Der Mönch

 

630 n. Chr.

Ein chinesischer Mönch war gekommen. Er sei aus Chang’an, der Hauptstadt des Kaiserreiches, hieß es, und wolle weiter nach Indien. Man erzählte sich, dass er ohne die Erlaubnis des Kaisers aufgebrochen sei. Er hatte die Wachmänner überredet, ihn bei Nacht heimlich aus der Stadt herauszulassen, und war dann durch die Wüste Gobi gewandert, bis er unbemerkt die Zollgrenze am Yumenguan Pass, dem Jadetorpass, westlich von Dunhuang überwinden konnte. So war er über Kumul bis in die Turpan-Oase gelangt. König Qu Wentai hatte ihn willkommen geheißen und eingeladen zu bleiben. Er wollte ihn sogar zum königlichen Lehrer ernennen, doch Xuanzang, der chinesische Mönch, lehnte ab. Zuerst war der König zornig geworden, hatte gedroht, ihn nach China zurückzuschicken, doch als der Mönch in einen Hungerstreik trat, um ihm zu zeigen, dass er lieber sterben als bleiben würde, da war der König so sehr von seiner Entschlossenheit beeindruckt, dass er ihm unter dem Versprechen, auf dem Rückweg wiederzukommen, Geld und Kleidung, Pferde und Geleit für die Weiterreise gab. Auch stellte er ihm Empfehlungsschreiben an alle Könige der westlichen Regionen aus, selbst an den gefürchteten türkischen Khan, der bis an Indiens Grenzen herrschte. Nun war Xuanzang nicht mehr ein flüchtiger Mönch, sondern ein angesehener, im Auftrag des Königs von Turpan reisender Pilger. Die ganze Stadt sprach über nichts anderes.

 

Abdurihim war in einem kleinen Dorf aufgewachsen und schon als Junge von seinen Eltern in ein Kloster der Stadt Kocho gegeben worden, weil sie es als ihre Pflicht ansahen, einen ihrer Söhne dem Kloster zu widmen. Er vermisste seine Familie nur selten. Zwar war das Leben als Novize hart und entbehrungsreich, aber er genoss ein gewisses Ansehen in der Bevölkerung, und wenn er durch die Straßen der Stadt lief, fand er immer etwas Interessantes zu sehen. Das Zentrum mit dem Königspalast und den vielen heiligen Orten mied er gewöhnlich, aber wann immer er den Klostermauern entwischen konnte, steifte durch die Außenbereiche der Stadt. Dort, wo die einfachen Leute lebten, wo die Kaufleute ihre Geschäfte hatten und Karawanen kamen und gingen, da roch es nach Kamelen. Da sah er fremde Menschen in bunten, staubigen Kleidern; da hörte er sie in vielen Sprachen sprechen, feilschen, schimpfen, Geschichten erzählen und singen. Niemand beachtete ihn, weil sie zu geschäftig waren, und wenn sie ihn doch einmal bemerkten, dann nickten sie ihm freundlich zu. Manch einer schenkte ihm sogar ein Brot oder einige Weintrauben.

   Diese Ausflüge waren für Abdurihim die aufregendsten Erlebnisse seiner Kindheit, denn sie zeigten ihm, dass die Welt viel größer war, als er sie kannte. Nun war er kein Kind mehr. Er hatte gelernt, sich den strengen Regeln des Klosterlebens zu fügen, doch die Sehnsucht nach etwas unbekanntem Neuem steckte noch immer in ihm und daher ließ ihm die Nachricht von dem Besuch des fremden Pilgermönchs aus China keine Ruhe.

   Man erzählte sich, dass er aus Furcht vor den Soldaten des Kaisers nur nachts gereist sei und sich am Tage versteckt habe, denn Kaiser Taizong hatte alle Auslandsreisen verboten, weil die Gebiete entlang der Seidenstraße zu dieser Zeit noch unter der Herrschaft der Göktürken standen. Xuanzang hatte sich jedoch nicht aufhalten lassen. Der Glaube an seine Mission hatte ihm Kraft gegeben. Er war schon mit dreizehn Jahren zum Buddhismus konvertiert, obwohl ihn seine Eltern in der Lehre des Konfuzius erzogen hatten. Er hatte mit Feuereifer alle chinesischen Übersetzungen der heiligen indischen Texte gelesen, sie jedoch als widersprüchlich und unzufrieden stellend empfunden, so dass er selbst nach Indien reisen wollte, um die Originaltexte im Ursprungsland des Buddhismus zu studieren. Nun war er in Abdurihims Stadt gekommen und der junge Mönch wünschte sich nichts mehr, als dem berühmten Mann vor seiner Abreise einmal persönlich zu begegnen.

   „Auch wenn ich ihn nur von Weitem sehen kann“, sagte er zu sich selbst, „ich werde trotzdem spüren, welche Kraft in ihm ist. Und vielleicht schenkt er mir einen Funken seiner Kraft, damit ich endlich weiß, was ich tun muss. Ich möchte mein Leben für etwas Großes nutzen. Mich drängt es, etwas zu tun, was der Lehre Buddhas würdig ist, und ein kluger Mann wie er kann mir gewiss einen Weg weisen.“

   So ging Abdurihim fast jeden Mittag nach dem täglichen Meditieren und Studieren in die Nähe des Königspalastes und sprach die Pferdeknechte an, unterhielt sich mit den Kameltreibern, die die Karawane für Xuanzang und sein Gefolge zusammenstellten. Er schaute ihnen zu oder stellte Fragen und wartete, ob nicht vielleicht der berühmte Mönch einmal erscheinen und nach dem Rechten sehen würde.

