Der Maler

 

2014

Hundert Jahre nachdem deutsche Archäologen die Höhlen von Tuyuk erforscht hatten, wusste niemand im Dorf mehr etwas davon. Das Leben der Menschen ging seinen einfachen, täglichen Gang. Man dachte nicht an Vergangenes. Man dachte nicht an Weltgeschichte, Kunst, Religion und politisches Geschehen, weil man ja ohnehin nichts ändern konnte. Man gab sich mit den Gegebenheiten zufrieden und war dankbar, wenn man von den ethnischen Spannungen, die anderswo im Land herrschten, verschont blieb. Das alte Dorfzentrum hatte sich wenig verändert, seitdem Alfred von Le Coq einige Wochen hier gearbeitet hatte, aber etwas unterhalb im Tal war ein neuer Ortsteil entstanden.

   Aygül wohnte mit ihren Eltern und Großeltern in einem der kleinen Lehmhäuser am Berghang und ging jeden Tag vom alten Dorf in das neue Tuyuk, wo sich ihre Schule befand. Sie störte der weite Weg wenig und an diesem Montag freute sie sich besonders auf den Unterricht, denn Lehrer Ghalip hatte einen Besucher angekündigt: einen Maler, der im Ausland studiert hatte. Er stammte aus dieser Gegend, einem Dorf nicht weit von Tuyuk entfernt, aber er hatte in Urumchi und Peking studiert und kam nun von einer Universität im fernen Deutschland.

   Aygül wusste nicht viel über fremde Länder und Völker. Sie fand die Chinesen, die aus dem Osten zugezogen waren, um in der Umgebung nach Erdöl zu bohren, schon fremd genug und konnte sich kaum vorstellen, wie ein Land Deutschland aussehen mochte. Zwar kamen häufig Touristen aus Europa und Amerika in ihr Dorf, die Frauen ohne Kopftuch, manche mit großen Hüten und kurzen Hosen, liefen laut schwatzend durch die Gassen, als gehörte ihnen die Welt, und bestaunten die kleinen Lehmziegelhäuser, die ihnen aus einem anderen Jahrhundert zu stammen schienen. Diese Ausländer mochte Aygül nicht, aber auf den Maler aus Deutschland war sie sehr neugierig.

   Er war nett. Er sprach mit ihnen nicht Chinesisch, wie es sonst in der Schule Pflicht war, sondern Uigurisch wie sie und er stellte viele Fragen. Vor allem wollte er wissen:

   „Was wisst ihr über die Höhlen im Tal?“

   Keiner der Schüler wusste etwas über die Höhlen im Tal. Natürlich wussten sie, dass dort seit einigen Jahren Gerüste standen und Männer nach Altertümern suchten, aber das Gelände war weiträumig abgesperrt und die Dorfbewohner hatten keinen Zugang. Deshalb interessierte sich niemand dafür.

   „Wisst ihr nicht, dass vor hundert Jahren ausländische Forscher hier im Dorf waren und in den Felshöhlen am Fluss wundervolle Wandmalereien entdeckt haben, die tausend Jahre oder mehr alt sind?“

   Die Schüler zeigten keine Reaktion.

   „Auch an anderen Orten der Turpan-Oase wurden ähnliche Höhlen gefunden. Habt ihr von den Tausend-Buddha-Höhlen in Bezeklik gehört? Oder von den Ruinenstädten Kocho und Yar-Khoto?“

   Der Maler – er nannte sich Polat – sah auffordernd von einem zum anderen und wartete auf eine Antwort. Aygül beobachtete ihn gespannt, während die meisten anderen seinem Blick auswichen. Niemand meldete sich.

   „War wirklich noch keiner von euch in Kocho... Gaochang?“, schaltete sich Lehrer Ghalip ein.

   Hoshur sagte: „Ich hab Busse, gesehen, die Touristen hinbringen. Aber zu sehen gibt’s da doch gar nichts außer alten Mauerresten.“

   „Diese Mauerreste sind zum Teil zweitausend Jahre alt!“, begeisterte sich Polat. „Das waren einmal große Städte, blühende Städte, reich geworden vom Handel auf der Seidenstraße... Habt ihr von der Seidenstraße gehört?“

   Aygül war fasziniert: tausend Jahre, zweitausend Jahre? Seidenstraße...

   „Ja“, meldete sich ein Junge.

