Der Großvater

 

2015

‚Es dauert noch lange bis zur Zukunft‘, hatte Aygül gesagt, weil sie noch sehr jung war. Für ältere Menschen kommt sie schneller, manchmal sogar erschreckend schnell.

   Aygüls Großvater Erkin hatte seitdem viel über Vergangenheit und Zukunft nachgedacht und manchmal machte ihm der Gedanke an die Zukunft große Angst. Der Maler aus Deutschland hatte die Schüler gemahnt, sich auf die Wurzeln ihres Volkes zurückzubesinnen und stolz auf ihre Herkunft zu sein. Die Chinesen dagegen wollten, dass alle Uiguren zu Chinesen wurden. Sie seien nichts wert, solange sie Uigurisch sprachen und Allah anbeteten. Und sie sollten nicht nur ihre Sprache und Religion vergessen, sondern auch die alten Geschichten und Märchen, ihre ganze Kultur. Das Einzige, was man ihnen zugestand und was sogar Chinesen bewunderten, das war das Tanzen. Allenfalls noch die schönen bunten Atlasstoffe und die Musik. Aber im Grunde zählte nur noch, was die Chinesen diktierten.

   Er hatte sich schon früher manches Mal gefragt, warum man Xinjiang als Autonomes Gebiet bezeichnete. Er war kein gebildeter Mann. Er war zu einer Zeit zur Schule gegangen, als man dort nicht viel mehr lernte als politische Parolen, und später war er Bauer geworden. Aber die Männer im Dorf unterhielten sich oft über die Vorkommnisse im Land, zumindest seit der Öffnungspolitik, nachdem Mao gestorben war. Da war eine gute Zeit angebrochen: Alle hatten wieder ein Stück Land zugewiesen bekommen und jeder durfte seine Ernteerträge auf dem Basar verkaufen. Man fühlte sich frei. Beschwingt. Die Frauen trugen wieder Kleider und farbige Kopftücher, ließen ihr schönes Haar lang wachsen. Man spielte wieder die alten uigurischen Volkslieder anstatt Propagandamusik und die grässlichen Pekingopern von Maos Frau. Er selbst hatte sich ein eigenes Rosinenhaus gebaut. Ja, es war eine gute Zeit gewesen, erinnerte sich Aygüls Großvater. Aber in den letzten Jahren veränderte sich die Gesellschaft wieder. Es gab immer mehr Verbote, Einschränkungen, Diskriminierungen gegenüber den zugewanderten Han-Chinesen, die mit Privilegien überschüttet wurden. Immer häufiger hörte man von Unruhen im Land. Kleinere Proteste. Und jeder kleine Protest gegen Ungerechtigkeiten wurde mit blutiger Gewalt von Polizei und Militär niedergeschlagen. Nachdem es im Sommer 2009 im Urumchi eine große Protestdemonstration mit vielen Toten gegeben hatte, häuften sich die schlechten Nachrichten. Und seitdem Xi Jinping neuer Staatspräsident war, hatte der Druck noch weiter zugenommen. Es war beängstigend.

   Er verließ das Haus und schlenderte zum Dorfzentrum. Dort setzte er sich zu einigen Männern auf eine Mauer und schaute hinüber zur kleinen Moschee.

   „Wusstest ihr etwas über die Höhlen, wo die Archäologen arbeiten?“, fragte er die anderen. „Wusstet ihr, dass unsere Vorfahren große Künstler waren und dass einige ihrer Bilder überall auf der Welt in Museen ausgestellt werden?“

   Sie sahen ihn erstaunt an.

   „Wie kommst du darauf?“

   Erkin berichtete ihnen, was Aygül erzählt hatte, und warum es wichtig war.

   „Ich finde, der Mann hat Recht“, fuhr er fort. „Wir hören doch immer nur, wie großartig China ist. Wir sind auch großartig! Jedenfalls waren wir es einmal. Früher.“

   Ein alter Mann, schon an die neunzig, sagte:

   „Wir haben viel durchgemacht, wir Uiguren.“

   „Ja. Aber wir sind Uiguren geblieben. Und wir wollen es doch auch bleiben, oder nicht?“

   „Die Kinder reden Chinesisch“, meinte ein anderer Mann. Er hatte schneeweißes Haar und einen schütteren Bart. „Oder sie tippen auf diesen Dingern.“

   „Richtig. Mein Enkel auch. Unsere alten Märchen interessieren ihn nicht. Früher haben wir abends Geschichten erzählt, Sagen von Helden unseres Volkes und Legenden aus alter Zeit. Jetzt wollen die jungen Leute das nicht mehr hören.“

   „In der Schule lernen sie alles über chinesische Helden und im Internet über amerikanische Helden aus dem Weltall. Es ist ein Jammer!“