   „Sei gegrüßt, junger Bruder“, sagte der eines Tages. „Möchtest du mich begleiten? Nach Nalanda?“

   Abdurihim hatte Xuanzang nicht bemerkt, weil er gerade nach den Pferden Ausschau gehalten hatte, die ihm so sehr gefielen. Verwirrt wandte er sich um, legte beide Handflächen aneinander und verneigte sich. Auch der berühmte Mönch begrüßte ihn auf diese Weise und lächelte freundlich.

   „Du interessierst dich für Pferde?“

    „Ja“, stammelte Abdurihim in seiner Aufregung. „Ja, ich mag Pferde. Sie sind schön...“ Er wusste nicht, was er sagen sollte, und so sagte er, was ihm als Erstes einfiel: „Ich hab versucht, Eure Pferde zu malen, aber meine Bilder sind nicht so schön wie die lebendigen Tiere.“

    Abdurihim fühlte sich erbärmlich. Nun hatte er seit Wochen auf diesen kaum vorstellbaren Moment gewartet, hatte sich Tag und Nacht überlegt, wie er den ehrwürdigen Mönch ansprechen würde, falls er je einmal die Gelegenheit dazu bekommen sollte. Und nun war die Gelegenheit plötzlich da und er wusste nichts Besseres als über seine kindischen Malversuche zu sprechen. Wie dumm er doch war! Wie klein und einfältig gegenüber diesem gelehrten Mann! Er blickte verlegen zu Boden. Am liebsten hätte er sich in Luft aufgelöst. Oder wäre vom Erdboden verschluckt worden.

    „Du kannst malen? Das ist wunderbar!“, sagte Xuanzang. „Wenn du malen kannst, dann übe dich in dieser Kunst und male! Übe so lange, bis du mit deinen Bildern zufrieden bist. Dann werden auch andere Leute zufrieden sein und dir viele Aufträge geben.“

    Als Abdurihim ihn nur verwundert anstarrte, fuhr er fort:

    „Künstler sind wichtig. Vor langer Zeit haben uns indische Mönche in der Lehre Buddhas unterwiesen. Sie haben viele Schriften mitgebracht und später sind chinesische Mönche nach Indien gereist, um weitere Schriften zu sammeln. Aber nur wenige Menschen können diese Schriften lesen. Nur Mönche können es. Verstehst du, warum wir Bilder brauchen? Wenn kein Mönch da ist, um die Menschen zu lehren, dann können sie Bilder ansehen und sich den Buddha Siddhartha Gautama vorstellen. Sie können mit den Bildern meditieren und sich an Geschichten aus Buddhas Leben oder an die Bodhisattwas erinnern, die durch ihre Tugendhaftigkeit anderen helfen, sich auf den Weg der Erleuchtung zu begeben. Darin können sie einen Halt finden. Sie können die Bilder lesen, verstehst du? Deswegen sind Künstler ebenso wichtig wie Mönche. Was meinst du?“

    Abdurihim befand sich in einem Zustand absoluter Faszination. Er war so fassungslos, dass er in diesem Moment gar nichts meinen konnte. Er konnte nur staunen und Xuanzang voller Bewunderung ins Gesicht starren. Der Mönch war gar nicht alt. Kein ehrwürdiger alter Herr, sondern ein lebensstarker, kräftiger Mann mit kahl geschorenem Kopf und klugen Augen, die den Jungen, der wie in Meditation versunken vor ihm stand, mit einem geduldigen Lächeln anschaute.

    „Hast du mich verstanden?“

    „Das... das ist... ja, natürlich. Das ist... ich werde es tun. Natürlich werde ich es tun“, stammelte Abdurihim. „Habt Dank, Herr... danke!“ Er verneigte sich unbeholfen, ohne aufzusehen, denn er war viel zu aufgeregt, um dem verehrten Mann in die Augen zu sehen.

   Xuanzang lächelte.

 

Wenige Tage nach diesem Gespräch brach Xuanzang auf. Er sollte siebzehn Jahre in Indien bleiben und kehrte mit 675 Schriftrollen zurück, auf denen die buddhistischen Lehren in Sanskrit, der alten indischen Sprache, festgehalten waren. Die Übersetzung der Texte dauerte noch einmal siebzehn Jahre. Aber nun empfing ihn Kaiser Taizong mit großen Ehren, unterstützte ihn und baute ihm sogar eine Pagode, wo er in Ruhe seinen Übersetzungsarbeiten nachgehen konnte: die Große Wildganspagode von Chang’an.

   Abdurihim sah Xuanzang nicht wieder. Er hätte ihm gern für seinen Rat gedankt, denn er war tatsächlich Maler geworden, doch der Gelehrte reiste im Jahr 644 über die Südroute der Seidenstraße zurück nach China und kam nicht, wie ihm König Qu Wentai geheißen hatte, nach Turpan.