   „Schön“, freute sich Polat, „und was weißt du darüber?“

   „Die Chinesen haben sie gebaut, weil sie ihre Seide in Europa verkaufen wollten.“

   „Nun, gebaut hat sie eigentlich niemand und genutzt wurde sie von sehr vielen Völkern. Auch wurden neben Seide viele andere Waren über der Seidenstraße transportiert, und zwar von Osten nach Westen und ebenso von Westen nach Osten, denn auch in Europa gab es Dinge, die die Chinesen nicht hatten, aber gern haben wollten. Was aber noch viel wichtiger ist und was sehr gut zu dem Thema passt, über das ich mit euch sprechen möchte, das sind Kunst und Religionen. Auch technisches Wissen vieler Art hat sich über die Seidenstraße ausgebreitet.“

   Aygül wurde immer ungeduldiger: Worüber wollte der Maler aus Deutschland sprechen? Von Religionen verstand sie nichts, aber für Kunst interessierte sie sich sehr. Sie malte gern und alle sagten, dass sie Talent habe und sicher einmal eine große Künstlerin werden würde.

   „Ich habe einen Plan“, fuhr Polat jetzt fort. „Ich möchte mit einigen von euch ein Projekt durchführen, das ein wenig Geduld und vor allem Freude am Malen voraussetzt.“

   Aygüls Finger war bereit, in die Höhe zu schießen. Und obwohl sie sich noch um keinen Millimeter gerührt hatte, schien der Maler es gespürt zu haben, denn er schaute in ihre Richtung, während er weitersprach.

   „Dafür hätte ich gern sechs bis acht Schüler, die während der Sommerferien drei Wochen lang mit mir arbeiten. Wie ich schon erzählt habe, gibt es hier in der Nähe ebenso wie an vielen Orten entlang der alten Seidenstraße Felshöhlen, die zwischen dem 4. und dem 13. Jahrhundert von Mönchen und Künstlern mit Wandmalereien ausgeschmückt wurden. Es gab auch andere Kunstwerke, Reliefs, Statuen und Schriftdokumente in unterschiedlichen Sprachen und Schriften. Sie waren über viele Jahrhunderte vergessen, zum Teil vom Wüstensand verschüttet gewesen, und erst Forscher, die zu Beginn des 20. Jahrhunderts aus dem Westen kamen, haben sie neu entdeckt und ihren Wert erkannt.

   Plötzlich hörten alle Schüler aufmerksam zu.

   „Ein Teil dieser alten Schriften konnte entziffert und übersetzt werden, so dass wir daraus vieles über das Leben und die Religionen jener Zeit erfahren haben, aber was mich als Maler besonders interessiert, sind die Wandmalereien. Ich möchte euch, den Nachfahren dieser Künstler, erzählen, wie die Bilder entstanden sind. Wir werden gemeinsam versuchen, uns in die Vergangenheit zurückzuversetzen. Wir werden die Farben herstellen, so wie man es früher hergesetellt hat, und die Techniken anwenden, die die Künstler früher angewendet haben. Und wenn ihr alles verstanden habt, werdet ihr eine neue Höhle ausmalen. So wie es eure Vorfahren taten.“

   Absolute Stille. Kein Mucks war zu hören.

   „Was haltet ihr davon?“

   Wäre Aygül nicht so schüchtern gewesen, hätte sie laut gerufen: Ich, ich! Bitte, lass mich mitmachen! Stattdessen meldete sich Ilishad, der Draufgänger:

   „In den Bergen? Gehen wir in die Berge und suchen nach Höhlen?“

   Polat lächelte.

   „Nein. Das wäre sicher eine spannende Sache, aber das können wir leider nicht tun. Das dürfen wir nicht, wäre zu gefährlich. Aber Herr Ghalip hat am Stadtrand für uns ein kleines, altes Lehmhaus gefunden, das mit seiner gewölbter Decke innen fast wie eine Grotte aussieht, und das kann so bunt gemalt werden, wie ihr es nur wollt.“

   Ilnur und Bahtigul tuschelten hinter Aygül und Polat fragte:

   „Hättet ihr Lust mitzumachen?“

   „Ich auch!“, rief Aygül dazwischen. „Bitte!“

   „Gut“, schloss Herr Ghalip. „Am besten malt jeder von euch ein Probebild und am Ende der Woche werden Herr Polat und ich entscheiden, wer an dem Projekt teilnehmen darf.“ Der Maler fügte hinzu:

   „Aber kopiert bitte nicht ein Bild, das ihr irgendwo gesehen habt, sondern malt etwas Eigenes. Etwas, was aus eurem Herzen kommt.“

 

Am ersten Tag der Ferien begrüßte Polat sein Projektteam vor dem kleinen Lehmhaus am Rande der Stadt: sechs Mädchen und zwei Jungen der siebten Klasse. Er hatte auf dem Vorplatz eine Bank aufgestellt und unter der Überdachung auf einem Tischchen seinen Laptop angeschlossen.

