennen. Große Bilder mussten zuvor in rechteckige Felder zerschnitten werden, die in die Kisten passten, wobei man selbstverständlich auf Figuren und Muster Rücksicht nahm. Mit Decken, Stroh und anderem weichen Material wurden die Teile behutsam verpackt, und je zwei Kisten auf einen Kamelrücken geladen. Dann zog die Karawane über Turpan nach Urumchi, später mit Zug und Schiff nach Deutschland.

   Alle Kisten erreichten Berlin. Das Völkerkundemuseum hatte auf viele Jahre hinaus mit der Aufarbeitung zu tun. Wandmalereien wurden restauriert und für die Handschriften in der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften eine Abteilung geschaffen, die sich um die Erhaltung und Erschließung dieser Dokumente sorgen sollte: eine Jahrhundertaufgabe. Während des Zweiten Weltkriegs wurden bei einem Feuer ein Teil der Bilder verbrannt. Aber dennoch ist die Sammlung, die später ins Museum für Asiatische Kunst in Berlin-Dahlem umzog, eine der größten dieser Art und soll 2019 im Berliner Humboldt-Forum eine neue Heimat finden.

 

Auch das große Bild von Mani, das Le Coq an seinem ersten Tag in Kocho gesehen hatte, wurde im Zweiten Weltkrieg zerstört – ein großer Verlust für die Wissenschaft.

Hätte er es nicht mitgenommen, wäre es nicht verbrannt.

Hätte er es nicht mitgenommen, könnte man es vielleicht heute noch in Kocho bewundern.

Aber:

Hätte er es nicht mitgenommen, wäre es vielleicht zu Düngemittel verarbeitet worden.

Oder vielleicht hätten muslimische Fanatiker alle Gesichter zerkratzt.

Oder es wäre der Kulturrevolution zum Opfer gefallen.

 

[1] Xinjiang bedeutet „Neue Grenze“.

[2] Caren Dreyer: Abenteuer Seidenstraße. Die Berliner Turfan-Expeditionen 1902-1914

[3] Früher sagte man Turfan, heute eher Turpan, wie es der uigurischen Aussprache entspricht; die Chinesen sagen Tulufan. Zwischen 1902 und 1914 wurden vier Turfan-Expeditionen unternommen.

[4] Albert von Le Coq: Auf Hellas Spuren in Ost-Turkestan. Berichte und Abendteuer der II. und III. Turfan-Expedition, Leipzig, 1926

[5] Albert von Le Coq: Von Land und Leuten in Ostturkistan. Verlag der J.C. Hinrichs’schen Buchhandlung, Leipzig, 1928