Der Mongole

 

um 1230

Dschingis Khan war nicht nur ein verwegener Krieger und unbeugsamer Eroberer, der es als seine himmlische Pflicht ansah, alle Menschen unter seiner Herrschaft zu vereinen, sondern auch ein vorausschauender Mann: Ohne jeden Zweifel würde es ihm gelingen, alle Völker zu besiegen und ein weltumspannendes Reich zu gründen, aber würde er es auch regieren und zusammenhalten können? Seine mongolischen Reiterhorden waren stark, schnell und gnadenlos. Sie würden alle, die sich ihnen in den Weg stellten, überrennen und gefügig machen, aber sie waren ungebildet. Keiner von ihnen hatte das mindeste Wissen über Verwaltung und Führung eines Staates, geschweige denn eines so großen Reiches, wie Dschingis Khan es schaffen wollte: ein Reich, das sich über tausende von Meilen in alle Himmelsrichtungen erstreckte und Völker unterschiedlicher Sprachen und Herkunft in sich vereinte. Dafür würde er die Hilfe erfahrener Männer brauchen. Zuverlässiger Männer. Deshalb beschloss er, Stammesführern und Königen, die sich ihm freiwillig unterwarfen und seinen Herrschaftsanspruch unterstützten, eine gewisse Souveränität zu gewähren.

 Auch König Barchukh, der Iduqut, der zu Beginn des dreizehnten Jahrhunderts das Königreich Turpan regierte, war ein vorausschauender Mann. Als er von den heranstürmenden Mongolen erfuhr, die alles niedermähten, was ihnen Widerstand leistete, zögerte er nicht, dem Großkhan Treue zu schwören. Sein Volk hatte Kriege erlebt, gewonnen und verloren, sich aber in den vergangenen Jahrhunderten eine Heimat geschaffen, in der Handel und Wohlstand blühten, Bildung und Kunst als hohes Gut galten und wo unterschiedliche Kulturen und Religionen in Frieden zusammenlebten. Sollte er das alles durch die wilden Reiterhorden vernichten lassen? Ein Sieg durch Kampf war ausgeschlossen. Also war es besser, Vasall der Mongolen zu sein und weiterhin sein Volk zu regieren und vor dem Untergang zu bewahren. Dschingis Khan nahm Barchukhs Treueschwur wohlwollend entgegen. Die Entschlossenheit des jungen Königs, seine tatkräftige Unterstützung im Krieg gegen die Tangut und sein kleines, vorbildlich verwaltetes Königreich beeindruckten ihn so sehr, dass er Barchukh zu seinem fünften Sohn erklärte und ihm seine Tochter Altani zur Frau gab. Das war im Jahre 1209 gewesen.
      Seitdem war das mongolische Reich weiter gewachsen. Dschingis Khan hatten große Gebiete im Süden und Nordosten bis zum Chinesischen Meer sowie die muslimischen Länder in Zentralasien bis in die Türkei und Ukraine erobert. Er blieb für alle Zeit bekannt als grausamer Unterwerfer. Als er 1227 starb, wurden sämtliche Lebewesen in seiner Umgebung und alle diejenigen, die am Begräbnis teilgenommen hatten, getötet. Seinen Bestattungsort sollen tausend Reiter mit den Hufen ihrer Pferde eingeebnet haben und anschließend hingerichtet worden sein, damit sie den Ort niemandem verraten konnten. Sein dritter Sohn Ögödei, den er schon zu Lebzeiten zu seinem Nachfolger bestimmt hatte, galt dagegen als besonnen und großzügig. Unter ihm und Dschingis Khans Enkeln Möngke und Kublai Khan entstand das größte Weltreich, das es bis zu dieser Zeit gegeben hatte.
      Da Barchukh der erste König war, der sich Dschingis Khan widerstandslos unterworfen und stets seine besondere Achtung genossen hatte, behielt das Königreich Turpan auch weiterhin eine Vorrangstellung unter den abhängigen Staaten des Mongolenreiches. Viele seiner Untertanen wurden als Beamte, Gelehrte, Schreiber oder Berater an den Hof oder in andere Landesteile geschickt und konnten dadurch großen Einfluss auf die institutionelle und kulturelle Entwicklung jener Zeit nehmen.

***

Der erste Uigure, dessen Gelehrsamkeit Dschingis Khan sich zunutze machte, war Tatatunga.[1] Tatatunga war als Vertreter des Iduqut von Turpan an den Hof der Naiman geschickt worden, um dort ein Steuersystem einzuführen. Die Naiman lebten in der westlichen Mongolei und hatten sich lange Dschingis Khans Vormachtstellung widersetzt, doch schließlich mussten sie sich im Jahre 1204 in einer letzten Schlacht geschlagen geben. Als Tatatunga die Niederlage kommen sah, nahm er sein Schreibgerät und das goldene Siegel, welches ihm König Tajang anvertraut hatte, und versuchte zu fliehen. Er wurde jedoch von einem mongolischen Soldaten aufgegriffen und vor Dschingis Khan gebracht.

„Was ist das?“, fragte der Großkhan. „Was sind das für Dinge, die du da bei dir trägst? Wozu sind sie nütze?“

 Tatatunga erklärte: „Mit den hölzernen Federn kann man schreiben und ein Siegel braucht man, um Staatsangelegenheiten und wichtige Geschäfte rechtskräftig zu machen. Zum Beispiel wenn ein Bote ausgeschickt wird, um Steuern einzutreiben oder eine Nachricht zu überbringen. Dann gilt das Siegel als Zeichen der Beglaubigung oder des Einverständnisses.“

 Das gefiel Dschingis Khan. Er wusste, dass er ein fortschrittliches Verwaltungssystem brauchte, wenn er sein wachsendes Reich zusammenhalten wollte. Es mussten Steuern eingetrieben und schriftliche Befehle in alle Teile des Landes verschickt werden. Er brauchte eine Schrift!