   Als Erstes erklärte er, dass er ihnen nicht nur alte Maltechniken beibringen, sondern sie auch dazu bringen wolle, über ihre eigene Herkunft nachzudenken. Sie waren Uiguren. Sie lebten in einer Zeit, in der ihnen mehr oder weniger deutlich suggeriert wurde, dass Uiguren nicht so gut, nicht so fleißig, nicht so tüchtig seien wie Chinesen. Aber das ist nicht wahr: Die Uiguren haben sehr wohl eine alte, reiche Kultur. Sie leben seit langer Zeit in diesem Land. Sie haben Königreiche gehabt und den Handel auf der Seidenstraße gefördert. Sie haben große Städte gebaut, haben Wissen und Kulturen aus vielen Ländern begrüßt und Einflüsse unterschiedlicher Richtungen in ihre eigene Kultur aufgenommen. Es hat kluge, reiche, schöpferische Menschen gegeben und kein Uigure brauche sich vor der westlichen oder der chinesischen Kultur zu verstecken. Das war es vor allem, was Polat seinen Schülern bewusst machen wollte. Sie sollten die Vergangenheit ihres Volkes kennen und achten lernen. Sie sollten mit Stolz Uiguren sein. Sie sollten durch ihr eigenes Schaffen einen Ansporn bekommen, ihre ganz persönlichen Anlagen zu erkennen und zu nutzen. Sie sollten Mut bekommen, eigene Gedanken zu denken, und wenn sie künstlerisches Talent hatten, ihre eigene Kunst zu entwickeln. Sie sollten lernen, sich von starren Vorschriften und Denkvorgaben zu lösen, um mit Selbstbewusstsein und ungebundener Kreativität ins Leben zu gehen.

   Dies entsprach zwar nicht dem offiziellen Erziehungssystem Chinas, wo Gehorsam und Disziplin an oberster Stelle stehen, aber Polat hatte in Deutschland gelernt, welch unvergleichlich wichtige Rolle Kreativität nicht nur im Leben eines Menschen, sondern auch für die Zukunft einer Gesellschaft spielt. Den Uiguren wurde in China jedes Selbstvertrauen genommen. Sie galten den Chinesen als Menschen zweiter Klasse, rückständig, hinterwäldlerisch. Oder gefährlich. Terroristen, dachten viele, ohne nachzudenken. Vorurteile über Vorurteile... Und deshalb hatte er sich am Ende seines Studiums überlegt, was er als Künstler tun könnte, um seinem Volk wieder etwas Mut zu Selbstbewusstsein zu geben.

   Neue Kreativität.

   Mit einem Kunst-Projekt für Schüler würde er nicht so leicht ins Visier der Staatssicherheit geraten, hoffte er, zumal die Höhlenmalereien zu einer weltbekannten Touristenattraktion und damit ein wichtiger Wirtschaftsfaktor der Region geworden waren.

   „Zuerst wollen wir über die Vergangenheit sprechen“, begann Polat. „Ich hatte euch gebeten, eure Eltern und Großeltern zu fragen, was sie über die Höhlen wissen. Ob sich vielleicht noch jemand erinnert, dass ausländische Forscher hier waren? Haben vielleicht ihre Eltern oder Großeltern davon erzählt?“

   Er bekam keine Antwort.

   „Niemand?“

   Alle schüttelten den Kopf. Ilishad sagte:

   „Keine Ahnung. Das interessiert niemanden. Mein Vater sagt, dass Chinesen da unten im Tal arbeiten, aber einen Job haben sie ihm nicht gegeben. Die nehmen nur Leute, die sie selbst mitgebracht haben. Darum interessiert sich keiner dafür.“

   „Stimmt“, meinte auch Bahtigul. „Mein Vater hatte auch nach Arbeit gefragt und wurde weggeschickt.“

   „Ich hab aber einen Onkel, der da Wächter ist“, erklärte ein anderes Mädchen, Guzelnur. „Er muss die Höhlen bewachen und aufpassen, dass kein Unbefugter das Gelände betritt. Das ist eine wichtige Aufgabe... Aber vielleicht haben sie ihn nur genommen, weil er jemanden kennt, der im Museum von Turpan arbeitet.“