„Der Maler meint“, unterbrach Erkin das Klagen, „dass wir gegensteuern müssen, wenn wir nicht unsere Identität verlieren wollen. Wir dürfen nicht zulassen, dass unserer Kultur und Sprache von den Chinesen ganz ausgelöscht wird. Sie versuchen das ganz absichtlich, lassen die Kinder in der Schule nicht mehr Uigurisch sprechen, sagen, dass die Partei wichtiger sei als Allah, Geld wichtiger als Traditionen.“ Erkin hatte im Eifer immer schneller gesprochen, so dass die anderen Männer ihn verblüfft musterten. „In vielen Städten gibt es jetzt Internatsschulen, wo die Kinder die ganze Woche lang nichts als Chinesisch hören, und wenn sie dann am Wochenende nach Hause kommen, verstehen sie ihre Eltern nicht mehr!“

Die drei Männer saßen auf ihrer Mauer im Schatten eines Pappelbaums und schwiegen.

   „Wir können nichts tun“, meinte schließlich der alte Mann. „Wir können nur still sein, wenn wir keinen Ärger haben wollen.“

   „Selbst hier in unserem kleinen Dorf wimmelt es von Polizisten. Du hast doch gehört, wie schnell sie einen einsperren! Der Junge neulich – Abdureni heißt er, glaube ich – habt ihr nicht gehört? Dem haben sie sein Telefon, dieses moderne Ding, weggenommen, weil er darin ein Foto gespeichert hatte, das ihnen nicht gefiel. ‚Noch einmal‘, habe sie ihm gedroht, ‚dann nehmen wir dich auch mit!‘“

   „Es sind schon oft Leute verschwunden und keiner weiß, warum. Niemand sagt der Familie, wo er ist, warum er festgehalten wird.“

   „Ja, eine Nichte aus Urumchi hat neulich auch von so einem Fall erzählt: Ihre Freundin ist verschwunden. Einfach weg!“

   „Wisst ihr, was ich vor kurzem gehört habe“, schaltete sich jetzt ein etwas jüngerer Mann ein, der stehen geblieben war und zuhörte. „Ich weiß nicht, ob es stimmt, aber mehrere Leute aus Hotan haben es mir bestätigt.“

   „Was denn?“ Die anderen schauten ihn erwartungsvoll an.

   „Die Region Hotan gilt den Chinesen schon immer als besonders gefährlich. Rebellisch, wie sie sagen. Die Polizei stellt deshalb immer mehr junge Männer ein – die finden ja sowieso keine andere Arbeit, weil die guten Arbeitsstellen immer nur Chinesen bekommen. Also, diese jungen Polizisten kriegen die Anweisung, jeden Monat soundso viele verdächtige Uiguren festzunehmen. Verdächtig wegen religiösen Extremismus zum Beispiel oder wenn sie einen zu langen Bart tragen, zu oft in die Moschee gehen, oder Frauen, die ihr Gesicht verschleiern, Jungen, die religiöse Texte in ihrem Handy haben oder Bilder von uigurischen Dissidenten oder ausländische Kontakte haben oder ich weiß nicht was. Oder auch Leute, die sich auf der Straße versammeln, ohne eine offizielle Genehmigung zu haben. Es ist so vieles verboten. Also, wenn diese armen jungen Kerle am Ende des Monats nicht die festgesetzte Anzahl von Verhaftungen erreichen, müssen sie sich irgendetwas ausdenken, sofern sie nicht selbst in Schwierigkeiten geraten wollen.“

   Die drei alten Männer starrten den Sprecher an.

   „Glaubst du das?“

   „Ich glaube es, weil der Freund meines Neffen einer dieser jungen Polizisten ist. Er hat es erzählt und ich kann mir nicht vorstellen, dass er mit solchen Geschichten angeben will.“

   „Ich weiß nicht...“

   Eine Weile schwiegen alle und ließen ihren Blick über das Dorf und die kleine Moschee schweifen.

   Erkin fühlte sich bedrückt und versuchte, Ordnung in seine Gedanken zu bringen. Sie waren zu widersprüchlich. Verwirrend. Da waren einerseits diese Ereignisse, die einem Angst machen konnten. Er hatte selbst nie etwas mit der Polizei zu tun gehabt, aber natürlich konnten nicht alle jungen Leute Ungerechtigkeiten so gelassen hinnehmen wie ein alter Mann. Er verstand, dass sie wütend wurden, wenn man ihnen nichtige Vergehen vorwarf, das Handy wegnahm, verächtlich auf sie herabschaute, weil sie Uiguren waren, sie verspottete, weil sie nicht so gut Chinesisch sprachen wie ein Chinese, und ihnen keine Arbeit gab. Keine Zukunft. Was würde werden, wenn Wut und Hoffnungslosigkeit immer größer wurden? War diese gefährliche Entwicklung überhaupt noch aufzuhalten? Die Regierung schien nicht zu einem Einlenken bereit zu sein, und vielleicht war der Hass auf beiden Seiten auch schon viel zu groß geworden, um eine friedliche Lösung überhaupt noch möglich zu machen.

