Der Rebell

 

2016

Kamil und Jamal kamen aus der Schule. Sie waren Jungen wie alle Jungen und fühlten sich wie alle Fünfzehnjährigen schon ziemlich erwachsen. Es war auch ein Tag wie alle Tage zu Beginn des Sommers, wenn die heiße Wüstensonne das Thermometer in die Höhe treibt und einem der Schweiß bei jedem Schritt über den Rücken läuft. Und doch war es kein Tag wie jeder andere und Kamil war heute auch kein Junge wie jeder andere, denn er war stolzer Besitzer eines Smartphones.

  Er hatte es am Tag zuvor von seinem älteren Cousin Dilshad bekommen. Fast die ganze Nacht hatte er damit verbracht, dieses kleine Wunderwerk zu verstehen, bis er doch irgendwann eingeschlafen war. Nun hatte es während all der vielen Unterrichtsstunden abgeschaltet in seiner Hosentasche gesteckt und Kamil konnte es kaum erwarten, seinem Freund Jamal vorzuführen, was er schon alles damit machen konnte: E-Mails schreiben, WeChat-Kontakte eintragen, Apps öffnen, Fotografieren, Musik hören... nein, das hatte er noch nicht ganz verstanden, aber nach Texten, Bildern und Filmen im Internet suchen. Es schien keine Grenzen zu geben. Eine unbekannte, unverhoffte Freiheit eröffnete ihm dieses kleine Ding.

    „Sieh mal, Jamal“, sagte er, als sie die Schule ein Stück hinter sich gelassen hatten. Er schaltete das Handy an, tippte mit der Sicherheit eines erfahrenen Weltmannes den Code ein, und sah mit Genugtuung auf seinen Freund, der wie gebannt auf das blanke Display starrte, auf dem sich jetzt eine Reihe kleiner Bildchen öffneten.

    „Hier“, erklärte Kamil, „telefonieren geht so, ganz einfach. Und das ist WeChat... das geht aber nur mit Leuten, die auch ein Smartphone haben – schade, aber vielleicht kriegst du ja auch bald eins. Und so kann kam Fotos machen, siehst du? Und so sich selbst fotografieren, also Selfies.“

    Er stellte sich neben Jamal und sie grinsten gemeinsam in den kleinen Bildschirm. 

   „Warte!“ Kamil klickte ein bisschen, bis das Selbstporträt der beiden grinsenden Gesichter erschien, und dann lachten sie unbeschwert wie kleine Kinder, die sich selbst und die wunderbare Welt der modernen Technik entdeckten.

   „Und nun zeige ich dir, wie man ins Internet kommt. Das geht allerdings nicht immer.“

   „Ich weiß. Erinnerst du dich an damals, 2009, als das Internet in ganz Xinjiang zehn Monate lang blockiert war?“

   „Klar. Mein Onkel musste einmal nach Gansu fliegen, um dort in ein Internet-Café mit Geschäftsfreunden aus Shanghai etwas Eiliges zu klären – Telefonverbindung gab’s ja auch nicht – und weißt du, was sie ihm gesagt haben? Die von Internet-Café meine ich, nicht die Leute aus Shanghai? Sie haben gesagt: ‚Kein Zutritt für Uiguren!‘ Als sie seinen Ausweis sahen, haben sie ihn einfach weggeschickt. Und nicht nur in dem einen Laden, in allen! – Wo leben wir denn, kannst du mir das mal sagen?“

   „Nicht so laut, Kamil, da kommt Herr Perhat.“

   Als der Lehrer näher kam, grüßten beide Schüler höflich: „Ässalam aleykum, Perhat ependim.“

   „再见 - zàijiàn.“

   „Blödmann“, knurrte Kamil, „kann er nicht wenigsten hier mit uns Uigurisch sprechen? Oder findet er sich so toll als Pseudo-Chinese?“

   „Lass doch, Kamil, das ist halt Vorschrift. Lehrer müssen immer mit ihren Schülern Chinesisch sprechen. Zeig mir lieber, was man noch alles mit deinem Handy machen kann.

   „Filmen! Pass auf: Dies ist das Symbol für Fotos und das hier für Filme.“ Er hielt sein Telefon auf die Straße, wo gerade drei Mädchen auftauchten, die auch in ihre Klasse gingen. Sie riefen schon von weitem:

   „Wey, wey, was macht ihr? Nehmt ihr uns etwa auf?“

   Jamal kicherte frech: „Klar... stell’n wir ins Internet... wird ein super Clip.“

   „Zeig mal her!“ Ilnur, Bahtigül und Aygül beugten sich neugierig über das Display, sahen jetzt aber nur ihre Füße auf dem lehmfarbigen Boden. „Wo denn? Kamil, zeig mal, was ihr aufgenommen habt!“

   Kamil drehte sich zur Seite, ließ die Finger so geschickt über den Touchscreen huschen, als wären sie mit dieser Fertigkeit schon auf die Welt gekommen, zog Bildausschnitte groß und wieder klein und präsentierte dann seinem wartenden Publikum mit gewichtiger Miene das vergrößerte Antlitz einer verschämt kichernden Bahtigül. Alle lachten. Alle wollten sich selbst sehen, in groß und in klein, alle zusammen und alle einzeln, und dann wollten sie noch mehr Bilder und noch mehr Filme machen. Jeder wollte es einmal selbst ausprobieren. Sie neckten und hänselten sich gegenseitig und amüsierten sich über jede komische Kleinigkeit.