   „Und hat er die Höhlen von innen gesehen?“

   „Nein, da darf keiner rein.“

   „Also werde ich euch Fotos zeigen.“

   Polat schaltete seinen Computer ein und begann zu erzählen. Er sprach von den Karawanen, die von einer Oase zur nächsten gezogen waren. Wie sie in den Städten und Karawansereien Halt machten, ihre Waren verkauften und andere kauften, wie andere Händler diese Waren dann weiter nach Osten oder weiter nach Westen mitnahmen, um in der nächsten Oase erneut damit zu handeln. Oft blieben sie einige Tage oder Wochen an einem Ort, sprachen mit den ansässigen Kaufleuten, mit fremden Besuchern, mit Frauen, die ihnen die Zeit vertrieben, und Gastwirten, die jeden Tag Neuigkeiten erfuhren. Sie lernten Dinge, von denen man in ihrer Heimat nie gehört hatte, sie lauschten Geschichten, die aus fernen Ländern kamen, und hörten von Göttern aus einer unbekannten Welt.

   „Schon im ersten Jahrhundert nach der Zeitenwende kam auf diese Weise der Buddhismus nach Ostturkestan“, erklärte er, „und in unserer Oase war auch lange Zeit der Manichäismus die vorherrschende Religion.“

   „Was bedeutet das?“, fragte Aygül leise. „Glaubten die Menschen denn nicht an Allah?“

   „Nein, es gibt viele andere Religionen. Auch die Uiguren waren nicht immer Moslems. Früher gab es den Schamanismus, im 8. Jahrhundert wurde im Uigurischen Großreich der Manichäismus, der aus dem alten Perserreich zu uns gekommen war, zur Staatsreligion erhoben. Später kam der Buddhismus aus Indien und verdrängte ihn, so wie dieser einige Jahrhunderte darauf vom Islam aus Arabien verdrängt wurde.“

   Polat hatte jetzt auf dem Bildschirm seines Laptops ein Bild geöffnet, das zwei sitzende Personen vor einem bunten Hintergrund zeigte. Auf der linken Seite und am oberen Rand war es defekt, aber die Farben waren sehr schön und eine der Gestalten konnte man gut erkennen.

   „Dies ist eine typische Wandmalerei aus der Zeit des Buddhismus“, erklärte er, „entstanden zwischen dem 9. und 12. Jahrhundert. Genau weiß man es nicht, aber stellt euch vor: Sie ist ungefähr tausend Jahre alt! Dies ist Buddha. Er war in jener Zeit das Hauptmotiv in der Kunst. Und hier...“, er öffnete ein anderes Bild, auf dem vor rotem Hintergrund zwei Reihen bunt gekleideter Personen zu sehen waren. „Hier ist eine Gruppe uigurischer Fürsten. Reiche Leute, die die Ausgestaltung einer Höhle in Auftrag gaben, ließen sich gern auch selbst darstellen, als Stifter. Es gab viele unterschiedliche Gründe für die Stiftung einer Höhle: So verspürte vielleicht jemand den Wunsch, der Gottheit Dank darzubringen. Oder er glaubte, ihren Groll besänftigen zu müssen. Oder er wollte um etwas zu bitten, um Gesundheit, Erfolg im Handel oder Schutz für seine Karawanen. Wer weniger reich war, stiftete nur ein einzelnes Bild oder eine Tempelfahne.“

   Polat schaute in ziemlich verständnislose Gesichter und tröstete seine Zuhörer:

   „Ich zeige euch jetzt nur noch eine Malerei aus der manichäischen Zeit, damit ihr den Unterschied seht. Danach werden wir eine Pause machen und hier ein bisschen aufräumen.“

   Aygül war enttäuscht, denn sie fand die alten Bilder gar nicht langweilig und wollte am liebsten noch viel mehr darüber wissen. Das Blumenmuster auf dem letzten Foto gefiel ihr besonders gut. Zwar war eine Ecke abgebrochen, so dass man darunter vertrockneten Lehmputz erkennen konnte, aber das bewies ja nur, dass es sehr alt war. Die warmen Braun- und Rottöne waren trotzdem noch wunderschön.

   „Mani, der Begründer des Manichäismus, liebte die Natur und deshalb findet man in der Malerei dieser Zeit auch häufig Landschaften und Pflanzenmotive. Viele dieser schönen Malereien wurden leider von späteren buddhistischen Künstlern übermalt. Einfach mit neuem Putz verschmiert und übermalt. Ja, Religionen können sehr intolerant sein... So, und nun wenden wir uns endlich praktischeren Dingen zu. Habt ihr euch unsere neue ‚Höhle‘ schon angesehen? Die müssen wir zuerst einmal gründlich aufräumen und sauber machen!“ 

 