   Abdurihim hatte damals lange nachgedacht. Er mochte malen, aber er wusste kaum etwas über Kunst. Er war an den eintönigen Tagesablauf im Kloster gewöhnt, lernte meditieren und heilige Texte zu studieren. Er kannte die Bilder, die sein Kloster schmückten, und er wusste, dass es in den Bergen viele Stätten mit Höhlentempeln gab, die schon vor mehreren Jahrhunderten mit Wandmalereien ausgestaltet worden waren. Eines Tages bat er um die Erlaubnis, sich für einige Tage in die Stille der Natur rückziehen zu dürfen, um über seine Bestimmung nachzudenken.

   Er wanderte nach Osten in Richtung der Flammenden Berge. In einem kleinen Tal bei dem Dorf Singim blieb er, denn hier gab es eine ganze Reihe von Höhlen, in denen er unterkommen konnte. Niemand störte sich an seiner Anwesenheit, denn ein Mönch war immer gern gesehen. Den Dorfbewohner galt es als Ehre, einen Mönch mit Lebensmittel versorgen zu dürfen. Abdurihim wählte sich eine der Grotten, legte sein Bündel nieder und sammelte Reisig, um sich ein Lager einzurichten.

   Dann untersuchte er jede einzelne der Höhlen. Manche waren klein, andere größer; einige leer und andere mit Malereien geschmückt. Abdurihim hielt den Atem an. Er sah große und kleine Bilder, die den meditierenden Buddha darstellten oder Szenen aus seinem Leben und dem der Bodhisattwas. Er wusste, dass die Lehre schon vor hundert oder sogar zweihundert Jahren in die Turpan-Oase gekommen war, und daher waren diese Bilder vielleicht schon sehr alt. Ehrfürchtig stand er da und staunte. Lange Zeit betrachtete er die Bilder und dachte an Xuanzang, der gesagt hatte, man könne Bilder lesen. Ja, natürlich konnte man diese Bilder lesen! In einer der Höhlen blieb er stundenlang, um sich in die Darstellungen hinein zu vertiefen, alle Details zu erfassen und auf sich einwirken zu lassen. Er stellte sich vor, wie einst Mönche aus den Klöstern von Kocho hierhergekommen waren, um für eine Weile dem streng geregelten Ordensleben den Rücken zu kehren und sich in der Stille dieses kleinen Tals der Meditation hinzugeben und sich zu vervollkommnen.

   Wie herrlich müsste es sein, hier zu leben! Hier in diesem Tal mit dem sprudelnden Flüsschen, das aus den zerklüfteten, roten Bergen trat und Gras und Buschwerk wachsen ließ! Es war der ideale Rückzugsort für einen Mönch, der sein Leben der Meditation und Malerei widmen wollte.

   Aber Abdurihim konnte nur malen wie ein Kind. Ein begabtes Kind vielleicht, doch mehr nicht.

   „Ich werde in die Lehre gehen!“, rief er in plötzlicher Gewissheit. Es war ihm auf einmal so klar wie nichts zuvor in seinem Leben, dass man seinen Glauben nicht nur in Gebeten und Meditation verwirklichen kann, sondern auch in der Vervollkommnung seiner künstlerischen Fähigkeiten. Er hatte die Freude am Malen sicher nicht umsonst geschenkt bekommen. Nein, es war seine Aufgabe! Sein Weg. Für ihn würde die Malerei ein Weg zur Erleuchtung sein. Vielleicht... Doch zuvor musste er noch viel lernen.

   Nachdem er einige Tage in diesem freundlichen kleinen Tal verweilt hatte, machte er sich zurück auf den Weg ins Kloster.

   Er würde nach Bezeklik gehen müssen. Dort sollte ein großer Höhlenkomplex entstanden sein, an dem immer noch gebaut wurde. Viele reiche und mächtige Herren stifteten Höhlen, um Buddha zu danken oder um etwas zu bitten. Oder sie wollten einfach der Ordensgemeinschaft helfen und etwas Gutes tun. Dort waren sicher viele Künstler bei der Arbeit. Er würde ihnen zuschauen und von ihnen lernen.

   „Meister“, sagte er zum Abt, „wenn ich mein Gelübde abgelegt habe, möchte ich für einige Zeit fortgehen, um die Malerei zu studieren. Bitte, gebt mir die Erlaubnis. Ich fühle, dass es meine Aufgabe ist, all das, was wir aus den alten Schriften gelernt haben, in Bildern darzustellen, damit auch diejenigen, die keine Texte lesen können, diese Dinge verstehen.“

   Der Abt sah Abdurihim lange nachdenklich an, ehe er antwortete:

   „Ich habe diese Bitte erwartet, Abdurihim. Seit einigen Wochen schon. Der große Xuanzang hat sich nach dir erkundigt. Du hattest mit ihm gesprochen?“

   Der junge Mann starrte den Abt verblüfft an: „Ja... nein. Ja, er hat mit mir gesprochen... Er hat gesagt, dass auch Künstler eine wichtige Aufgabe haben.“

   „So ist es. Er hat mich überzeugt und ich vertraue dir, dass du den rechten Weg nicht verlieren wirst, wenn du unser Kloster verlässt. Hier können wir dir nicht weiterhelfen. Wenn du aber ein guter Maler werden willst, dann musst du das Handwerk von Grund auf erlernen.“

   Er schaute Abdurihim ernst an. Dann gab er ihm einen väterlichen Klaps auf die Schulter und mahnte:

   „Nun geh, Junge. Du hast noch viel zu lernen, wenn du bald dein Gelübde ablegen willst!“

 

Der Höhlenkomplex von Bezeklik, der „Ort, wo es Malereien gibt“, lag auf einer Felsterrasse hoch über dem Tal des Murtuk-Flusses in den Flammenden Bergen. Schon im fünften Jahrhundert hatte man angefangen, hier eine Klosteranlage und Tempel zu bauen und mit Malereien und Skulpturen auszuschmücken.