   „Was ist hier los?!“, donnerte eine Stimme und die fünf Jugendlichen fuhren erschrocken herum. Zwei Polizisten standen vor ihnen, der eine nur wenige Jahre älter als sie. Beide waren Uiguren und sie standen da wie erstarrte Salzsäulen mit finsterer Miene und einem Knüppel am Gürtel: „Soll das hier eine Versammlung sein? Ihr wisst, dass ein unangemeldeter Menschenauflauf verboten ist, also geht nach Hause... Was ist das?“

   Er wies auf Kamils Handy und streckte die Hand aus.

   „Gib her!“

   Kamil zögerte. Er wollte seinen kostbarsten Schatz nicht aus der Hand geben. Und schon gar nicht einem Polizisten. Natürlich wusste er wie alle anderen, dass die Polizei gelegentlich Smartphones überprüfte, auch konfiszierte und manchmal sogar die Besitzer verhaftete, wenn sich angeblich staatsgefährdende Dateien darauf fanden. Aber wieso seines? Was hatte er mit Terrorismus und solchem Kram zu tun? Er war Schüler und hatte gestern von seinem Cousin ein Handy geschenkt bekommen. Was sollte daran falsch sein? Er begann innerlich zu kochen. Je länger der die ausgestreckte Hand sah, desto wilder brodelte es in ihm.

   Und je länger der junge Bengel zögerte, seinem Befehl nachzukommen, desto mehr drohte der Polizist seine Beherrschung zu verlieren, denn schließlich machte er das hier ja nicht zum Spaß! Es war seine Pflicht, diese jungen Leute unter Kontrolle zu halten. Die wollten doch nur Unruhe stiften.

   „Nun?“ Er versuchte, seinen aufsteigenden Zorn zu bezwingen. Auch Kamil wusste, dass es klüger war nachzugeben und den Mann nicht zu provozieren, aber es fiel ihm so furchtbar schwer! Er kämpfte mit sich. Sekundenlang starrte er auf die Hand des Polizisten und wusste nicht, was er tun sollte. Seine Kameraden wagten sich nicht zu rühren. Ihnen war klar, dass Kamil keine Chance gegen den Polizisten hatte. Ein Uigure hat nie eine Chance gegen die Polizei und insgeheim beschworen sie ihren Kameraden, nicht das Schlimmste heraufzubeschwören. Dann plötzlich gab Kamil sich einen Ruck und legte das Telefon in die wartende Hand. Der Polizist reichte es weiter an seinen jungen Kollegen und sagte:

   „Sieh nach, was drauf ist!“

   Der junge Mann fixierte das Gerät in höchster Konzentration, während seine flinken Finger alle Funktionen und Daten durchprüften.

   „Hier“, brummte er und hielt es dem anderen hin.

   „Aha, dann müssen wir es leider vorerst einbehalten, tut mir leid.“

   „Was? Wieso einbehalten? Was heißt das? Sie können doch nicht...“

   „Sicher können wir, junger Mann!“, schnitt ihm der Polizist das Wort ab. „Wir müssen sogar. Wir müssen genau prüfen, was auf diesem Telefon gespeichert ist. Das sieht doch sehr verdächtig aus. Gib ihm einen Beleg“, wies er den jungen Kollegen an. „Und im Übrigen“, wandte er sich noch einmal an Kamil, „ im Übrigen kannst du froh sein, dass wir dich nicht auch mitnehmen. Nächste Woche kannst du bei der Polizeistation vorsprechen und dein Telefon wieder abholen. Guten Abend noch.“ Er nickte den fünf Jugendlichen zu und beide gingen davon.