An diesem Nachmittag ging Aygül glücklich und beschwingt nach Hause. Sie war auf einmal unglaublich stolz, in diesem uralten Dorf aus Lehmhäusern zu wohnen, die so alt waren wie... wer weiß wie alt. Aber so ähnlich mussten sie auch vor tausend Jahren, als die Felshöhlen bemalt wurden, ausgesehen haben. Sie sah jetzt nicht mehr die abgebröckelten Hausecken, die schiefen Mauern, die Löcher auf den Wegen und die verlassenen Ruinen. Sie sah nur die Wärme, die die kleinen Häuser ausstrahlten, die heimelige Geborgenheit, die freundlichen Nachbarn, die ihr entgegenlächelten, weil sie so fröhlich strahlend nach Hause kam. Sie war einfach glücklich, Teil dieses Überbleibsels einer großartigen Vergangenheit zu sein.

   Sie machte noch schnell einen kleinen Umweg und lief weiter bis ans Ende der Straße, von wo aus man jenseits des Tals einige der Höhlen erkennen konnte. Sie hatte sie nie zuvor beachtet. Zwar ging die Sage, dass vor langer Zeit einmal Männer darin Zuflucht gefunden hatten und dann, nachdem sie einige Jahrhunderte lang geschlafen hatten, plötzlich wieder aufgetaucht waren. Aber daran konnte sie nicht glauben. Heute schienen ihr diese Höhlen jedoch eine ganz neue Welt zu eröffnen, die so faszinierend, ja, so wertvoll war, dass sie eine Weile wie gebannt stehen blieb und hinüberstarrte. Ob auch dort Bilder waren? Wer waren die Menschen, die sie gemalt hatten? Wer hatte hier gelebt und wie war das Leben gewesen? Die Karawanen der Seidenstraße mussten auch in Tuyuk vorübergekommen sein. Vielleicht hatte es hier eine Karawanserei gegeben und die fremden Händler hatten des Nachts den uigurischen Mädchen beim Tanzen zugeschaut. Vielleicht waren sie gerade einem Sandsturm entkommen und wollten Buddha für ihre Rettung danken. Oder um gute Geschäfte und eine gesunde Heimkehr bitten. Aygüls Fantasie bekam Flügel und...

   „Wo bleibst du denn, Aygül? Der Großvater wartet schon auf dich“, wurde sie aus ihren Träumen gerissen. „Er möchte wissen, was du heute gelernt hast.“

   Gehorsam folgte sie ihrer Mutter nach Hause. Der Großvater hatte sich aufs Dach zurückgezogen, wo er im Schatten der kleinen Lehmziegelbaude saß, die traditionell zum Trocknen von Trauben diente, aber in heißen Sommernächten auch als luftiger Schlafplatz genutzt wurde. Aygül setzte sich zu ihm und erzählte alles. Er war der Einzige in der Familie, der ihr immer zuhörte. Wenn sie von ihrem Schultag berichtete, pflegte er ihre Hand zu streicheln und liebevoll zu sagen: ‚Wie klug du bist, Kind! Zum Glück haben sich die Zeiten gebessert. Als ich zur Schule ging, haben Schüler Lehrer gedemütigt und gequält, manche haben sie geschlagen. Es war furchtbar!‘ Jetzt sagte er:

   „Der Mann hat Recht. Es ist nicht gut, dass wir unsere Vergangenheit vergessen haben. Es gibt eine hässliche Vergangenheit, aber diese Vergangenheit ist gut und die müssen wir uns in Erinnerung rufen. Er hat Recht, dass wir stolz auf unser Volk sein sollten.“

   Aygüls Großvater wusste nicht, dass der Vater seines Vaters, Bahtiyar Adil, als junger Mann für den deutschen Forscher Alfred von Le Coq gearbeitet hatte. Er hatte ihn begleitet in die unwegsame Umgebung, war mit ihm über Felsen gestiegen und hatte ihn zu Höhlen um Mauerresten alter Tempel geführt. Der Deutsche konnte ein wenig seine Sprache sprechen und so hatten sie sich immer gut verstanden und wundervolle Tage zusammen verbracht. Natürlich hatte Bahtiyar seinem Sohn von diesen Erlebnissen erzählt, aber der hatte es nicht an seinen Sohn, Aygüls Großvater, weitergegeben, weil in jenen unruhigen Zeiten und später, als der Kommunismus ins Land gekommen war, niemand Interesse an Ruinen und alten Papieren gehabt hatte. Einmal, so erinnerte er sich jetzt, hatte er vor vielen Jahren, als es sich herumsprach, dass Rotgardisten Häuser nach konterrevolutionären alten Büchern oder Kunstwerken durchsuchten, in einer Wandnische ein buntes Tuch mit halbzerfledderten Papieren entdeckt. Aus Angst, sie könnten gefährlich sein, hatte er das ganze Bündel verbrannt.