   Abdurihim begab sich eines Morgens auf den Weg nach Singim und folgte dann dem Tal in nördlicher Richtung, bis er an die Stelle gelangte, wo zwischen steilen Uferklippen der Murtuk-Bach in den Fluss mündete. Er fühlte sich wie beseelt in dieser romantischen, manchmal beinahe gespenstischen Natur, die ihn mit ihrer Stille umhüllte. Nur das Plätschern des Flusses und das Rascheln unter seinen Füßen begleiteten ihn. Hier und da flog ein Vogel auf. Er wanderte durch kleine schattige Pappelwälder oder durch das dichte Schilf der Ufer, hinter dem die zerklüfteten, rötlichen Berge aufragten. Als er auf einige Lehmbauten stieß, erkundigte er sich bei den Bewohnern nach dem Weg und kletterte dann, wie sie ihm gewiesen hatten, am rechten Ufer über eine steile Treppenanlage die Klippe hinauf, bis er einen schmalen Pfad erreichte, der zur Klosteranlage führte.

   Hier herrschte große Geschäftigkeit. Handwerker eilten vorbei oder waren in ihre Arbeit vertieft. Einige schlugen mit Meißeln ins Felsgestein, andere schichteten Lehmziegel aufeinander oder schleppten Holzbalken, die offenbar zu einem Vordach zusammengefügt werden sollten. Abdurihim blieb stehen, um diese unerwartete Lebendigkeit in sich aufzunehmen. Eine derart große Tempelanlage hatte er nicht erwartet. Im Grunde hatte er gar keine Vorstellung von dem gehabt, was ihn hier erwartete, weil er nur an Malerei dachte, aber dass es hier so viele Höhlen und Bauwerke und so viele Menschen gab, das hätte er sich im Traum nicht vorstellen können.

   Langsam schlenderte er auf der breiten Felsterrasse entlang, ohne dass ihn jemand beachtete. Am nördlichen Ende befand sich ein kleines Kloster. Er blieb davor stehen, unschlüssig, was er nun tun sollte. Durfte er einfach eine der Höhlen betreten und von innen ansehen? Oder sich nach einem berühmten Maler erkundigen? Nein, es wäre ungehörig gewesen, die Handwerker bei ihrer Arbeit zu stören. Aber irgendetwas musste er tun. Irgendjemanden musste er ansprechen, wenn er hier nicht verdursten wollte. Da kam ein Junge an ihm vorbeigerannt.

   „Sag bitte, kannst du mir helfen?“

   „Keine Zeit“, keuchte der Junge. „Ich muss...“ Dann dreht er sich aber noch einmal um, weil ihm plötzlich gewahr wurde, dass der Fremde ein Mönch war, und zu einem Mönch muss man immer höflich sein.

   „Weißt du vielleicht, wo ich einen Maler finde?“

   „Klar, komm! Aber bitte schnell, sonst schimpft er.“

   Sonst schimpft er?

   Egal, was das zu bedeuten hatte, Abdurihim folgte dem Jungen, der sich eilig zwischen den arbeitenden Männern hindurchschlängelte, bis der vor einem Höhleneingang stehen blieb.

   „Warte hier, sonst schimpft er“, wies der Junge den jungen Mönch an und verschwand im Dunkel.

   Abdurihim gehorchte, obwohl ihm sein Verhalten seltsam vorkam, und wartete. Er wartete lange. Die Betriebsamkeit um ihn herum empfand er seltsamerweise als beruhigend. Er fühlte sich von Leben umgeben, so ähnlich wie früher, als er in Kocho den Händlern und Karawanen zugesehen hatte. Es war so ganz anders als im Kloster, wo selten Unruhe herrschte und niemand seinen Brüdern laute Anweisungen zurief, so wie die Männer hier es taten.

   Nach einer Weile erschien ein Mann im Höhleneingang. Er war groß und kräftig, sein Haar zeigte bereits erste graue Strähnen und seine dunklen Augen funkelten den jungen Mönch streng und neugierig an.

  „Ja?“

   Abdurihim verneigte sich mit vor der Brust zusammengelegten Händen und grüßte.

   „Ihr seid Maler, Herr?“, fragte er.

   „Ja. Und...?“

   „Ich möchte die Malerei studieren. Würdet Ihr mich in die Lehre nehmen?“

   Der Maler lachte.