   In dieser Nacht fand Kamil wieder keinen Schlaf. Er wollte nicht weinen, weil ein junger Mann in seinem Alter nicht weint. Er wollte seine Wut nicht laut herausschreien, weil das seine Eltern verängstigt hätte. Er wollte ihnen keine Sorgen bereiten, denn sie hatten schon so viele Sorgen. Er wollte aber auch nicht schweigen, weil er so abgrundtief verletzt war. Er fühlte sich gedemütigt. Er fühlte sich zu Unrecht verdächtigt und zu Unrecht bestohlen. Das Unrecht war so ungeheuerlich groß, so eklatant, dass er es beinahe greifen konnte. Jeder musste es sehen! Jeder Mensch, der ein bisschen Verstand im Kopf hatte. Jeder, der nicht so hinterhältig und borniert war wie diese verdammten Polizisten! Wieso gehorchten sie überhaupt diesem verfluchten chinesischen Regime, das glaubte, die Uiguren wie Dreck behandeln zu dürfen! Sie brachten ja sogar Uiguren dazu, andere Uiguren wie Dreck zu behandeln. Er fühlte sich erbärmlich, klein, wehrlos und allein.

   Allein gelassen in einer Welt von Ungerechtigkeit.

   Ein Opfer von Diskriminierung und Totalitarismus.

   Ein trauriger Junge und ein wütender Rebell.

 

Kamil war kein Rebell. Er war ein Junge, der für einen Tag einen Blick in die Möglichkeiten der digitalen Technik und in die Welt außerhalb seiner Heimat Xinjiang hatte werfen können. Er war fasziniert gewesen von dem kleinen Gerät, das ihn mit fernen Ländern und Menschen anderer Kulturen und Denkweisen verband. Über WeChat konnte man mit Leuten in aller Welt sprechen und Ideen austauschen. Natürlich musste man immer damit rechnen, dass der Geheimdienst mithörte, aber das störte ihn nicht, denn er hatte ja nicht die Absicht über Politik zu reden. Einfach nur so. Freunde finden, chatten, im Internet surfen, Neues entdecken. Kamil war ein Junge, der mit Neugier ins Leben ging und für sich und alle Menschen, die er kannte, nur das Beste wünschte.

   Doch in dieser Nacht war er nicht mehr einfach nur ein Junge. Ein Same war gesät, der aufkeimen würde, sobald sich eine Gelegenheit bot. Die Begeisterung der Nacht zuvor war ins Gegenteil umgeschlagen: Aus Freude war Wut geworden, aus Neugier Hass, aus einem neuen Selbstwertgefühl Rachsucht. Es war schön gewesen, mit kindlicher Freude in die Zukunft zu blicken, aber das war jetzt unmöglich geworden. Er konnte kein naiver Junge mehr sein, denn ein uigurischer Junge war per se ein politisches Ärgernis. Ob er wollte oder nicht. Bisher hatte Kamil nicht auf solche Reden hören wollen, weil sie ihn nichts angingen, aber seit heute gingen sie ihn etwas an! Plötzlich stand er mittendrin in diesem Wust aus politischer Ungerechtigkeit!

   Dilshad hatte doch alles gelöscht, ging es Kamil immer wieder durch den Kopf. Er selbst hatte nur ein paar Seiten im Internet geöffnet, einige Adressen eingegeben, zwei oder drei Apps heruntergeladen, Fotos gemacht, seine Freunde gefilmt – was sollte daran staatsgefährdend sein? Das war doch hirnverbrannter Unsinn! Schikane war das, nichts als Gemeinheit! Und nur, weil er Uigure war!

   Er grübelte immer weiter: Wie mochten sich die Polizisten gefühlt haben, die doch selbst Uiguren waren? Wie kommt man überhaupt dazu, einen Beruf bei der Polizei zu suchen, wenn er dann andere Uiguren schikanieren muss? Hatten sie denn gar keinen Stolz? Warum schlug man sich auf die Seite der herrschenden Chinesen, die keinen Respekt vor seinem Volk hatten? Kamil versuchte vergeblich, sich in seinen eigenen Gedanken und Gefühlen zurechtzufinden. Seine Eltern und alle Verwandten waren immer ängstlich darauf bedacht, sich still und unauffällig zu verhalten, nie etwas gegen die Regierung zu sagen, nie eine Meinung zu äußern. Im Grunde wusste er gar nicht, was sie dachten. Vielleicht dachten sie ja gar nichts, weil sie einfach nur ihre Ruhe haben wollten. Und weil sie Angst hatten.

 

Am nächsten Morgen begrüßte Jamal seinen Freund stirnrunzelnd und mit einem säuerlichen Lächeln auf den Lippen: „Was machen wir?“

   „Was meinst du damit: Was machen wir? Was soll’n wir machen? Nächste Woche hol ich mir mein Handy zurück.“

   „Optimist.“

   Jamal sagte nicht mehr „Lass nur, reg dich nicht auf!“, sondern er sagte: „Scheiß drauf! Das dürfen wir uns nicht gefallen lassen!“ Die fünf Jugendlichen und ein paar andere, denen sie von dem Vorfall mit Kamils Handy erzählt hatten, standen nun oft zusammen auf dem Schulhof und sprachen über all das, was sie unzufrieden machte. Manches hatten sie selbst erlebt oder mit angesehen, anderes aus Erzählungen erfahren. Immer wieder kam es zu Ungerechtigkeiten. Uiguren wurden benachteiligt, abgewiesen, verdächtigt, verhaftet. Manch einer verschwand, kam am Abend nicht nach Hause, war einfach nicht mehr da. Und niemand erfuhr jemals, warum. Immer mehr Einschränkungen gab es, immer mehr Verbote, Kontrollen, Diskriminierungen. Wenn ein Lehrer in die Nähe kam, schwiegen sie, und wenn sie sich später auf der Straße begegneten, grinsten sie einander vielsagend an.