   „Warum dürfen wir nicht so leben, wie Uiguren immer gelebt haben?“

   Diese Worte hatte Erkin laut gesprochen, aber er erwartete keine Antwort, sondern stand auf und ging nach Hause. Er war zu aufgewühlt, um noch weiterreden zu mögen. Er musste in Ruhe nachdenken.

 

Vieles war in den letzten Jahren schlechter geworden: die vielen Einschränkungen, Diskriminierungen, Verbote – warum durfte man nicht die Moschee im Nachbardorf besuchen? Warum musste man am Eingang seinen Ausweis vorzeigen? Warum hingen riesige Bilder der Staatspräsidenten am Portal und drinnen die Fahne der Volksrepublik? Was hatte Politik mit dem Glauben an Allah zu tun? – Das Land verschmutzte und vertrocknete. Wasser wurde für Staatsfarmen und Industrie verschwendet: ungeheure Mengen von Wasser, die das Karez-System schon lange nicht mehr hergeben konnte. Vor Jahren hatte es bereits geheißen, dass der Grundwasserspiegel bedenklich gesunken sei... Die Sandstürme nahmen zu. Staub ohne Ende. Zwar gab es keine Atomwaffenversuche mehr in Lop Nor, aber das ganze Gebiet war verseucht, für Jahrhunderte, Jahrtausende, und der Wind brachte den Staub in die Oase. Woher kamen denn sonst all die Krankheiten? Immer wieder hörte man von Leukämie, Lähmungen, Missbildungen bei Neugeborenen... Niemand wollte die Verantwortung tragen, alles reiner Zufall... Die Nachrichten zeigen blühende Landschaften im Osten, aber nicht unsere vertrockneten Gärten. Zwar haben wir noch unseren kleinen Tuyuk-Fluss, aber woanders versanden und versalzen die Flüsse, heißt es.

Großvater Erkin saß an seinem Lieblingsplatz auf dem Dach und grübelte stumm vor sich hin. Es war fast Abend geworden. Aygül hatte ihre Hausaufgaben fertig und schaute herauf.

   „Komm, setz dich zu mir, Kind!“

   Aygül war im letzten Jahr groß geworden, schon fast eine junge Frau. Selbstbewusst. Undenkbar, dass die Eltern bald einen Ehemann für sie wählen sollten! Wie sehr hatten sich die Zeiten geändert! Und nicht alles war schlechter geworden, sagte sich Erkin: Es war gut, dass dieses Mädchen seinen eigenen Weg gehen durfte. Sie würde wissen, was das Beste für sie und die Zukunft war. Sie sprach schon jetzt ausgezeichnet Chinesisch und bekam immer gute Noten in der Schule. Sie war fleißig und klug. Wenn sie als Uigurin eine Chance bekäme, würde sie mir ihrer Intelligenz und Aufgeschlossenheit Großes leisten können. Doch – würde sie diese Chance bekommen?

   „Großvater, was bedeutet Autonomie? Ich habe im Internet nachgelesen, aber ich verstehe es trotzdem nicht. Da steht so etwas wie Selbstbestimmung, Unabhängigkeit. Wenn Xinjiang ein Autonomes Gebiet ist, dann müssten wir Uiguren also selbst bestimmen dürfen, welche Sprache wir sprechen, oder? In der Schule dürfen wir aber nicht mehr Uigurisch sprechen, nicht einmal in der Pause. Natürlich tun wir es trotzdem manchmal, aber offiziell ist es verboten. Verstehst du das?“

   „Ja, mein Kind, das ist ein Problem und ich denke in letzter Zeit oft darüber nach. Ich weiß leider nicht viel und es ist schwer, mit jemandem offen über diese Dinge zu sprechen. Es ist gefährlich, über Politik zu sprechen. Wir Uiguren werden immer verdächtigt, einen Aufstand anzuzetteln, die Sicherheit des Staates zu gefährden. Wir leben hier in Tuyuk sehr abgeschieden, aber einige meiner Freunde haben Kinder in der Großstadt, in Kashgar oder Hotan, und die erzählen schlimme Dinge.“

   Er sah seine Enkelin forschend an. Was wusste sie darüber?