   Aygül dachte lange nach über gute und schlechte Vergangenheit. Herr Polat hatte von den Religionen erzählt, die eine die andere verdrängt hatten. War das den Menschen denn überhaupt recht gewesen? Hatten sie freiwillig ihre Religion aufgegeben, um an etwas anderes zu glauben? Oder hatte man sie gezwungen, hatten sie sich gewehrt? Was würden wir tun, wenn man uns verböte, Allah anzubeten? Vielleicht war damals ja gar nicht alles so schön und friedlich gewesen. „Was meinst du, Großvater?“

   „Das ist möglich. Ja, mein Kind, das ist gut möglich. Vermutlich hat es zu jeder Zeit Unfrieden gegeben – aber die Kunst ist geblieben.“ 

 

Die Kunst ist geblieben.

   In den folgenden Tagen lernten Aygül und ihre Kameraden noch vieles über Kunst. Sie gingen in die Berge und suchten nach Pigmenten, die man zu Farben verarbeiten konnte. Polat hatte ihnen erklärt, welche Techniken und Materialien die Künstler früher benutzt hatten. Man konnte nicht direkt auf die Höhlenwände malen, sondern musste sie aufrauen, mit einem Verputz aus Lehm versehen und glätten. Zur besseren Stabilisierung wurden in den Lehmverputz Strohhäcksel, Pflanzenfasern oder Tierhaare gemischt, und auf dieses Lehmgemisch anschließend als Grundierung eine dünne weiße Schicht aus Kalk aufgetragen. Außerdem brauchte man Bindemittel, ohne die die Farben nicht haften würden, und hierfür verwendeten die alten Maler Leim aus Kuhhaut, Harz oder Eiweiß. Alles kam aus der Natur. Auch die Pigmente, so wie roter und gelber Ocker oder Erde mit braunen Pigmenten, Ruß und verschiedene Pflanzenpigmente. Früher auch Lapislazuli, und was die Kinder am lustigsten fanden, ein gelbes Pigment aus dem Urin von Kühen, die mit bestimmten Blättern gefüttert worden waren.

   An einem Tag verarbeiten die Schüler die selbst gesammelten Pigmente in einem Mörser zu Pulver und vermischten sie mit dem Kuhhautleim, den Polat mitgebracht hatte. Ein anderes Mal versuchten sie sich an der Herstellung von Lehmputzplatten, und anschließend begannen sie über die Motive nachzudenken, mit denen die Höhle ausgeschmückt werden sollte. Die beiden Jungen waren jetzt nicht mehr dabei. Das Sammeln in den Bergen und Matschen mit Lehmputz hatte ihnen Spaß gemacht, aber danach war ihnen langweilig geworden. Die Mädchen kamen jedoch jeden Tag und Aygül wartete mit wachsender Ungeduld auf die eigentliche künstlerische Arbeit.

   „Ich habe euch so viel über die alte Zeit und die alte Malerei erzählt“, erklärte Polat, „damit ihr eine Vorstellung davon bekommt, wie das Leben und Arbeiten früher war. Heute ist natürlich alles anders. Aber ich möchte, dass ihr begreift, dass in jeder Zeit, in jeder Religion und jedem Regime die menschlichen Werte gleich bleiben. Was uns im Herzen wichtig ist, dürfen wir vielleicht nicht immer laut sagen, aber wir dürfen es auch nicht aus unserem Herzen vertreiben. Wir haben immer die Möglichkeit, es in unserer Kunst auszudrücken.“

   Er sah sie eindringlich an.

   „Deshalb möchte ich nicht, dass ihr in unsere moderne Höhle Bilder malt, die ihr in Werbefilmen oder auf Propagandaplakaten gesehen habt. Die sind vielleicht schön, aber sie zeigen, was andere wollen und nicht, was ihr wollt. Ihr: Guzelnur, Bahtigul, Ilnur, Rena und Ramila, Aygül. Lasst nicht zu, dass man euch zu namenlosen Statisten eines Spiels macht, das ihr gar nicht spielen wollt.“

   Polat hielt einen Moment inne: Wenn eines dieser Mädchen heute Abend zum Parteisekretär geht und wiederholt, was ich gerade gesagt habe, dann ist es aus und vorbei mit Reiseerlaubnis und Lehrerkarriere. Aber er war sich gar nicht sicher, ob die Kinder die Tragweite seiner Worte verstanden hatten.