   Fast jeden Tag hatten sie etwas zu berichten. Einmal dies: Jemand hatte an einer Kreuzung beobachtet, wie ein Mann mit einem Karren voller Obst die Straße überquerte und von einer viel zu schnell heranrasenden Limousine angefahren wurde. Der Karren kippte um, das Obst rollte davon und der Mann rappelte sich mühsam auf, hatte offensichtlich das Bein verletzt. Der Autofahrer war ausgestiegen und brüllte den Verletzten wütend an: Er solle gefälligst aufpassen, der schöne Lack seines teuren Autos verkratzt... Der Obstverkäufer hatte zurückgeschrien, er sei nicht schuld. Auf einer kleinen Straße dürfe man nicht so schnell fahren. Daraufhin hatte der Fahrer – er war Chinese – sein Handy gezückt und die Polizei gerufen. Sie kam unverzüglich, grüßte den Chinesen höflich und nahm den Obstverkäufer fest.

   Ein anderes Mal erzählte eines der Mädchen, dass ihre Tante in Urumchi miterlebt habe, wie ein Mann aus dem Bus gewiesen wurde, weil er einen Bart hatte. Ein Bart sei ein Zeichen für religiösen Extremismus, hieß es. Nur alten Männern sei es erlaubt, einen Bart zu tragen. Und später habe man die Wohnung des Mannes nach Hinweisen auf islamistische Aktivitäten durchsucht. Selbst einen Koran darf man nicht im Hause haben, wenn er nicht mit dem offiziellen Stempel versehen ist.

   Eine Bekannte hatte ihre Arbeit in der Stadtverwaltung verloren, weil sie ihre Ehe nach islamischer Tradition und nicht nach dem chinesischen Gesetz geschlossen hatte.

   Irgendwo hatte man Leuten hohe Geldsummen geboten, wenn sie verdächtige Personen oder Anzeichen für illegale Machenschaften meldeten.

   Ilnurs Cousin hatte eine Ausbildung als Ingenieur abgeschlossen. Danach hatte er lange gesucht, bis er eine Stelle fand, aber er durfte nur am Fließband stehen. Seine Vorarbeiter waren Chinesen, verstanden nichts von Maschinen, waren aber hochnäsig bis zum Gehtnichtmehr.

   „Und was willst du später werden?“, fragte Jamal seinen Freund.

   „Ich würde gern Informatik studieren, aber ich bin nicht gut genug, um ein Stipendium zu kriegen. Deshalb wird daraus nichts. Außerdem muss man an der Uni ein ganzes Jahr lang Chinesisch lernen, ehe man sein richtiges Fach studieren darf, und Chinesisch kann ich nicht ausstehen!“

   „Ohne Chinesisch geht gar nichts.“

   „Ich weiß“, knurrte Kamil. „Aber eines ist klar: Zur Polizei gehe ich nicht!“

   Im vergangenen Jahr hatten sich fast alle männlichen Schulabgänger bei der Polizei beworben, weil sie anderswo keine Arbeitsmöglichkeit fanden. Hilfspolizisten wurden häufig gesucht. Sie verdienten zwar nicht viel und Überstunden wurden selten bezahlt, selbst wenn sie 24- oder 48-Stunden-Schichten machten, aber trotzdem war es besser als gar nichts. Allerdings, und das wussten sie sehr wohl, stellte die Polizei auch Chinesen ein, deren Gehalt dreimal so hoch lag. Sie bekamen Zulagen, feste Arbeitszeiten und eine Pistole in die Hand, die Uiguren nur einen Knüppel.

   Eine Woche, nachdem Kamils Handy konfisziert worden war, meldete er sich auf der Polizeistation. Man sagte ihm, die Untersuchung sei noch nicht angeschlossen, er solle nächste Woche wiederkommen. Er kam in der nächsten Woche wieder und auch in der darauf, aber sein Telefon sah er nie wieder.