 Tatatunga hatte eine Schrift. Er war ein uigurischer Adliger, bewandert in Literatur und Amtsgeschäften – genau der richtige Mann. Dschingis Khan nahm ihn mit und wies ihn an, auf der Grundlage des uigurischen Alphabets ein Schriftsystem für die mongolische Sprache zu entwickeln und seine Söhne darin zu unterweisen.[2]

 In späteren Jahren sollten noch viele andere Uiguren aufgrund ihrer Bildung und Erfahrung hohe Positionen sowohl am Hof des Großkhans als auch im Verwaltungsapparat und in der Armee bekleideten. Während der Herrschaft des Ögödei begannen jedoch auch Mongolen in den Städten des Königreichs Turpan sesshaft zu werden und selbst Ämter in der Verwaltung zu übernehmen.[3]

 

1

 

Tulga hatte die Welt gesehen. Er war als junger Mann mit Dschingis Khans Armeen im fernen Westen gewesen, hatte Länder erobert, Menschen getötet und Dörfer niederbrennen sehen. Er war ein verwegener Mongole, ein Nomade, der mit Pferden und Kämpfen gelebt und nichts mehr liebt hatte, als über endlose Steppen zu galoppieren und mit seinen Kameraden Siege zu feiern. Doch als die mongolischen Heere zurückkehrten, war er in Kocho[4], der Hauptstadt des kleinen Königreichs Turpan, zurückgeblieben.

Denn in seinem Trupp war auch ein Uigure gewesen, ein Mann namens Hoshur. Sein König hatte ihn Dschingis Khans Heer zur Verfügung gestellt, weil alle Vasallenfürsten verpflichtet waren, die mongolischen Kriegszüge zu unterstützen. Hoshur hatte Tulga eingeladen, für eine Weile bei seiner Familie zu bleiben, um die große, alte Stadt kennenzulernen. Er hatte ihm von dem Handel auf der Seidenstraße erzählt, die seit über tausend Jahren durch sein Land führte und Einflüsse aus aller Welt mitgebracht hatte. Er hatte von den belebten Basaren und dem vielseitigen kulturellen Leben, den schönen Frauen und bunten Volkstänzen erzählt und Tulga war begeistert gewesen. Diese blühende Stadt mit Palästen und Klöstern hatte ihn tief beeindruckt. Ebenso Hoshurs Schwester. Und so hatte er sich entschlossen zu bleiben. Er heiratete und wurde ein sesshafter Mongole.

Etwas faszinierte Tulga besonders, seitdem er kein Krieger mehr war: das Postsystem. Vielleicht hatte es so etwas auch früher schon gegeben, aber unter Dschingis Khans Herrschaft war es zu einem gut funktionierenden, weitverzweigten System entwickelt worden, das den Hof des Großkhans mit allen Winkeln seines Reiches verband. Vor kurzem hatte sein Sohn Ögödei, der neue Großkhan, begonnen, es zu reformieren, noch besser und straffer zu organisieren. Zum Beispiel sollten die Boten nicht mehr willkürlich quer feldein und mitten durch die Ortschaften reiten, was beträchtliche Zeitverzögerungen mit sich brachte und die Bewohner der Städte und Dörfer erzürnte. Deshalb wurden neue Poststationen errichtet, jede ausgestattet mit zwanzig Pferden und geleitet von einem Postvorsteher. Ein Speicherverwalter beschaffte regelmäßig die notwendigen Vorräte, Stallpersonal betreute die Reittiere, Kurierbegleiter waren jederzeit zum Einsatz bereit. Auch wurden die Strecken so festgelegt, dass sie die landschaftlichen Gegebenheiten berücksichtigten und unnötige Umwege vermieden, damit die Boten auf die schnellstmögliche Weise vorankamen.[5][6]

Tulga gewöhnte sich schnell an sein neues Leben. In diesem Postsystem, das die Mongolen Yam nannten, sah es seine Zukunft, denn die Kuriere brauchten Pferde, gelegentlich auch Kamele, aber vor allem Pferde und Pferde waren seine Leidenschaft. Man hatte ihm in einer der neuen Poststationen die Verantwortung über den Reitstall übertragen, so dass er nun ein Darugha war, also eine angesehene Amtsperson. Seine Hauptaufgabe war es, dafür Sorge zu tragen, dass jederzeit zwanzig Pferde bereit standen. Viele der Boten waren in Eile und mussten sofort mit frischen Pferden weiterreiten. Manche trugen sogar Glocken am Gürtel, damit man sie schon von weitem hörte und Vorbereitungen traf.

Tulga war es zufrieden. Zwar musste er neben der Arbeit mit Pferden auch Listen führen und Verträge überprüfen, denn bei dem regen Hin und Her und den vielen Aufgaben einer Poststation wäre die Arbeit ohne Papier und Schrift nicht zu bewältigen gewesen. Deshalb hatte Tulga von Hoshur und seiner uigurischen Frau das Schreiben gelernt. Mit diesen Listen und Verträgen konnte er jederzeit belegen, welcher Bauer wie viele Pferde für wie lange bereitgestellt hatte, ob sie Tiere rechtzeitig und gesund zurückgegeben und alle Kosten korrekt abgerechnet worden waren. Kein Stallmeister hätte ohne die Schrift alles korrekt verwalten und kein Postvorstehen hätte die Zahlen kontrollieren können.

Tulga nahm seine Aufgabe sehr ernst und doch sehnte er sich manchmal nach den wilden Ritten über grenzenloses Land. Vergangenheit war Vergangenheit und die Jahre der Jugend vorüber, sagte er sich, doch ein Mongole bleibt ein Mongole, so alt er auch sein mag. Was konnte es Schöneres geben als ein schnelles Pferd, weite Ebenen, die an einem vorüberflogen, Wind und Sonne im Gesicht und Freiheit im Herzen?

  

2

Eines Tages machte er sich früh morgens auf den Weg und ritt in Richtung Osten. In der Poststation war alles geregelt und die Stallknechte würden für das Nötige sorgen, während er fort war. Heute wollte er seine neue Heimat, die Oase von Turpan, weiter erkunden, um auch die letzten Eigenheiten dieses merkwürdigen Landes kennenzulernen. Man hatte ihm von den roten Bergen erzählt, von Sagen und Drachen, die einst dort ihr Unwesen getrieben hatten, von einsamen Klöstern und Wandmalereien in Felsenhöhlen. Er wusste von der großen Wüste im Süden und den Kamelkarawanen, die Waren aus dem fernen Osten oder Westen brachten. Aber Kamele mochte er nicht. Kamele fand er hässlich und dumm. Sollten die Kaufleute sie nur ihre Lasten tragen lassen! Er selbst würde nicht für hundert Kamele ein einziges Pferd hergeben.