   „Also, fangt an! Sucht euch jede eine Stelle aus, wo ihr malen wollt. Platz gibt es ja genug.“

   Doch eben dies war das Problem: Es gab zu viel Platz. Im Schulunterricht malten sie bestimmte Motive auf Papier einer bestimmten Größe. Jetzt sagte ihnen aber niemand, was, wo und wie groß sie malen sollten, und das ging einfach nicht.

   „Wie..., wo denn?“ Sie standen alle sechs unschlüssig vor der Wand und schauten den Lehrer hilflos an.

   „Na, eine vielleicht vorn in der Mitte, eine an dieser Wand, eine hier. Oder auch an der Decke, wenn ihr wollt. Ihr habt ja die Fotos der alten Höhlen gesehen.“

   „Das geht nicht.“

   „Warum geht das nicht?“

   „Das ist zu groß. Da weiß man ja nicht, wo man anfangen soll.“

   „Na, irgendwo.“

   „Dann wird es nicht ordentlich“, meinte Aygül schließlich. „Man muss doch eine Ordnung haben.“

   „In der modernen Malerei hat man keine festen Formen“, erklärte Polat, „aber wenn es euch lieber ist, können wir rechteckige Flächen für die einzelnen Bilder abgrenzen. Möchtet ihr das?“

   So teilte Polat eine Wand in Felder auf, die etwa so groß waren wie ein Zeichenblatt, und nun fiel es den Mädchen leichter anzufangen. Als Erstes entstand vorn in der Mitte eine Gruppe winkender Kinder, die eine große rote Fahne schwenkten. Polat bekam einen Schreck. Dann sah er einen Bauern mit riesigen Früchten im Arm, blitzblanke Häuser und schmucke Autos. So hatte er sich die Sache nicht vorgestellt! Er ließ die Mädchen jedoch gewähren und überlegte, warum sie ihn so wenig verstanden hatten. 

 

Am folgenden Morgen bat er seine Schülerinnen, auf der Bank Platz zu nehmen und ihm zu erklären, warum sie diese Bilder gemalt hatten. Das sei doch ganz normal, fanden sie. So sahen sie die Welt. Alle Leute sahen so die Welt; andere Bilder kannten sie nicht.

   „In der Kunst kann man aber mehr darstellen als nur das, was man in der Realität sieht oder sehen soll. Man kann auch das ausdrücken, was man fühlt oder sich insgeheim wünscht.“

   Polat suchte nach Worten:

   „Ziel meines Projekts war es, euch bewusst zu machen, dass wir Uiguren, ebenso wie alle Völker der Welt, eine eigene Identität und Würde haben. Manche Völker sind größer und stärker, aber keines hat das Recht, ein anderes auszulöschen. Wir wollen unsere Identität behalten. Wir wollen Uiguren bleiben und nicht Chinesen werden, auch wenn unser Land jetzt zu China gehört. Wir wollen unsere Sprache nicht verlernen, auch wenn ihr in der Schule Chinesisch sprechen müsst. Niemand hat einen Grund, unsere Kultur zu verachten. Ich habe euch gezeigt, dass wir auf eine alte und reiche Vergangenheit zurückblicken können, auch wenn das heute in der Schule nicht mehr gelehrt wird. Ihr lernt nur noch, was die Chinesen Großes getan haben. Wie mächtig sie sind und wie sie immer mächtiger werden. Das haben wir zu akzeptieren, weil wir nur eine kleine Minderheit in China sind, aber wir wollen trotzdem unseren Stolz behalten. Wir haben allen Grund dazu, und jeder von uns kann ein klein bisschen dazu beitragen.“

   Polat wusste, wovon er sprach. Auch er hatte früher Vorlagen abgemalt und Vorschriften befolgt, ohne darüber nachzudenken. Und so war er, als er an die deutsche Universität kam, plötzlich in ein tiefes Loch gestürzt, weil ihm niemand mehr Anweisungen gab, sondern forderte, dass er in sich selbst hineinhorchte und nach eigenen Inspirationen suchte.

   „Jeder Mensch ist anders“, fuhr er fort, „früher ebenso wie heute und jeder Uigure ebenso wie jeder Chinese. Und jeder Einzelne hat Fähigkeiten, die er nicht verkümmern lassen darf, nur weil er sich aus Bequemlichkeit oder Angst nichts zutraut. Natürlich müssen wir den Gesetzen folgen und dürfen nicht verbotene Wege einschlagen, aber wir dürfen uns auch nicht selbst aufgeben. Überlegt einmal, ob ihr nicht in euch etwas findet, was schön wäre, obwohl es in der Wirklichkeit nicht vorhanden ist.“

   Sie sahen ihn verwundert an.