   Kein Uigure glaubte noch an ethnische Gleichheit. Überall wurde China gepriesen: die Größe, die Macht, der wirtschaftliche und technische Fortschritt, das hohe internationale Aufsehen. Der wachsende Wohlstand jedes Einzelnen, die soziale Sicherheit, die Verbesserung der Umweltbedingungen. Die Verfassung, die jedem Staatsbürger die gleichen Rechte garantiert, die Einheit des bunten Vielvölkerstaates, Schutz der Kultur, Sprache und Religion für alle ethnischen Minderheiten.

   Aber wo war er denn, dieser Schutz?

 

Einmal lud ein Schüler der Abschlussklasse Kamil und Jamal ein, am Abend zum Fluss zu kommen. Dort würden sich ein paar Freunde treffen, vielleicht ein Bier trinken und ein bisschen reden. Keine Angst, die Polizei kontrollierte nie diese Gegend. Alles absolut sicher, versprochen!

   Es war ein warmer Sommerabend. Turpan atmete auf nach der Hitze des Tages und die Pappeln am Flussufer raschelten leise in einer leichten Brise. Einige Männer saßen unter den Bäumen beisammen und unterhielten sich, als die beiden Jungen ankamen. Sie wurden begrüßt, als gehörten sie schon immer zur Gruppe. Man bot ihnen eine Flasche Bier an, die Kamil und Jamal jedoch ablehnten, denn noch waren sie sich nicht ganz sicher, wer diese Leute waren, und wollten vorsichtig sein. Sie setzten sich zu den anderen und lauschten dem Gespräch.

   Vor wenigen Tagen war es in einem Dorf der Hotan-Oase zu einer Messerattacke gekommen: Zwei Uiguren hatten Polizisten angegriffen, waren daraufhin niedergeschlagen und verhaftet worden. Warum die Männer so wütend gewesen waren? Sie hatten zusammen mit einigen Familien zu Hause gebetet, was als illegale religiöse Praxis gilt. Die Polizei hatte davon erfahren – vielleicht hatte sie ein Nachbar verraten, denn neuerdings waren ja hohe Belohnungen für derartige Meldungen ausgesetzt – und waren angerückt, um sämtliche Familienmitglieder festzunehmen. Ja, nun saßen sie natürlich alle im Gefängnis und den beiden Männern drohte eine schwere Haftstrafe.

   Was sagt ihr dazu? War das etwa kein Grund, wütend zu werden? Was ist denn mit der Glaubensfreiheit in China? Wieso darf man nicht mit anderen zu Hause beten? Alle redeten durcheinander, die Stimmen wurden lauter, die Gemüter erhitzter. Ein etwas älterer Mann versuchte zu beruhigen, aber bald hörte niemand mehr auf den anderen.

   Kamil war es im Grunde nicht wichtig, ob man zu Hause oder mit anderen beten durfte oder nicht. Es störte ihn auch nicht, dass Jugendliche erst ab achtzehn Jahren überhaupt eine Moschee betreten durften. Aber es störte ihn sehr, dass man Menschen bestrafte, weil sie beteten. Jeder Bürger hat laut Gesetz das Recht, sich zu einer Religion zu bekennen, und Beten gehört nun einmal zum Islam.

   „Natürlich gehört Beten zum Islam“, meinte jemand, „aber jetzt gelten die neuen Anti-Terror-Gesetze. Und darin steht, dass religiöse Aktivitäten verboten sind, die die öffentliche Ordnung stören.“ Inwiefern stört es die öffentliche Ordnung, wenn Familien zu Hause gemeinsam beten? Das fragten sie sich und genau das war das Unrecht, das die chinesische Regierung mit den neuen Gesetzen bewusst billigte – oder sogar bezweckte: Man konnte in alles eine Gefahr hineininterpretieren, wenn man wollte, und schon konnte alles illegal sein.

   „Sie sagen, die neuen Gesetze sollen radikale islamistische Einflüsse aus dem Ausland abhalten, aber benutzt werden sie, um uns zu unterdrücken. Um uns zu schikanieren! Uns unsere Rechte zu nehmen! Sie denken sich immer wieder Neues aus, um uns Uiguren zu demütigen!“

   Darin waren sich alle einig.

   „Das dürfen wir uns nicht länger gefallen lassen!“

   Kamil wurde ein wenig mulmig zumute. Auch er war wütend auf die Polizei, die Regierung, die Chinesen. Sie spielten sich auf wie allmächtige Herren und hatten ihm sein Handy gestohlen. Aber offen zum Widerstand aufrufen – das war noch etwas anderes. Das war gefährlich. Sogar sehr gefährlich.

   Trotzdem ging Kamil weiter zu den abendlichen Treffen, denn die Leute waren nett und unterhaltsam. Sie behandelten ihn wie einen Erwachsenen, fragten nach seiner Meinung und diskutierten über Politik, Wirtschaft und Berichte aus dem Ausland, die jemand im Internet gefunden hatte. Er war hier kein kleiner Schüler, der sich der stupiden Schuldisziplin zu unterwerfen hatte, sondern lernte, dass man allgemein übliche Meinungen anzweifeln und Maximen widersprechen konnte. Das war spannend. Er fühlte sich verstanden und in seiner Wut bestätigt.