   „Ihr seid Mönch, junger Mann! Oder etwa nicht? Ihr solltet beten!“

   „Ich möchte beten und malen, Herr. Es ist meine Bestimmung. Ich weiß es und der Abt meines Klosters in Kocho schickt mich, damit ich lerne, das Beste aus meinem Talent zu machen.“

   „So, Talent hast du also?“ Der Maler schmunzelte belustigt über so viel Zuversicht. „Gut, dann zeig’s mir doch mal!“

   Er wischte mit dem Fuß über eine Sandfläche, um sie zu glätten, und sagte:

   „Hier, zeichne was.“

   Abdurihim hockte sich auf die Fersen. Er fuhr einige Male mit dem Zeigefinger über die Fläche und im Nu erschien darauf ein Pferd, das mit wehender Mähne und fliegenden Hufen über die Felsterrasse von Bezeklik galoppierte. Der Maler hatte sich neben Abdurihim gestellt und sah schweigend zu.

   „Ich werde dich aber nicht wie einen Mönch behandeln, sondern als meinen Lehrling, der mir aufs Wort zu gehorchen hat!“ Mehr sagte er nicht.

   „Danke, Meister.“ Abdurihim verneigte sich ehrerbietig und überglücklich, denn er spürte, dass er in diesem strengen, wortkargen Mann den richtigen Lehrmeister gefunden hatte.

   Auch der Maler verbeugte sich kurz und sagte:

   „Geh jetzt mit Rahman, ich brauche noch mehr Pigmente. Roten Ocker vor allem.“

   Rahman war der Junge, mit dem Abdurihim gesprochen hatte. Auch er hatte zugesehen und strahlte den jungen Mönch jetzt begeistert an.

   „Wie hast du das gemacht? Ich hab noch nie erlebt, dass der Meister nicht an einem Bild herumnörgelt. Aber wir arbeiten sowieso nur mit Schablonen... Kennst du dich mit Pigmenten aus? Komm, wir sollten uns lieber beeilen.“

   Abdurihim ließ sein Bündel vor dem Klostereingang liegen. Später würde er fragen, ob die Mönche einen Schlafplatze für ihn hätten, denn er wollte gern wenigstens die Nacht in einer Ordensgemeinschaft verbringen, wenn er schon am Tage sein Mönch-Sein ablegen musste. Aber im Grunde störte es ihn wenig. Er wollte einfach nur lernen, und je intensiver desto besser.

   „Was sind Pigmente?“, fragte er seinen neuen Freund.

   „Das, was Farbe gibt... Na ja, das ist schwer zu erklären. Aus der Erde: zum Beispiel der Stoff, der unsere Berge so rot macht. Aber auch Gelb und Braun, sogar Grün. Es gibt auch blaue Steine, Lapislazuli. Die gibt es hier nicht, aber Händler bringen sie aus Persien. Und Ruß kennst du, den braucht man für schwarze Farbe.“ Rahman hörte nicht auf zu reden, obwohl sie eine enge, steile Treppe zum Plateau hinaufsteigen mussten, denn er freute sich, endlich einmal mehr zu wissen als ein anderer. Als jüngster der Lehrlinge hatte er es nicht leicht mit dem strengen Meister und seinen beiden älteren Kollegen.

   „Und natürlich gibt es auch Pigmente aus Pflanzen: aus Blüten, Blättern oder Wurzeln. Die muss man trocknen und mahlen und dann mit einem Bindemittel vermischen... Ja, und auch von Tieren. Weißt du, zum Beispiel kann man den Urin von Kühen für gelbe Farbe benutzen.“

   „Warte mal“, bat Abdurihim. Sie hatten das Ende der Treppe erreicht und standen jetzt etwa zehn Meter über der Terrasse.

   „Von hier oben sieht man gar nicht, was da unten ist“, wunderte er sich. „Außer wenn man ganz nahe am Rand steht.“ Aus dem Talgrund, weit unterhalb der Terrasse, schimmerte das Grün der Pappeln am Fluss herauf, und zur anderen Seite hin erhoben sich die sanft-roten Berge.

   „Komm, ich weiß, wo wir roten Ocker finden“, drängte Rahman. „Wir dürfen nicht trödeln! – Wie heißt du eigentlich? Ach, und muss ich mich vor dir verneigen, weil du ein Mönch bist?“

   „Nein“, lachte Abdurihim. „Tagsüber bin ich nun Malerlehrling, genau wie du.“

 

Als Abdurihim am nächsten Morgen zur Höhle kam, saßen die drei Lehrlinge unter dem hölzernen Vordach und arbeiteten. Einer zerstampfte etwas in einem großen Mörser und die anderen rührten Farben an.

   „Hast du schon gesehen, wie es drinnen aussieht?“, begrüßte ihn Rahman. „Eine Wand ist schon beinahe fertig.“

   „Darf ich rein gehen? Ist der Meister nicht da?“

   „Nein, noch nicht. Aber geh nur und guck!“

   Abdurihim trat vorsichtig durch den Eingang in einen kleinen Vorraum. Seine Augen gewöhnten sich schnell an das dämmrige Licht im Inneren und er sah, dass die linke Wand des quadratischen Raumes dahinter von oben bis unten bemalt war. Vorherrschend war ein warmes Rot, das bei dem schwach einfallenden Sonnenlicht eine beinahe mystische Stimmung hervorrief. In der Mitte saß ein großer Buddha und daneben waren andere Figuren, die vermutlich Bodhisattwas in verschiedenen Momenten ihres Lebens darstellten. Den oberen Rand bildeten viele kleine Buddha-Figuren, alle exakt gleich, so dass sie wie eine Borte wirkten. Abdurihims Blick blieb an dem großen Buddha haften. Er sah ihm ins Gesicht, wagte kaum sich zu rühren. Da ging eine Kraft von dem Bild aus, die ihn vollkommen gefangen nahm und den Buddha vor seinen Augen lebendig werden ließ. Er lächelte und schien zu sagen: ‚Siehst du, was die Kunst vermag? Eines Tag wirst du auch in der Lage sein, solche Kunstwerke zu schaffen, wenn du dir große Mühe gibst.‘ Dann wurde er wieder zu einem Bild.