 Noch war es kühl an diesem Morgen, und als er sich der Wüste näherte, strich ihm ein eisigkalter Hauch über den Rücken. „Mittags wird sie glühend heiß, diese Sonne der Wüste“, murmelte er fröstelnd, „aber in der Nacht kann man erfrieren.“ Er erinnerte sich an die weiten Grasebenen seiner mongolischen Heimat, wo es auch bitterkalt werden konnte, aber nur im Winter, nicht im Sommer. Doch nun war dies seine Heimat und auch dieses Land hatte faszinierende Seiten: Zur Linken erhoben sich zerfurchte Berge, die in der Morgensonne feuerrot leuchteten, und zur Rechten konnte er schon bald die ersten Sanddünen ausmachen. Er zügelte sein Pferd und schaute hinüber zu den Dünen. Berge hatte er auf den Kriegszügen häufig überwinden müssen, sogar hohe schneebedeckte Berge, aber hier gab es rote Berge und Berge aus goldgelbem Sand. Ursprünglich hatte er geplant, in die schmalen Täler und Schluchten der Flammenden Berge einzutauchen, wo es Dörfer und Höfe gab, die vielleicht Pferde züchteten, oder wo er eine der geheimnisvollen Höhlen entdecken könnte, in denen Mönche lebten oder früher einmal gelebt hatten. Es sollte reißende Bäche geben und fruchtbare Fleckchen, an denen Bauern Wein und Obst anbauten. Er stellte sich in den Steigbügeln auf, stieß einen gellenden Schrei aus und gab seinem Pferd einen Schlag auf die Hinterhand, so dass es den Kopf zurückwarf und zum Galopp ansetzte. Aber nicht in Richtung der Berge, sondern schnurstracks auf die Wüste zu.

 Irgendetwas lockte Tulga. Wüsten waren ihm durchaus nicht fremd. Wie oft war er schon über ödes Land, karge Steppen und menschenverlassene Wüsten geritten! Wie oft schon hatte er ausgeblichene Skelette im Sand und Geröll gesehen: Jemand war unvorsichtig gewesen, hatte nicht mit seinem Wasservorrat haushalten können, hatte Pech gehabt. Angst konnte ihm die Wüste nicht einjagen, ebenso wenig wie Feinde, aber er erinnerte sich, dass Hoshur ihm auch von der Schönheit der Wüste erzählt hatte, und das hatte er nicht verstanden. Was konnte an Sand schön sein? Zwar leuchteten die Dünen jetzt in der Morgensonne goldgelb, aber sie waren doch nur Sand! Nichts als Sand.

      Tulga jagte dahin, packte mit beiden Händen die Mähne seines stämmigen, kleinen Tieres und ließ den Wind über sich hinwegfegen. Die mongolischen Pferde waren die besten der Welt! Vielleicht waren sie nicht so elegant und graziös wie manch andere Rasse, aber robust und ausdauernd. Nur dank dieser Pferde hatte Dschingis Khan sein Weltreich erobert. Ohne sie und die Reiter mit ihren Bogen und Pfeilen, die selbst im schnellsten Galopp noch zielgenau trafen, wäre sein Traum aussichtslos geblieben. Als Kind war Tulga aus dem Stand auf einen Pferderücken gesprungen, hatte weder Zügel noch Zaumzeug gebraucht, bis er in den Krieg zog und lernte, dass der Halt eines Steigbügels half, einen Pfeil sicher ins Ziel zu bringen, sogar nach hinten. Heute wollte Tulga nicht mehr mit Pfeilen auf Feinde zielen, doch das Reiten, das würde er bis zum letzten Tag seines Lebens nicht lassen. Zwar hatte er das Nomadenzelt gegen ein Lehmhaus getauscht, aber ein Pferd gegen ein Kamel – nein, das war undenkbar.

Plötzlich stand er mitten im Sand. Sein Pferd hatte unvermittelt angehalten und reagierte nicht auf seinen Zuruf. Es witterte. Es senkte den Kopf und schnaubte, als wollte es seinem Herrn etwas sagen. Der Sand war hier eben und fest. Die Hufe hatten flache, scharfe Abdrücke hinterlassen und bis zu den Dünen, wo sie im tieferen Sand versinken würden, war es noch weit. Tulga schaute sich um und bemerkte erst jetzt, dass irgendetwas nicht richtig war: Der Himmel war nicht so blau, wie er sein sollte, die Luft noch kühl, aber seltsam drückend. Bedrohlich. Ein Sausen kam von nirgendwo. Vom Himmel? Aus der Tiefe der Wüste? Oder aus der Erde? Eine kleine Sandfahne stieg auf und lief einen Hang hinauf. Noch eine.

Das Klagen des Windes wurde stärker. Tulga lauschte. Es klang beklemmend und zugleich betörend. Etwas Ungewöhnliches ging vor. Es bahnte sich etwas an, was mächtiger war als die Heere des Dschingis Khan. Tulga war unfähig sich zu rühren. Es wusste, dass er umkehren und sich in Sicherheit bringen sollte, aber er starrte wie gebannt in das seltsame Schauspiel hinein, das sich mit einem Mal sehr schnell auf ihn zubewegte. Der ganze westliche Himmel hatte sich verdunkelt. Er war rot-ockerfarben und etwas Unheimliches schien direkt auf ihn zuzukommen. Auf ihn, den einsamen Reiter, der sich in die Wüste gewagt hatte. Das Pferd war unruhig, scharrte nervös mit den Hufen, doch Tulga wollte nicht weichen, denn er hatte sich noch nie vor einem Feind gefürchtet und er fürchtete sich auch nicht vor diesem. Er wollte ihn sehen. Er wollte ihm ins Angesicht sehen.

Das Pferd zerrte an den Zügeln, warf den Kopf zurück, bäumte sich auf. Es kannte diesen Feind ebenso wenig wie Tulga ihn kannte, aber es hatte ein Gespür für eine Gefahr, gegen die kein Mensch und kein Tier gewinnen kann. Tulga zwang es zur Ruhe und starrte weiter fasziniert in die dunkle Wand, die sich drohend näherte. Er stand da wie berauscht von einem fesselnden Schauspiel. Die Dünen waren kaum noch zu erkennen. Sie verschwammen in einem Nebel aus Staub und Sand. Da waren keine scharfen Konturen mehr, keine geschwungenen Grate, kein Licht und kein Schatten. Nur noch Sand. Wolken aus Sand. Stürme aus Sand. Ein mächtiger Windstoß riss ihn beinahe aus dem Sattel, so unerwartet war er aus dem Nichts gekommen. Das Sausen wurde zu einem Brüllen. Das Brüllen ebbte wieder ab, ging über in ein leises Klagen und schwoll erneut an. Es hüllte Tulga und das Pferd ein eine dichte Wolke aus Sand und Gebraus. Die Geister kamen. Die Seelen derer, die sich in der Wüste verirrt hatten, kamen zurück und sangen ihr Lied. Sie wimmerten und brüllten, während der feine Sand Tulga in Ohren, Nase und Mund drang. Er durchdrang alles. Der gelbliche Wüstensand war so fein, dass er nicht einmal zwischen den Zähnen knirschte, sondern sich wie eine weiche, samtene Masse anfühlte. Salzig. Die Zunge wurde Tulga schwer, die Lippen rissig. Er umklammerte den Hals seines Tieres mit aller Kraft, um den stürmischen Böen entgegenzustehen, doch die Angst des Pferdes war jetzt zu groß, um länger auf seinen Reiter zu achten. Es bäumte sich auf, machte einen verzweifelten Satz und schleuderte Tulga in heller Panik aus dem Sattel. Ein Fuß blieb im Steigbügel hängen. Tulga versank in dem Meer aus Staub, das sich in Minutenschnelle um ihn herum aufgehäuft hatte, und wurde von seinem Pferd durch ein Chaos aus wirbelndem Staub geschleift. Das faszinierende Schauspiel war zur todbringenden Wirklichkeit geworden, konnte Tulga gerade noch denken, dann dachte er nichts mehr, denn alles um ihn herum war tiefes Schwarz. 