   Sie alle hassten Polizei und Beamte: Die chinesischen waren überheblich und korrupt, abgeschoben aus dem Osten, wo man sie nicht haben wollte, und die uigurischen waren dämliche, arme Schlucker, die sich auf die Seite der Mächtigen geschlagen hatten, um ein bisschen Anteil an der Macht zu haben. Manche waren sogar noch schlimmer als die wirklich Mächtigen, behandelten ihre Landsleute wie lästige Hunde. Jawohl, allesamt ein korruptes, schleimiges Pack, das sich auf dem Rücken der ehrlichen Uiguren profilieren will!

 

Bei einem der Treffen wurde über den Begriff Autonomie diskutiert. Xinjiang ist ein Autonomes Gebiet und es gibt Gesetze, die diese Autonomie definieren. In der Realität ist davon jedoch nichts zu spüren.

   „Habt ihr damals die Blogs in Uyghurbiz gelesen?“, fragte jemand. „Die Seite ist schon lange gesperrt und Prof. Tohti und seine Studenten, die ihm geholfen hatten, sitzen im Gefängnis.“

   Als Ilham Tohti vor zwei Jahren zu lebenslanger Haft verurteilt wurde, war die Geschichte in aller Munde gewesen. Der Mann war kein Rebell. Ganz im Gegenteil: Er hatte versucht, der Regierung mit Vernunft und klarem Verstand deutlich zu machen, warum Xinjiang nicht zur Ruhe kam, und wie man das Problem der ethnischen Spannungen ganz einfach durch die strikte Einhaltung der bestehenden Autonomiegesetze lösen könnte. Er hätte nie und nimmer verurteilt werden dürfen. Dieses Urteil hatte ihn für die Uiguren zu einem Helden gemacht. Zu einem eindeutigen Beweis für das starre, unnachgiebige, unversöhnliche Machtgehabe der Regierung. Oder für ihre Dummheit. Denn es war doch sonnenklar, dass Menschen, die in ihrer eigenen Heimat unterdrückt werden und nicht am Profit und Wohlstand teilhaben dürfen, unzufrieden sind. Oder etwa nicht? Jeder müsste das verstehen! Anstelle eines Arbeitsplatzes bekamen sie Verbote und Knüppelschläge! Anstatt Respekt Verachtungbes Anstatt Schutz ihrer Religion neue Anti-Islam-Gesetze.

   Seit einiger Zeit sprach alle Welt über die Neue Seidenstraße, One Belt, One Road. Autobahnen und Eisenbahnlinien entstanden, Lastwagen und Züge schafften Handelsgüter von Chinas Ostküste nach Europa und zurück. Xi Jinping war ganz selbstverliebt in dieses zukunftsweisende Projekt, mit dem er in den Mittelpunkt der Weltwirtschaft rücken wollte. Doch: Ein Teil der Strecke führte durch Xinjiang und er hatte panische Angst vor einem Aufstand der Uiguren. Denn dann würde er sein Gesicht verlieren. Dann würde die ganze Welt sehen, dass die Kommunistische Partei unfähig ist, das Land zu regieren. Doch anstatt nach einer sinnvollen Lösung zu suchen, schickten die Chinesen nur noch mehr Polizei und noch mehr Militär. Etwas anderes kam ihnen gar nicht in den Sinn.

   Warum erinnerten sie sich nicht an Ilham Tohtis Vorschläge?

   „Außerdem nehmen sie uns unser Land! Nicht nur, dass sie es kaputt machen und verseuchen, sie nehmen es auch den uigurischen Bauern weg!“, schimpfte Anwar, ein Student der Pädagogischen Fachschule. „Meine Verwandten haben seit Generationen Wein angebaut, hier am Rande der Stadt, aber das Wasser reicht nicht mehr aus. Man sucht dort nach weiteren Erdölvorkommen und die Bohrtürme brauchen viel Wasser. Alles braucht Wasser: die riesigen Baumwollplantagen, die Industrie, der Stadtpark mit seinen Rasenflächen und Blumen, die Tag und Nacht bewässert werden müssen, weil sie sonst nicht in unserem Wüstenklima überleben können. Überall wird Wasser vergeudet, aber die Gärten meiner Verwandten vertrocknen. Sie müssen ihre Weinfelder aufgeben. Sie haben nichts mehr. Nichts mehr! Sie müssen weg. Neue Wohnblocks sollen da gebaut werden, weil die Chinesen, die bei den Ölfirmen und in den Fabriken arbeiten, moderne Apartments brauchen.“