   Abdurihim bemerkte erst jetzt das kunstvolle Gewand und den Lotusthron, auf dem der Buddha saß. So auch die Blumen und die vielen anderen Einzelheiten. An der hinteren Wand waren nur einige schwarze Linien zu sehen und die rechte Wand sowie die Kuppel der Höhle waren noch leer. In der Mitte des Raumes stand ein Sockel, auf den später vermutlich eine Buddha-Skulptur gestellt werden würde.

   „Nun?“

   Abdurihim fuhr erschrocken zusammen, denn als er sich gerade dem Ausgang zuwenden wollte, trat der Meister ein. „Nun, zufrieden?“

   „Es ist, ja... ich weiß gar nicht, was ich sagen soll.“

   „Dann sag nichts. Das ist oft besser.“

   Abdurihim verneigte sich höflich und wollte den Maler nicht länger stören, doch der sagte: „Warte, du kannst mir helfen. Nimm den Spiegel dort vom Eingang und halte ihn so, dass das Sonnenlicht zu mir gelenkt wird!“

   Er setzte sich auf den Boden hinter dem Mittelpfeiler, während der junge Mönch und neue Malergehilfe den verlangten Gegenstand holte. Abdurihim hatte noch nie einen Spiegel gesehen. Er hätte ihn beinahe fallen lassen, als er sich selbst auf der kleinen Scheibe sah, aber er fasste sich schnell, denn der Meister mahnte schon:

   „Du musst die glänzende Fläche so halten, dass die Sonne drauf scheint! Ja, so...“ Und dann:

   „Hier unten soll ein Blumenmuster entstehen, Lotusblüten, denke ich. Lotus steht für Reinheit, Weisheit und Schöpferkraft. Und darüber werden wir weitere Szenen aus dem Leben der Bodhisattwas oder des Buddha und seiner Jünger darstellen. – Weißt du, was Schablonen sind?“

   „Nein, Meister.“

   „Lass es dir von den Jungs erklären, aber jetzt halt den Spiegel still, damit ich arbeiten kann!“

   Abdurihim hielt den Spiegel still und er tat es viele Stunden lang. Als ihm die Arme einschliefen, knurrte der Maler:

   „Geduld und Sorgfalt, junger Mann! Das ist das Allererste, was du lernen musst. Ein Maler fällt nicht vom Himmel. Talent nützt dir nichts, wenn du dich nicht in Geduld und Sorgfalt übst. Vergiss das nie!“

   Das war das Wenigste, was es für Abdurihim zu lernen gab, denn Geduld und Sorgfalt lagen ihm im Blut, doch wie viele andere Dinge gab es, die er sich in den folgenden Wochen, Monaten und Jahren mühsam erarbeiten musste!

   Da waren die technischen Grundlagen über Material und Arbeitsweisen sowie das Einüben gewisser Fertigkeiten. Er lernte, welche Pigmente woher stammen und wie man sie mit unterschiedlichen Bindemitteln zu Farben verarbeitet und wie man sie zu unendlich vielen Farbnuancen mischen kann. Er lernte, wie man nackte Felswände vorzubereiten hat: zuerst aufrauen und mit Lehmputz glätten, manche Stellen auffüllen oder sogar mit Lehmziegeln verkleiden. Allein die Herstellung des erforderlichen Lehmgemischs verlangte große Erfahrung, denn es mussten Faktoren wie Feuchtigkeitsgehalt, Saugfähigkeit und Wetterbeständigkeit beachtet werden. Zur besseren Stabilisierung mischte man den Lehm mit Strohhäcksel, Pflanzenfasern oder Tierhaaren. Und nach dem Trocknen wurde auf das Lehmgemisch als Grundierung eine dünne weiße Kalkschicht aufgetragen. Erst danach war an Malen zu denken, und auch das musste mit größter Sorgfalt geplant und vorbereitet werden.

 

Das Herstellen von Schablonen lernte Abdurihim gleich am zweiten Tag seines neuen Lebens. Die Lehrlinge zeigten ihm ein Stück Papier, auf dem die Umrisse eines kleinen sitzenden Buddhas zu sehen waren. Die Linien waren aber nicht gezeichnet, sondern mit einem dünnen Tamariskenzweig in das Papier gestochen. Dieses Papier musste man vor den weißen Putz halten, mit Rußsäckchen bestäuben, so dass sich die Umrisse als schwarze Punkte auf der Wand abzeichneten. Die beiden älteren Jungen sollten auf einem anderen Papier eine größere Figur entwerfen, aber sie kamen nicht voran und stritten über jedes Detail. Abdurihim sah in Gedanken schon die fertige Szene lebendig werden, doch er schaute geduldig zu und sagte nichts.