   „Keine Angst, niemand wird euch auslachen. Wir sind unter uns und Künstler lachen nie über die Kunst anderer. Und wenn es euch am Ende nicht gefällt, dann könnt ihr es ja übermalen.“

   An diesem Tag war alles anders. Nach einigem Zögern nahmen die Mädchen ihre Pinsel, flüsterten miteinander, malten vorsichtig erste Striche, beobachteten sich gegenseitig, tuschelten, kicherten. Nach einer Weile wurde es still, weil jede sich hingebungsvoll auf ihre eigene Arbeit konzentrierte. Dann lachten sie wieder verlegen und malten weiter. Polat sah Bilder entstehen, die sein Künstlerherz entzückten: Da waren Ornamente in leuchtenden Farben, hübsche Mädchen mit langen Haaren in feenhaften Kleidern, Bäume in allen erdenklichen Farben und Formen, Schafe in rosa, orange und blau, einige mit Blümchen im Fell, Girlanden aus prächtigen Blüten und Blättern, ein Muster, das ein See hätte sein können, Wolken und bunte Schleifen, die am Himmel hingen. Polat wusste nichts anderes zu sagen als: „Ich bin stolz auf euch!“

 

Die letzten Tage vergingen wie im Flug. Bald waren alle Wände bemalt, denn den Mädchen flogen immer neue Ideen zu. Ihre Bilder wurden von Tag zu Tag freier, fröhlicher, fantasievoller und nun glich der alte Schuppen einem vielfarbigen Jubelruf aus einer unbekannten Welt.

   Als sie sich zum letzten Mal ans Aufräumen machten, war allen ein wenig traurig zumute. Die Mädchen waren Freundinnen geworden. Sie hatten gemeinsam gelacht und sich nicht ihrer albernsten Fantasien geschämt. Sie hatten sich gegenseitig angespornt, Dinge auf die Wand zu bringen, die es gar nicht gab. Aber jedes dieser Bilder war schön und alle zusammen ergaben sie ein überwältigendes Kaleidoskop aus Vielfalt und Harmonie.

Polat war glücklich, denn einen größeren Erfolg hätte er sich gar nicht erhoffen können. Sicher, die Mädchen würden sich in der Schule bald wieder den eintönigen Unterrichtsmethoden anpassen müssen, aber das Erlebnis, im Herzen frei zu sein, das würden sie mit Sicherheit niemals wieder vergessen. Und vielleicht würde es ja eines Tages Früchte tragen.

   Am allermeisten hatte diese neue Erfahrung Aygül verändert. Sie kannte jetzt nur noch einen Wunsch, hatte einen klaren Weg vor Augen: Sie würde Malerin und Kunstlehrerin werden wie Herr Polat. Sie würde ihren Gefühlen vertrauen und sich eigene Überzeugungen bilden. Sie würde Chinesisch sprechen, wie es die Vorschrift verlangte, aber sie würde Uigurin bleiben und ihren uigurischen Schülern von der Vergangenheit erzählen, auf die sie stolz sein konnten. Und sie würde ihnen Mut machen, die wahren Werte, die die Menschheit ausmachten, höher zu halten als das, was vorübergehende Gesellschaftssysteme verlangten. Es hatte keinen Sinn, dagegen zu rebellieren, aber es hatte sehr wohl einen Sinn, die eigenen Werte zu bewahren und offen zu sein für anderes, was man noch nicht kannte. Sie würde ihren uigurischen Schülern sagen, wie gut es ist, Uigure zu sein, und sie würde ihren chinesischen Schülern sagen, wie stolz sie auf ihre uigurischen Mitschüler sein könnten, denn sie alle, die Chinesen und die Uiguren, sie alle hatten eine alte und wunderbare Kultur, auf die man sich berufen konnte. Damals, vor tausend oder tausendfünfhundert Jahren, hatten die Völker einander gegenseitig bereichert. Die Kunst hatte sie zusammengebracht: In den Höhlenmalereien sind Menschen mit chinesischen Augen, ebenso wie Männer mit Bart wie Uiguren, mit langen Nasen wie Europäer oder Kaukasier, buddhistische Mönche aus Indien und mongolische Reiter zu sehen. In der Kunst war dies erhalten geblieben und vielleicht könnte die Kunst ja auch in Zukunft wieder helfen aufeinander zuzugehen. Ja, das alles würde sie ihren Schülern sagen.

   Zu ihrem Großvater sagte sie an diesem Abend, als sie wieder gemeinsam auf dem Dach saßen:

   „Ich werde bestimmt eine gute Lehrerin werden, Großvater, aber leider dauert es noch furchtbar lange bis zur Zukunft!“