   „Ganze uigurische Wohnviertel werden abgerissen.“

   „Und wohin sollen wir?“

   „Ich würde abhauen, wenn ich könnte.“

   „Kannst du aber nicht, weil du keine Ausreiseerlaubnis kriegst.“

   „Fliehen.“

   „Über die Grenze? Unmöglich.“

   „Und selbst wenn, dann schicken sie dich zurück. Aus Thailand zum Beispiel. Die haben doch alle Angst vor China. Kein Land will Streit mit China haben... Geld. Es geht immer um Geld.“

   „Für uns nicht. Für uns geht es um Freiheit.“

   „Freiheit?“

   „Die Freiheit der Bürger der Volksrepublik China ist unverletzlich, Artikel 37.“

   „In Europa gibt es Freiheit.“

   „Ja und? Helfen die uns etwa?“

   „Manche versuchen es. Es gibt Organisationen und Politiker, die sich für Menschenrechte einsetzen und für inhaftierte Dissidenten ein gutes Wort einlegen. Es nützt nur nicht viel, denn schließlich wollen sie ja alle mit China Handel treiben. Geld ist wichtiger als Menschen.“

   „Sag ich doch!“

   „Also müssen wir selbst etwas tun!“

   „Zu gefährlich...“

   „Möchtest du etwa, dass es immer so weitergeht? Was wird dann aus uns? Keine Arbeit, kein Geld, keine Chance auf Gleichheit, kein Respekt, bald keine Kultur mehr, keine Sprache, keine Religion. Was sind wir denn noch?“

   „Eine Gefahr für die Chinesen: Terroristen. Das behaupten sie doch immer.“

   „Stimmt. Aber wenn sie mal nachdenken würden, dann müssten sie einsehen, dass sie es selbst sind, die uns zu Terroristen machen.“

 

 Jamal hatte Kamil nur wenige Male zu den Treffen am Fluss begleitet. Er war stiller geworden. Er war nicht mehr der Freundliche, der seinen Freund zur Ruhe mahnte, und auch nicht der Aufsässige, der Unrecht rächen wollte, sondern starrte oft in Gedanken verloren vor sich hin und grübelte. Einmal gestand er Kamil mit leicht verklärtem Blick, dass er mit Leuten gesprochen und Dinge erfahren habe, von denen er keine Ahnung gehabt hatte. „Es gibt so viel Wichtigeres, Kamil“, sagte er. „Gerechtigkeit gibt es nicht auf dieser Welt, aber wir müssen uns vorbereiten...“

   „Auf was?“

   „Auf die große Gerechtigkeit... später. In diesem Leben müssen wir nur versuchen, den richtigen Weg zu gehen und für das Wahre zu kämpfen. Du musst nur daran glauben...“

   „Kann ich nicht! Ich glaub nur an das, was ich sehe, und das ist ungerecht!“

   „Ja, es ist ungerecht und deshalb müssen wir es bekämpfen.“

   „Wie stellst du dir das vor?“

   „Manche sind nach Afghanistan gegangen. Oder nach Syrien. Da sind viele, die auf dem Weg Allahs kämpfen. Irgendwann wird man auch hier die Menschen von der Wahrheit überzeugen. Allah wird helfen.“

   „Mensch, Jamal, du wirst doch nicht zum IS gehen? Bist du verrückt?“

   „Ich bin nicht verrückt, Kamil. Ich weiß nur nicht, was ich denken soll. Ich verstehe die Leute. Sie sind total überzeugend. Und doch hab ich Angst. Ich will keinen Krieg machen und Menschen töten, aber es tut gut, ganz fest an Allah zu glauben und ihm zu dienen. Es gibt mir Halt.“

   Kamil fühlte sich seltsam beklommen, als er seinen Freund so sprechen hörte.

   „Ach, Jamal, komm doch lieber mit mir zum Fluss. Gerechtigkeit brauchen wir hier und jetzt, für uns Uiguren, in diesem Leben und nicht irgendwann im Himmel. Wir werden auch etwas unternehmen. Irgendetwas, um den Chinesen zu zeigen, dass sie nicht ungestraft alles mit uns machen können. Dass wir unser Recht fordern und nicht nur menschlicher Abfall sind.“

   Jamal legte begütigend einen Arm um Kamils Schulter und sagte:

   „Nein, Kamil. Mir ist es wichtiger, unsere Religion zu verteidigen. Sieh mal...“ Sie gingen eine Weile schweigend nebeneinander her. „Die Chinesen versuchen ganz gezielt, uns unsere Religion auszutreiben. Sie wollen nicht, dass wir an etwas anderes glauben als an die Kommunistische Partei. Sie verbieten Dinge, die der Koran vorschreibt. Sie hängen Porträts von Mao bis Xi Jinping an die Moschee, lassen Imame mit roten Fahnen durch die Straßen marschieren, machen sie lächerlich. Sie veranstalten mitten im Ramadan Alkohol-Trinkwettbewerbe und zwingen Studenten und Beamten zum Essen. Sie verbieten die religiösen Rituale an unseren Feiertagen und bespitzeln jeden, der eine Moschee besucht und verhaften Leute, die zu Hause beten oder eine Koranausgabe besitzen, die nicht von der Behörde genehmigt wurde. Sie setzen Islam gleich mit Terrorismus.“ Seine Stimme wurde zu einem Flüstern: „Das können sie haben...“

   „Jamal! Du spinnst. Bitte, pass auf dich auf!“

  

Kamil war nach diesem Gespräch tief bestürzt. Er kannte seinen Freund nicht wieder und machte sich Sorgen. Natürlich war die Sache mit dem Handy eine Gemeinheit gewesen. Entweder reine Schikane an einem uigurischen Jungen oder paranoische Angst vor einem Volksaufstand. Die Uiguren wollten keinen Aufstand. Sie waren friedliche, geduldige Menschen, und wenn sie gleichberechtigt behandelt würden, gäbe es keine Unzufriedenheit. Ganz einfach! Allerdings war er mit der Zeit zu der Überzeugung gekommen, dass es keine Aussicht auf Gerechtigkeit gab, wenn man nicht selbst etwas unternahm. Vielleicht musste man etwas riskieren und ein Opfer auf sich nehmen. Der Professor, der im Gefängnis saß, hatte es getan. Er hatte gewusst, wie gefährlich es ist, die Regierung zu kritisieren – selbst wenn die Kritik konstruktiv ist. Er hatte es trotzdem getan, damit sein Volk in Würde leben konnte. Er war gescheitert, aber durfte man deshalb aufgeben?

   „Kommst du mit?“, fragten eines Abends einige Kameraden, nachdem Kamil eine Zeit lang nicht bei den abendlichen Treffen gewesen war. „Am Freitag?“

   „Er ist zu jung, lass ihn“, wehrte Anwar ab.

   „Was habt ihr vor?“, fragte Kamil.

   „Besser du weißt es nicht.“

   Er erfuhr es trotzdem: Sie sprachen über Anwars Verwandten, die ihre Bauernhöfe aufgeben mussten und nun völlig verzweifelt waren. Die kleine Entschädigung, die man ihnen bot, reichte nicht aus für ein Häuschen, eine Wohnung, eine neue Lebensgrundlage. Sie standen vor dem Nichts.

   Chinesen aus dem Osten bekamen Häuser und Privilegien und die einheimischen Uiguren mussten weichen. Ihre Gärten verdorrten, ihre Schafe verdursteten, aber in den feinen Parks der Stadt blühten bunte Blumen. Die guten Rosinen, der jahrhundertealte Stolz der Turpan-Oase, wurden nun in Staatsfarmen von Chinesen produziert. Die uigurischen Bauern verloren nicht nur ihre Existenz, sondern auch ihre Tradition, ihr kulturelles Erbe, ihre Heimat.

   Was ihnen blieb? Als Wanderarbeiter in den Osten gehen. Die Kinder zurücklassen, denn die durften ja nur in ihrem Heimatdorf eine Schule besuchen. Was sonst? Anwar stampfte wütend mit dem Fuß auf einen Stein: „Los, Jungs! Irgendetwas ist faul an der ganzen Sache. Korruption, Investoren...“

   Sie wollten das Büro des Parteisekretärs besetzen und Aufklärung fordern. Sie würden nicht alle gleichzeitig fahren, höchstens zu zweit auf einem Motorroller, damit die Kontrollposten an der Landstraße keinen Verdacht schöpften. Es war sowieso schon schwierig, immer überzeugend zu erklären, warum man wohin fuhr. Die Polizei wollte alles haargenau wissen, alles überprüfen, damit ihr nur kein Terrorist entging.

   Später wollten sie sich an Ort und Stelle über Handy verständigen.

   „Abgemacht! Also, dann bis Freitag. Und sprecht mit niemandem, verstanden?“

 

Sie kamen nicht wieder.

   Es dauerte Tage, ehe einer der Bauern einen Bekannten von Anwars Familie anrief und berichtete, dass ein großes Militäraufgebot bereit gestanden hätte. Auf irgendeinem Wege mussten sie von dem Vorhaben erfahren haben. Er habe Schüsse gehört und dann seien alle jungen Leute festgenommen, einige von ihnen verletzt in ein Krankenhaus gebracht worden. Mehr wusste er nicht.

   Mehr erfuhr Kamil auch später nicht. Seine Freunde blieben verschwunden, aber sein Zorn blieb. Er wurde unversöhnlich und gefährlich wie ein schlafender Vulkan, der jederzeit ausbrechen kann.