 

3

Als er wieder zu sich kam, war kein Heulen des Windes zu hören. Auch keine bedrohliche Windstille. Und der Himmel strahlte so blau, als könnte er sich niemals trüben. Tulga wusste nicht, wo er war. Vielleicht hatte er geschlafen. Aber warum hatte er geschlafen, wenn er doch gar nicht wusste, wo er war? Er wollte sich aufsetzen, doch ein stechender Schmerz durchfuhr seinen ganzen Körper. Er blickte hinauf in das Geäst eines Baumes, doch dieser Baum war nicht grün, sondern ockergelb. Auch um ihn herum war alles ockergelb. Vielleicht träumte er ja... Er schloss die Augen und wartete. Aber es kamen keine anderen Träume. Es kam nichts. Alles war still und schwarz.

 Dann sah er das Windpferd. Schon lange hatte er nicht mehr an das Windpferd gedacht, das in seiner Brust lebte. Seine mongolische Seele. Nach der Religion seiner Ahnen besitzt jeder Mensch ein Windpferd, das ihm hilft, das Gleichgewicht zwischen Himmel und Erde zu finden. Es erinnert stets daran, dass gute Taten die Seele stärken und böse Taten sie schwächen. Nein, er durfte sein Windpferd um nichts auf der Welt vergessen, auch wenn der Tengrismus in seinem neuen Leben keine Rolle mehr spielte. Die meisten Bewohner dieser Oase bekannten sich zum Buddhismus, manche zum Manichäismus. Aber das Windpferd... Ja richtig, er war auf einem Pferd in die Wüste geritten... Plötzlich erinnerte sich Tulga wieder an alles, was geschehen war. Sein Pferd hatte ihn abgeworfen und hinter sich hergezerrt, durch den Sand. Er war im Sand ertrunken. Er hatte Sand geschluckt und Sand geatmet.

 Plötzlich vernahm er ein leises Geräusch neben sich. Vorsichtig wandte er den Kopf zur Seite und fuhr erschrocken zusammen, denn da stand ein riesiges Tier und beäugte ihn aufmerksam: ein Kamel. Es kaute an etwas Unsichtbarem, schob seinen Unterkiefer energisch von einer Seite auf die andere und entblößte dabei gewaltige Zähne. Ein hässliches, wiederkäuendes Kamel! Tulga konnte seinen stinkenden Atem spüren. Er wollte aufspringen. Weg von hier! Nur weg! Doch sein Körper gehorchte nicht. Alles schmerzte. Mit Mühe gelang es ihm sich aufzusetzen, und da war auf einmal das große Maul ganz nah vor seinem Gesicht. Weiche Lippen wollten nach ihm schnappen. Oder ihn liebkosen? Er schrie auf. Nein, er krächzte nur ein wenig, denn seine Kehle war trocken und rau und brannte ebenso wie der ganze Körper.

 Das Kamel sah ihn an. Tulga sah das Kamel an und für eine Weile verharrten sie still und musterten einander. Tulga mochte keine Kamele. Mongolen lebten mit Pferden und Kamel waren für sie nur Lastenträger, Arbeitstiere, die keine Seele besaßen.

 „Nun, geht es wieder?“, fragte eine Stimme und riss Tulga und das Kamel aus ihrer gegenseitigen Betrachtung. „Sie hat dich gerettet“, fuhr die Stimme fort. „Sie hat das Pferd und dich aus dem Sand geholt.“

 Tulga hatte Mühe, den Mann zu verstehen. Nicht wegen seines ungewohnten Dialekts, sondern weil er den Sinn der Worte nicht begriff. Was meinte er damit: ‚Sie hat dich gerettet‘? Wer?

 „Erinnerst du dich? An den Sandsturm?“

 Der Mann hockte sich neben Tulga und schaute ihn besorgt an.

 „Du warst ohnmächtig. Dein Pferd kam von der Wüste her gerannt, in panischer Angst, und schleifte dich hinter sich her. Als der Sturm begann. Erinnerst du dich?“

 Eine Frau kam näher und brachte einen Krug mit Wasser.

 Tulga schaute sie verwirrt an. Natürlich erinnerte er sich an den Sturm. An das fantastische Schauspiel von Dünen und Naturgewalten, von unwirklicher Finsternis und den Geistern der Verschollenen. Er war gestürzt und in Wogen von Sand ertrunken. Nun lag er auf einer bunten Filzdecke unter einem ockerfarbenen Baum und eine Frau, die ihn gerettet hatte, reichte ihm einen Schluck Wasser.

 „Das Kamel. Rena, meine Kamelstute. Sie hat gewusst, dass ein Mensch in Gefahr ist. Sie hat mich gerufen und dann hat sie dein Pferd gefunden, als es am Ende seiner Kraft war.

 Einem Kamel verdankte er sein Leben? Tulga sah den Mann ungläubig an. Dann sah er das Kamel an. Sein Fell war ockergelb, wie alles hier. Es kaute jetzt nicht, sondern beobachtete Tulga still.