   „Ein paar Jungs aus meiner Schule sind wütend. Einem wurde sein neues Smartphone weggenommen. Er hatte es gerade erst geschenkt bekommen und war so stolz darauf. Gestern Nachmittag haben ihn zwei Polizisten plötzlich auf der Straße angehalten und verlangt, dass er es vorzeigt. Dann haben sie gesucht, was alles drauf ist, und behauptet, er hätte gefährliche Texte gespeichert, über Separatismus oder so etwas, und sie müssten es beschlagnahmen. Er selbst hat keine Ahnung, welche Texte sie meinten. Er ist total sauer. Alle sind wütend.“

   Großvater Erkin dachte voller Sorge: ‚So fängt es an. So treiben sie die Uiguren ja geradezu in den Widerstand. Selbst harmlose Jugendliche bringen sie mit ihren sinnlosen Verdächtigungen gegen sich auf! Ist das Absicht? Oder Dummheit? Was denkt die Regierung, was sie mit Unterdrückung und Verboten erreicht? Wollen sie den Hass immer weiter schüren?‘

   Laut sagte er:

   „Ich verstehe es nicht, Aygül, und ich mache mir große Sorgen. Es gibt so viel Unruhe. Ich weiß nicht, warum Uiguren und Chinesen nicht friedlich miteinander leben können. Unser Ostturkestan gehört nun seit Jahrzehnten zur Volksrepublik. Ob es recht war, damals, als die Volksbefreiungsarmee das Land besetzte, das weiß ich nicht. Ich verstehe nichts von Politik. Aber nun ist es so, und wenn man uns gerecht und gleichberechtigt behandeln würde, dann gäbe es wahrscheinlich auch gar kein Problem. Aber die Chinesen behandeln uns nicht wie Gleichberechtigte, sondern wie Menschen zweiter Klasse. Wir werden immer wieder benachteiligt, während die Han-Chinesen Privilegien bekommen. Und in jedem kritischen Wort sehen sie Protest und eine Gefahr für China. Ich verstehe das wirklich nicht.“

   „Wir haben im Geschichtsunterricht gelernt, wie das chinesische Kaiserreich entstanden ist: Kaiser Qin Shihuangdi hat 221 v.d.Z. alle umliegenden Völker unterworfen und vereinigt. Später haben auch die Mongolen eine Dynastie gegründet und dann haben die Mandschus geherrscht. Trotzdem sehen sich alle Chinesen als Han und glauben besser zu sein als Uiguren? Wie kommen sie darauf?“

   „Du stellst Fragen, Kind! Sei nur vorsichtig!“

   „Ich weiß.

   „Nun, ich denke auch, dass Autonomie eigentlich bedeuten sollte, dass wir als größte Minderheit in Xinjiang zumindest ein wenig Recht auf Mitbestimmung haben sollten. Ich kenne die Gesetze nicht und vielleicht sollen wir sie auch gar nicht kennen sollen, weil sie ja sowieso nicht eingehalten werden.“

   Weder Erkin noch einer seiner Freunde kannte die chinesische Verfassung. Sie kannten auch nicht die Autonomiegesetzte von 1955. Sie wussten nur, dass die Volksrepublik China immer und überall als ein großartiger, gerechter und kulturell aufgeschlossener Vielvölkerstaat gepriesen wurde. Hin und wieder hörte man in den Nachrichten etwas über aufsässige Uiguren, die den inneren Frieden dieses großartigen Staates stören wollten. Doch ob diese Berichte tatsächlich der Wahrheit entsprachen, und wenn ja, wie und warum es zu Ausschreitungen gekommen war, danach fragte niemand.

   „Glaubst du, Großvater, dass man in Peking oder Shanghai auch den jungen Chinesen das Handy wegnimmt?“

   „Wohl nicht. Das ist die ja Wurzel allen Übels: Wir sind nicht alle gleich...“

   „Sind wir doch!“, unterbrach ihn Aygül heftig. „Wir haben gelernt: Alle Bürger der Volksrepublik China sind vor dem Gesetz gleich.“

   „Ja.“

   „Ja und was?“

   „Ja, vielleicht steht es irgendwo so geschrieben. Ich weiß es nicht. Aber wir Uiguren werden trotzdem nicht gleich behandelt. Sieh mal...“

   „Aber das ist es ja, Großvater!“, rief Aygül zornig. „Und warum nicht? Ich finde, das ist sehr schlimm. Die Jungs überlegen schon, was sie mit den dämlichen Polizisten machen sollen, die sich so allmächtig aufgeführt haben. Sie waren selber noch ganz jung und taten so, als seien sie die Herren über alles. Das ist gefährlich. Wenn unsere Jungs nun etwas planen, um ihnen eins auszuwischen, sich zu rächen? Das macht mir richtig Angst!“

   „Mir auch“, murmelte Großvater Erkin, „mir auch.“