   Am liebsten hätte er sofort mit dem Malen begonnen, aber der Meister kannte keine Nachsicht und wies ihm wochenlang nur einfache Hilfsarbeiten zu. Geduld! Erst als er alle Farben herzustellen und Schablonen anfertigen konnte, rief der Maler ihn eines Tages in die Höhle und wies auf die rechte Wand, die jetzt von oben bis unten mit Linien bedeckt war. In den Feldern zwischen den Linien standen kleine Zahlen.

   „Hier“, erklärte der Maler, „hier kannst du alle Felder, in denen eine 1 steht, mit dunkelrotem Ocker ausmalen. Wo ich eine 2 eingetragen habe, mit gelbem Ocker und bei der 3 mit rotem Eisenoxid. Dort drüben liegt eine Liste. Da kannst du genau nachlesen, welche Zahl für welche Farbe steht.“

   Es war für Abdurihim ein geradezu beglückendes Erlebnis, endlich auf einer Felswand ein Gemälde entstehen zu sehen. Die Umrisse allein hatten wenig Aussagekraft, obwohl sie perfekt geführt waren, doch als die Farben begannen, dem Bild Leben zu geben, wurden die Linien zu Menschen mit bunten Gewändern, kunstvollen Kopfbedeckungen und edlen Gesichtern. Blumen fingen an zu blühen und Muster zu leuchten. Abdurihim war wie berauscht von dieser wunderbaren Erfahrung und arbeitete ohne Pause, bis es am Abend zu dunkel wurde. Noch nachts sah er im Traum, wie die Bilder lebendig werden und freute sich auf den nächsten Tag.

   Das Leben als Malerlehrling war nicht leicht. Der Meister blieb streng und wortkarg. Die beiden älteren Gehilfen hänselten ihn, weil er als Mönch im Kloster schlief und sie ihm manche Bevorzugung neideten. Der junge Rahman dagegen verehrte ihn wie einen älteren Bruder, besaß aber wenig Begabung und Ernsthaftigkeit und störte die anderen mit Fragen und Albereien. Im Sommer brannte die Sonne erbarmungslos auf die Felsterrasse und im Winter froren ihnen die Finger steif vor Kälte. Wasser mussten die Jungen aus dem Fluss im Tal über steile, enge Treppen heraufschaffen und das Essen aus dem Dorf Murtuk holen. Abdurihim machte jedoch alle Mühe nichts aus. Er war noch nie so glücklich gewesen. Die Tage waren zwar ebenso streng geregelt wie im Kloster von Kocho, aber hier konnte er spüren, wie er jeden Tag seinem Ziel etwas näherkam. In jedem Misserfolg sah er einen Schritt zur Vervollkommnung und in jeder Belehrung eine Offenbarung. Kein Tadel konnte ihm die Freude an der Arbeit nehmen und keine noch so eintönige Aufgabe die Geduld.

 

Abdurihim blieb fünf Jahre in Bezeklik. Im letzten Jahr hatte er den Eingangsbereich einer anderen Höhle selbstständig mit Stifterfiguren ausmalen dürfen. Reiche Kaufleute hatten sie in Auftrag gegeben, weil es einerseits das gesellschaftliche Ansehen verlangte, die buddhistischen Ordensgemeinschaften zu unterstützen, und andererseits diente es sicher auch dem eigenen Seelenheil, vielleicht sogar dem geschäftlichen Erfolg und der Sicherheit der Karawanen. Andere hochgestellte Persönlichkeiten wollten durch die Stiftung einer Höhle den Gottheiten ihre Dankbarkeit für Glück und Erfolg zum Ausdruck bringen. Und alle wollten sie selbst in den Malereien dargestellt werden.

   Als der Meister, der mit den Jahren alt und müde geworden war, seinem Schüler sagte, er müsse sich nun allein weiterentwickeln, weil er ihm nichts mehr beibringen könne, verabschiedete sich Abdurihim eines Morgens und wanderte zurück nach Kocho. Zwar gab es in Bezeklik noch so viele Höhlen, dass Künstler mehrere Jahrhunderte brauchen würden, um sie alle auszuschmücken, aber er begann sich nach mehr Ruhe und Besinnlichkeit zu sehnen und daher fiel ihm der Abschied nicht allzu schwer. Unterwegs rastete er einige Tage in dem kleinen Tal bei Singim, wo er zum ersten Mal eine buddhistische Höhlenmalerei gesehen hatte. Dieses Tal erfüllte ihn auch jetzt wieder mit einer so wohltuenden Ruhe, dass er den Plan fasste, sich hier eine eigene Höhle zu suchen und als Meditationsstätte einzurichten.

   Der Abt hatte keine Einwände. Viele Mönche wünschten von Zeit zu Zeit, sich in die Stille der Natur zurückzuziehen, sei es um allein in Meditation zu verharren oder sich, wie Buddha es gelehrt hatte, in der Wildnis zu vervollkommnen und zu versuchen, selbst ein Bodhisattwa zu werden. Da Abdurihim nun ein anerkannter Künstler war und laufend neue Aufträge eingingen, schickte er ihn schon nach kurzer Zeit fort, um in Singim einen Höhlentempel zu bauen und mit Bildern zu schmücken.