 „Kamele sind Wüstentiere“, fuhr der Mann fort, „sie können ohne Wasser überleben und versinken nicht im weichen Sand wie wir Menschen oder Pferde.“ Als Tulga noch immer nicht antwortete, erklärte er weiter: „Und wenn ein Sandsturm aufkommt, dann schließen sie ihre Nasenlöcher, so dass kein Sand eindringen kann. Auch ihre langen Wimpern...“

 Tatsächlich, was für lange Wimpern das Tier hatte! Tulga betrachtete das seltsame Geschöpf, das jetzt wieder mit dem Kauen begonnen hatte, und fand, dass die Augen unter diesen dichten Wimpern gar nicht so hässlich waren, sondern ihm etwas sagen wollten. Etwas Freundliches. Vielleicht war es ja stolz, ihn gerettet zu haben? Vielleicht wollte es ihn noch immer beschützen.

 „Du kannst ihr die Ohren kraulen. Das hat sie gern.“

 Tulga sollte einem Kamel die Ohren kraulen? Was für ein Gedanke! Wo war eigentlich sein Pferd?

 „Ich heiße Tulga“, stellte er sich vor. „Ich arbeite in einer Poststation bei Kocho und bin auf der Suche nach guten Pferden. Von Kamelen habe ich keine Ahnung.“

 „Nun aber doch, nicht wahr?“, lächelte der Mann. „Es freut mich, dass es dir wieder besser geht. Ich bin Erkin, ich baue Wein an, aber weiter oben im Tal leben Bauern, die auch Pferde züchten.“

 Tulga sah sich unbeholfen um. Der ganze Körper schmerzte noch immer, aber allmählich konnte er seine Glieder wieder bewegen. Er rieb sich den Rücken, schüttelte das Haar. Eine Staubwolke. Alles auf dem Hof war von einer dünnen ockerfarbenen Staubschicht bedeckt. Abgebrochene Äste und entwurzelte Sträucher lagen herum. Ein paar Hühner liefen über den Hof und pickten ockerfarbene Körner auf, die sie unter der Staubschicht fanden.

 „Komm ins Haus und trinke Tee mit mir.“

 Als Tulga sich aufrichtete, fühlte er einen Stups an der Schulter und sah sich erschrocken um. Eine weiche Oberlippe stupste ihn und große dunkle Augen schauten ihn erwartungsvoll an.

 „Keine Angst, mein Freund. Rena hat dich gerettet und nun fühlt sie sich verantwortlich für dein Wohl.“

 Beinahe gegen seinen Willen blieb Tulga stehen, hob eine Hand – und ließ sie wieder sinken.

 „Wie habt ihr mich hierhergebracht?“, fragte Tulga. „Was ist mit meinem Pferd? Lebt es noch? Es war außer sich vor Angst, wollte sich vor dem Sand retten. Dann weiß ich nichts mehr.“

 Die beiden Männer setzten sich zum Tee auf einen Filzteppich und Erkin erzählte, wie sein Kamel nach ihm gerufen hatte und wie sie zusammen in den Sturm hineingerannt waren, um dem verängstigten Pferd und dem verunglückten Reiter zu helfen.

 „Kamele sind wunderbare Tiere“, schloss der Uigure. „Sie sind klug, genügsam und ausdauernd. Sie tun alles für ihren Herrn und verlangen nicht viel, nur ein bisschen Fürsorge.“

 „Das wusste ich nicht“, gestand Tulga. „Ich hielt sie für dumm und geduldig.“

 „Geduldig sind sie, das ist richtig. Aber meine Rena ist das klügste Tier, das man sich nur vorstellen kann. Oft klüger als ich“, lächelte Erkin.

 Lange saßen sie schweigend beieinander, der uigurische Bauer zufrieden in Gedanken an sein kluges Kamel und der mongolische Darugha verwirrt grübelnd über das, was er soeben erfahren hatte.

 „Ich werde ihr die Ohren kraulen“, murmelte er nach einer Weile. „Ja, ehe ich aufbreche, werde ich ihr die Ohren kraulen.“ Er nickte nachdenklich, wie wenn er sich selbst bestätigen wollte, dass er heute etwas Wichtiges gelernt hatte. Dann fiel ihm ein, dass er noch vieles mehr über dieses Land lernen musste, das nun seine Heimat war. Während Erkins Frau immer neue Speisen auftischte und Tee nachschenkte, fragte er seinen Gastgeber:

 „Ich habe gehört, dass es in den Bergen Felshöhlen geben soll, die mit alten Malereien ausgeschmückt sind. Weißt du etwas darüber?“

 „Selbstverständlich“, erwiderte Erkin. „Überall findet man sie hier in den Tälern, schon seit Jahrhunderten. Es soll auch in der Nähe ein kleines Kloster und einen Einsiedler geben, aber dort war ich noch nie.“

 Nach einem ausgiebigen Mahl verabschiedete sich Tulga von dem uigurischen Bauern: „Hab vielen Dank für deine Gastfreundschaft. Du hast mir das Leben gerettet.“

 „Für uns Uiguren ist Gastfreundschaft ein göttliches Gebot.“

 Auch für Mongolen war es selbstverständlich, Reisende willkommen zu heißen und zu bewirten. Tulga fühlte sich immer weniger fremd in dieser neuen Heimat und voll Dankbarkeit ging er, ehe er aufs Pferd sprang, zu dem Kamel Rena hinüber und kraulte ihm die Ohren. Während er ihm leise seine Anerkennung zuflüsterte und in die großen, wissenden Augen schaute, spürte er eine seltsame Verbundenheit mit dem Tier, das er nun gar nicht mehr hässlich fand, sondern klug und irgendwie... charaktervoll. Dann nickte er der Familie zu, die sich zum Abschied auf dem Hof versammelt hatte. 

 4

 Tulga ritt talaufwärts in die roten Berge hinein. Es war Mittag geworden und die Sonne brannte heiß. Sein Körper hatte sich noch nicht von dem Sturz erholt, doch er genoss es, in diese grüne, fruchtbare Natur eintauchen und die Wüste immer weiter hinter sich lassen zu können. Ein Bach schlängelte sich durch den Talgrund. An seinen Ufern wuchs hohes Gras, dahinter Gesträuch und einige Bäume. Nach und nach rückten die Felswände enger zusammen, gaben Schatten und Schutz. Hier sah man kaum noch ockerfarbenen Staub, obwohl Tulga ihn noch immer im Mund spürte. Gelegentlich blieb er stehen, atmete die frische, klare Luft und hörte auf das leise Plätschern des Baches. Einige Enten schwammen hier und da und ganz allmählich verblichen die Bilder von todbringendem Sand und wichen der wohltuenden Stille des einsamen Tales. Selbst das Pferd schien die Ruhe zu genießen und den Schrecken des Morgens vergessen zu haben.

 Es spielte mit den Ohren. Tulga hielt inne und beobachtete aufmerksam das andere Ufer. Hinter den Bäumen, vor der Felswand, glaubte er eine Bewegung wahrgenommen zu haben. Pferd und Reiter lauschten angespannt. Es war nichts zu hören. Kein Windhauch, kein Rascheln der Blätter. Doch dann war es wieder da: Im Buschwerk auf der anderen Seite des Baches bewegte sich etwas. Ein Tier? Tulga erinnerte sich an seine Jugendzeit, an seinen Vater. Wie oft waren sie mit anderen Stammesangehörigen auf die Jagd gegangen! Antilopen, Wildschweine, Wölfe, Bären, Tiger. Tiger gab es hier nicht. Aber Bären oder Wölfe? Tulga hielt den Atem an. Er hatte weder Pfeil und Bogen noch seine Streitkeule dabei, nur ein Dolch steckte im Gürtel. Wieder rührte sich nichts. Tulga horchte, beunruhigt. Wie könnte es sich gegen einen Bären wehren? Gegen Wölfe? Seine Hand tastete wie von selbst zum Dolch. War er heute nicht schon einmal nur knapp dem Tod entronnen? Er war auf alles gefasst. Zu allem bereit. Kein Feind hatte ihn jemals schrecken können, aber diese Stille... diese undurchdringliche Stille...

 Und dann lachte Tulga laut auf. Er lachte, weil er für einen Moment geglaubt hatte, ein gefährliches Abenteuer bestehen zu müssen, doch nun stellte sich heraus, dass dieses Abenteuer nichts anderes war als ein gebeugter alter Mann, der einen Korb am Arm trug. Er war aus dem Gebüsch getreten und abrupt stehen geblieben, als er den lachenden Reiter am anderen Ufer sah. Verwundert schaute er hinüber, und dann, auf einmal, begann auch er zu lachen. Er setzte den Korb ab, stemmte beide Hände in die Hüften und lachte aus vollem Herzen zu dem Fremden hinüber. Tulga konnte sein Gesicht erkennen, denn der Bach war nicht breit. Seltsam, dachte er: ein ehrwürdiger Greis mit langem weißem Haar und Bart, vom Alter gebeugt, und er lacht in unbekümmerter Lebensfreude wir ein kleines Kind! Er lenkte sein Pferd einige Schritte näher zum Ufer und rief einen Gruß hinüber.

 „Willkommen, Fremder“, antwortete der alte Mann. „Komm und trinke Tee mit mir.“

 Das Pferd fand mühelos seinen Weg durch das klare, sprudelnde Wasser. Tulga sprang ab und verneigte sich vor dem Mann. Der hob die Hände zum Gruß vor die Brust und fragte:

 „Du kommst von weither?“

 „Aus Kocho.“

 „Aber du bist ein mongolischer Krieger?“

 „Früher war ich Krieger, jetzt bin ich Darugha in einer Poststation.“

 „Gut, gut“, meinte der Alte. „Krieg ist nicht gut. Komm mit und ruh dich aus.“

 Während er einen Weg zurück durch das dichte Gebüsch bahnte, murmelte er:

 „Ich habe lange nicht gelacht. Wenn man allein ist, lacht man nicht.“

 „Du lebst ganz allein?“

 „Seit vielen Jahren.“

 Schweigend folgte Tulga dem alten Mann, bis zwischen den Bäumen ein kleines Gebäude auftauchte. Es war aus Lehmziegeln errichtet und musste schon sehr alt. Als er sich weiter umsah, entdeckte er in der Felswand eine Öffnung.

 „Ist dort eine Höhle?“, fragte er. „Eine Höhle mit Malereien?“

 „Ja, mein Meditationsraum. Sehr alt. Sehr schön. Man erzählt sich, dass einst ein buddhistischer Mönch hier gelebt hat, vor vielen Jahrhunderten. Ein Mönch, der zugleich Künstler war. Es war zur Zeit des Iduqut Qu Wentai, der den berühmten Wandermönch Xuanzang empfangen hatte. Auch die Kaiser der Tang-Dynastie waren dem Buddhismus wohlgesonnen. Später hatte dann ein anderer König den Manichäismus zur Staatsreligion in Turpan gemacht, aber nun dürfen wir auch wieder Buddhisten sein.“

 „Ist das eine gute Religion?“

 „Ja, ich glaube... ich weiß nicht. Ich war immer Buddhist. In manchen Gegenden treten die Leute jetzt lieber zum Islam über. Manche sind auch nestorianische Christen. Vielleicht ist alles gut.“

 „Hm, der Khan lässt jedem seinen Glauben. Ich selbst glaube, dass Tengri alles lenkt, der Himmelsgott. Er lehrt uns, mit der Umwelt im Einklang zu leben. Denn wir leben zwischen dem Himmel und Mutter Erde, die uns ernährt. Das ist einfach, das verstehe ich.“

 Sie saßen lange beieinander und sprachen über Religionen und das Leben eines Einsiedlers in einem kleinen, einsamen Tal der Flammenden Berge von Turpan. Auch der Greis hatte ein anderes Leben hinter sich gelassen und vor vielen Jahren diese wunderschöne Grotte und das halbverfallene Häuschen entdeckt, das früher einmal ein Kloster gewesen war und das er zu seinem Zuhause machte. Bauern aus der Umgebung brachten ihm gelegentlich etwas zu essen, aber das Wesentliche fand er in der Natur und in der Meditation. Er versuchte Tulga zu erklären, was Meditation bedeutet und warum er darin seine Erfüllung fand, doch der Mongole konnte mit diesen Erklärungen nur wenig anfangen und unterbrach ihn ein wenig gelangweilt:

 „Darf ich mir die Höhle ansehen?“

 „Natürlich. Geh nur!“ Der alte Mann sah Tulga nach, als er im Höhleneingang verschwand. Vielleicht wirst du ja dort verstehen, was ich nicht erklären kann, dachte er bei sich.