   Als Erstes richtete sich Abdurihim eine kleine Grotte als Schlafhöhle ein, die er hinter Buschwerk versteckt in der Felswand fand. Schon bald war sie ein ausreichend komfortables Heim für einen Mönch, der sein Leben mit Meditieren und Malen verbringen wollte. Als er dann am Abend vor einem kleinen Feuer saß und in die Flammen schaute, überlegte er, wie er seine Bilder gestalten sollte. Er sah Landschaften vorüberziehen und Tempel entstehen, uigurische Fürsten und indische Mönche, heilige Gestalten, Apsaras, die zum Himmel schwebten, und dann erinnerte er sich wieder an Xuanzang, den chinesischen Pilgermönch, der vielleicht immer noch in Indien alte Schriften studierte. Wie gern hätte er ihm erzählt, dass er Maler geworden war! ‚Er würde mir sagen, was ich malen soll‘, schmunzelte Abdurihim in der Erinnerung. Aber dann wusste er es plötzlich ganz allein: Er würde nicht den Stil seines Meisters kopieren, der sich weitgehend an die alten indischen Vorbilder hielt, sondern ganz unterschiedliche Menschentypen darstellen, so wie er sie früher auf den Basaren von Kocho gesehen hatte. Da waren Perser und Mongolen gewesen, Osttürken und Westtürken, indische Mönche in gelben Roben und chinesische Mönche in violetten Roben, aber auch rothaarige Männer mit blauen Augen. Sie alle waren über die Seidenstraße in dieses Land gekommen, und er wollte, dass man diese wunderbare Vielfalt, die Eintracht der Menschen, auch in vielen hundert Jahren noch sehen konnte. Er wollte sie für immer festhalten!

   Denn die Vielfalt der Menschen und ihrer Denkweisen war etwas, was ihn zutiefst bewegte. Er wusste nicht viel über die anderen Religionen, die mit den fremden Menschen ins Land kamen, aber dass es überhaupt möglich war, nicht an Buddhas Lehre zu glauben, wunderte ihn. So dachte er tage- und wochenlang über die Möglichkeit nach, seine eigenen Gedanken und das, was seinen Glauben lebendig machte, in Gemälden zu vereinen. Währenddessen streifte er durch das Tal, am Bach entlang und durch Buschwerk. Er kletterte Hänge hinauf, prüfte Felswände und Grotten, untersuchte die Bodenbeschaffenheit nach möglichen Fundstellen für Pigmente. Er pflückte Blumen, die er trocknen konnte, und fragte im Dorf nach Männern, die ihm bei der Lehmherstellung helfen würden oder vielleicht sogar Ziegel anfertigten, falls er sie für ein Gewölbe brauchte. Vielleicht gab es ja auch einen Jungen, der die Malerei erlernen wollte...

   So richtete sich Abdurihim in Ruhe und Bedächtigkeit sein neues Leben ein. Er war erfüllt von Glück und Zuversicht. Er hatte eine Aufgabe übernommen, die ihm wie ein schöner Traum erschien: Er durfte nach eigenen Vorstellungen malen und darstellen, was er vor seinem inneren Auge sah.

   An den Seitenwänden werde ich Nischen für kleine Figuren einarbeiten, überlegte er. Den Abt werde ich um Geld bitten und auf dem Basar Indigo und Lapislazuli kaufen, vielleicht sogar ein wenig Blattgold. Und einen Bildhauer könnte er mit der Herstellung einer großen Buddha-Statue für den Mittelpfeiler beauftragen. Es wird sich sicher ein reicher Stifter finden. Die Kaufleute unterstützen ja gern die Klöster und auch der Kaiser im fernen China zeigt großes Interesse an der Kunst. Der Tang-Kaiser Taizong besaß seit einigen Jahren großen Einfluss im Land, nachdem er in einer Schlacht am Wei-Fluss die Göktürken besiegt hatte, gegen die er damals Krieg führte, als Xuanzang nach Indien aufbrach. Abdurihim hatte die politische Entwicklung immer aufmerksam verfolgt, seitdem er als Junge von der nächtlichen Flucht des berühmten Pilgermönches gehört hatte.

   Er blieb einen Augenblick stehen und lauschte der Stille. Wie friedlich war es hier in dem kleinen Tal am Singim-Fluss! Auch in den Städten des Landes herrschte weitgehend Frieden und Wohlstand. Die Chinesen hatten zwar eine Schlacht gewonnen und machten ihren Einfluss geltend, aber sie achteten die einheimische Bevölkerung und schränkten sie nicht in ihrer Lebensweise ein. Man erzählte sich, dass der Kaiser sich dem nestorianischen Christentum zugewandt habe und sogar eine Kirche bauen wolle, doch er hinderte niemanden daran, seiner Religion treu zu bleiben. Er war ein weltoffener Herrscher, der sich den Einflüssen fremder Kulturen nicht verschloss.

   „Möge es alle Zeit so bleiben!“, sagte Abdurihim in die Stille hinein. „Dann werden sich vielleicht in hundert oder tausend Jahren noch Menschen an meinen Wandmalereien erfreuen können.“ Dann setzte er seinen Weg fort.