 

Es war kühl und nur ein schwaches Dämmerlicht ließ Tulga die Wandmalereien erkennen, die die gesamte Höhle ausschmückten. Wärme und Licht der Sonne hatten hier keinen Zugang. Die äußere Welt und die Zeit mussten draußen bleiben, und so waren sechs Jahrhunderte dahingegangen wie ein Hauch von Nichts. Tulga blieb einen Moment stehen, bis sich seine Augen an die Dunkelheit gewöhnt hatten. Dann ging er vorsichtig einige Schritte weiter und blieb vor einem Buddha stehen, der im Lotossitz auf einem steinernen Sockel saß und ihm versonnen entgegenlächelte. Eine Hand hatte er wie zum Segen oder zum Gruß erhoben, die andere ruhte in seinem Schoß. Tulga sah ihn an. Nein, der Buddha lächelte ihm nicht entgegen, sondern er lächelte in sich hinein. Er ruhte in sich. Er befand sich nicht in dieser Welt. Er wartete nicht auf Besucher und ließ sich auch nicht durch Besucher stören. Vielleicht war es das, was der alte Einsiedler hatte sagen wollen: Er hatte eine andere Welt gefunden, in der allumfassende Stille und Zufriedenheit herrschten. Tulga fühlte etwas von dieser Stille in sich übergehen, während er die Figur betrachtete. Er vergaß die Zeit und wusste nicht, wie lange er so gestanden hatte, ehe er den Blick von der Statue lösen konnte.

 Beinahe ehrfürchtig schaute er sich in dem halbdunklen Raum um. Um den Sockel führte ein Gang herum und alle Wände waren bedeckt mit kunstvollen Wandmalereien. Buddha war auch hier abgebildet, umgeben von Gestalten, die vielleicht seine Jünger waren oder andere heilige Männer. Später würde er den alten Mann bitten, ihm mehr über die Geschichte seines Glaubens zu erzählen. Bestimmt kannte er alle Sagen und Legenden. Doch es gab nicht nur religiöse Darstellungen, sondern auch Personen in prächtigen Gewändern und Szenen, die das tägliche Leben zeigten. Er entdeckte ein Pferd. Auch Kamele und da war eine Landschaft. Einige der Menschen waren ganz offensichtlich Chinesen, andere hatten rotes Haar und blaue Augen oder lange schwarze Bärte. Und Frauen mit kunstvollen Kopfbedeckungen fand er, auch Inder. Mongolen. Der Künstler hatte die Vielfalt der Kulturen festgehalten, die über die Seidenstraße durch dieses Land gezogen kamen. Tulga fühlte sich mit einem Mal unendlich stolz, jetzt auch zu dieser Vielfalt zu gehören, die das Leben in der Turpan-Oase ausmachte.

 Die gewölbte Decke war über und über bedeckt mit winzigen Buddhas, die alle gleich aussahen. Einer wie der andere. Es war unmöglich, sie zu zählen. Und als Tulga an die Rückwand des Raumes kam, also direkt hinter der Statue, da blieb er staunend vor dem wunderschönen Bild eines anderen Buddhas stehen, der von Lotosblüten umgeben war. Es schien ein Lichtstrahl auf ihn zu fallen oder von ihm auszugehen, denn trotz des dämmrigen Zwielichts leuchteten die Farben seltsam hell, warm und schön. Hier und da schimmerte etwas Gold. Tulga strich mit dem Finger sanft über die Falten des kostbaren Gewandes. Wie gut sich die Farben erhalten hatten! Waren sie tatsächlich schon mehrere hundert Jahre alt? Eine kaum vorstellbar lange Zeit.

 Wie benommen trat er nach langer Zeit aus der Höhle heraus, wieder in die sonnenhelle Realität der Gegenwart. Er kniff die Augen zusammen und sah sich plötzlich dem alten Mann gegenüber, der ihn so fröhlich anlächelte, als hätte er soeben einen Scherz gehört.

 „Nun“, fragte er den verblüfften Mongolen. „Wie findest du meine Höhle?“

 Tulga musste nach Worten suchen, denn Worte für solche Schönheit waren ihm fremd. Kunst hatte für ihn bisher keine Bedeutung gehabt und in Bildern hatte er nur dargestellten Dinge oder Personen gesehen, jedoch keine Gefühle. Diese Malereien aber, vor allem der große Buddha an der Rückwand hatten ihn so tief ergriffen, dass er zuerst einmal wieder zu sich selbst finden musste.

 Dann stammelte er: „Da war ein seltsames Licht.“

 Der Alte kicherte.

 „Ja, das Licht“, erwiderte er geheimnisvoll. „Ich kann die Sonne überlisten.“

 „Du kannst... Nein!“

 Tulga sah zum Himmel. Tengri! Die Sonne schien wie zuvor, war ein Stück weiter nach Westen gewanderte und brannte weniger heiß als am Mittag. Bald würde sie hinter den Bergen untergehen, aber sie stand am Himmel und niemals würde ein Mensch darauf Einfluss nehmen können.

 „Hab keine Angst, guter Mann“, beruhigte der Einsiedler, als er Tulgas Verunsicherung bemerkte. „Die Sonne bleibt, wo sie ist. Aber ich kenne einen Trick. Einen Trick, den vermutlich auch die Künstler früher schon gekannt haben. Sieh mal hier!“

 Er zeigte auf ein Stück Glas in seiner Hand.

 „Wenn ich dieses Glas so halte,“ er drehte es hin und her, bis es die Sonne einfing und an die Felswand warf. „Siehst du? So kann ich Licht umlenken. Wenn ich am Eingang stehe und einen Sonnenstrahl ins Innere der Höhle leite, wird es hinter der Statue hell. Verstehst du? Ganz einfach.“

 Selbstzufrieden schmunzelte der Einsiedler in sich hinein und gab Tulga einen aufmunternden Stups in die Seite. „Kein Zauber, nur ein Trick. Ich werde deinen Himmelsgott nicht beleidigen.“

 „Zeig mal!“ Tulga nahm die Glasscheibe und versuchte selbst, die Sonne einzufangen, und als es ihm gelang und der alte Mann erschrocken beide Hände vor die Augen schlug, weil er geblendet wurde, lachte er laut auf. Er freute sich wie ein Kind und die beiden Männer spielten mit der Sonne, ehe sie hinter den Bergen versank und alles in ein warmes rotes Licht tauchte.

   5

 Am Abend saßen sie am Feuer vor dem kleinen Lehmhaus und sprachen bis spät in die Nacht. Der alte Mann erzählte Tulga alles, was er über Wandmalereien und die Künstler vergangener Zeiten wusste. Er sprach über Buddhas Leben als Sakyamuni, über Bodhisattvas und Apsaras, die schwebenden Himmelsgestalten, die auf einigen der Bilder zu sehen waren. Als der Manichäismus Staatsreligion wurde, hatte man viele buddhistische Motive mit Putz abgedeckt und mit Darstellungen von dem Religionsstifter Mani und von Landschaften, Blumen und vielerlei Naturmotiven übermalt. Diese Höhle hier, die er sich als Meditationsraum auserwählt hatte, war glücklicherweise verschont geblieben. Wahrscheinlich war sie eine der schönsten, die es überhaupt gab. Aber morgen könne Tulga sich ja weiter umsehen. Es gebe noch viele wunderbare Dinge in diesem Tal zu entdecken. Auch hoch oben an den Felsen würde er überall Löcher sehen und vielleicht befanden sich ja auch dort einige ausgemalte Höhlen. Das wisse er nicht, denn als er damals hierher kam und sich entschied zu bleiben, war er nicht mehr jung gewesen und hatte sich keine riskanten Klettereien mehr zumuten können. Doch früher, ja, man sagt, dass es früher auch in schwindelnden Höhen Klöster gegeben habe, in denen Mönche lebten.

 „Bleib eine Weile“, meinte er zum Schluss, als dem Darugha schon die Augen zufielen. „Bleib und du wirst das Leben verstehen.“

 „Ich könnte niemals in dieser Abgeschiedenheit leben. Ich brauche meine Arbeit, meine Familie, Freunde... Pferde.“

 „Lachen?“

 „Ja, auch Lachen.“

 „Du hast Recht, mein Freund. Geh schlafen und reite morgen heim zu deinen Pferden.“

  

Als Tulga am Morgen aufwachte, brodelte es bereits in einem Topf über dem Feuer und ein angenehmer Duft von frischem Gemüse wehte zu ihm herüber. Er hatte unruhige Träume geträumt, von Sanddünen, die ihn verschütteten, Pferden und Kamelen, von lauschigen Bächen und geheimnisvollen Grotten, von Licht und Finsternis, Angst und Erlösung.

 „Guten Morgen“, rief der Alte, als er Tulga bemerkte. „Du hast geschlafen wie ein Stein.“

 „Gestern war ein merkwürdiger Tag.“

 „Gestern war ein schöner Tag.“

 Tulga ging zum Bach, um sich zu erfrischen. Er schaute hinüber zum Höhleneingang, setzte sich dann aber zu seinem Gastgeber neben das Feuer.

 „Warum hast du gelacht, als du mich sahst?“

 Was sollte er darauf antworten? Womöglich fühlte sich der würdige alte Mann gekränkt, ausgelacht? Er war so viel älter als er selbst und dazu ein heiliger Mann, ein buddhistischer Einsiedler. Verlegen schaute er ins Feuer und suchte fieberhaft nach einer sinnvollen Erklärung.

 „Es tut mir leid!“

 „Warum?“

 Tulga sah ihn verwirrt an.

 „Warum tut es dir leid?“

 „Hm. Ich...“

 „Wie kommst du auf den Gedanken, dass dir dein Lachen leidtun müsste? Ich kann mich kaum erinnern, gelacht zu haben, und nun habe ich gelacht. Ich kannte keinen Mongolen und nun kenne ich einen. Ich wusste nichts über Tengri und nun weiß ich es. Das ist gut. Ich danke dir.“

 Tulga sah ihn an. Als er sicher war, dass der alte Mann all dies in vollem Ernst gemeint hatte, sagte er mit einem vorsichtigen schmunzeln.

 „Ich dachte, du seist ein Wolf oder ein Bär.“

 Der Alte starrte Tulga verblüfft an.

 „Ich hatte Angst vor dir. Ich hatte ja keinen Bogen dabei...“

 Der Alte riss die Augen auf und kicherte: „Erschießen wolltest du mich?“

 „Und kein Schwert.“

 „Und kein Schwert! Er hatte keinen Bogen und kein Schwert! Ein wehrloser mongolischer Krieger gegen einen buddhistischen Greis, der nicht einmal eine Fliege tötet!“

 Wie kleine Buben hockten die beiden Männer am Feuer und lachten über sich selbst und über das Glück des Lebens. Insekten summten im Gras, während das Feuer knisternd niederbrannte. Ein Vogel sang in den Pappeln und vom Bach her drang das Plätschern des Wassers, das sich seinen Weg über Steine und Geröll suchte.

 „Du bist zu jung, um zu bleiben“, sagte der alte Mann nach einer Weile. „Geh und tu deine Arbeit in der Poststation. Die Menschen dort brauchen dich mehr als ich. Ich lebe hier die letzten Jahre meines Lebens und ich lebe sie gern allein. Ich muss meditieren. Dein Lachen hat mir gut getan, denn es ist ein Stück Weisheit, wenn man lachen kann. Ich hatte es vergessen. Nun weiß ich es wieder und das ist ein großes Geschenk, das du mir gebracht hast.“

 Auch Tulga hatte viel gelernt, seitdem er am vergangenen Morgen aufgebrochen war. Der alte Einsiedler hatte ihm Augen für den Reichtum des Lebens geöffnet. Er hatte die Gewalt der Natur kennengelernt, die Schönheit der Kunst und die Kraft eines Menschen, mit nichts zu leben als mit seiner Religion. Er würde niemals wieder glauben, unbesiegbar zu sein, und er würde niemals wieder ein Kamel verachten. Tulga liebte und verstand seine neue Heimat jetzt besser als je zuvor, und mit einem Mal verspürte er eine unbändige Sehnsucht nach seiner uigurischen Frau und den Kindern, die beide Kulturen in sich vereinigen würden.

 „Danke!“, rief er, sprang auf sein Pferd und winkte dem gebeugten alten Mann, der mit einem weisen Lächeln am Höhleneingang stand, ein letztes Mal zu.

 



[1] Thomas T. Allsen: The Yuan Dynasty and the Uighurs in Turfan. In: Ed. Morris Rossabi, China Among Equals: The Middle Kingdom and Its Neighbors, 10th-14th centuries, University of California Press, Berkeley

[2] Diese Schrift war in der Mongolei bis zum Ende der Qing-Dynastie gebräuchlich. Danach wurde die kyrillische Schrift eingeführt, doch in der Inneren Mongolei benutzen sie auch heute noch viele Mongolen. (http://www.wikiwand.com/en/Tata-tonga)

[3] Thomas T. Allsen: The Yuan Dynasty and the Uighurs in Turfan. In: Ed. Morris Rossabi, China Among Equals: The Middle Kingdom and Its Neighbors, 10th-14th centuries, University of California Press, 1983

[4] Während der Herrschaft der chinesischen Tang-Dynastie hatte man die Stadt Gaochang genannt.

[5] Adam J. Silverstein: Postal System in the Pre-Moslem Islamic World. Cambridge University Press, 2007

[6] Márton Vér: The postal system of the Mongol Empire in northeastern Turkestan, Szeged, 2016