Der Student

 

1984

Es gibt eine Zeit im Leben, da ist man erwachsen, obwohl man noch gar nicht erwachsen ist. Es ist eine Zeit zwischen Selbstvertrauen, Stolz und Unsicherheit.

   Nach Abschluss der Mittelschule, mit fünfzehn Jahren, erhielt Polat die Zulassung zum Studium an der Pädagogischen Fachoberschule von Turpan, Fachbereich Bildende Kunst. Er war froh, aus dem Schoß der Familie entfliehen zu können, denn er wollte frei sein und endlich, endlich das lernen, was ihm wirklich wichtig war. Nichts auf der Welt war ihm so wichtig wie sein Wunsch, Maler zu werden. Er hatte eine künstlerische Begabung in die Wiege gelegt bekommen. Niemand in seiner Familie außer ihm hatte dieses Talent und niemand hatte Verständnis dafür. Sein Vater Turghun war Mathematiklehrer. Für ihn zählten nur Logik und Genauigkeit; Kunst galt ihm als überflüssige Spielerei. Lange Zeit schien es so, als würde sich Polat nicht gegen die Autorität des Vaters durchsetzen können, aber dann hatte seine Mutter die rettende Idee gehabt: Wie wäre es mit Kunstpädagogik? Dann könnte Polat als Lehrer arbeiten und gleichzeitig malen. Maryängül, die an der gleichen Schule wie ihr Mann Literatur unterrichtete, besaß ein feineres Gespür für die Seele eines Halbwüchsigen und hatte Turghun überzeugen können, dass man aus dem Jungen niemals einen Mathematiker machen könnte. Er war so unbeirrbar in seinem Wunsch, Maler zu werden, dass sie schon beinahe an eine höhere Bestimmung glaubte.

   Für Polat waren Schulpflichten nichts als ein lästiges Muss, das er gern für immer hinter sich gelassen hätte. Als er in Turpan ankam, endlich frei, erwachsen und selbstständig, glaubte er, sein Traumziel schon fast erreicht zu haben. Doch so einfach war es nicht, denn auch an der neuen Schule wurden allgemeinbildende Fächer unterrichtet, an denen alle Schüler teilnehmen mussten. Frei war er auch nicht, sondern musste sich einem strengen Zeitplan unterwerfen, von morgens früh bis abends spät.

   Nichts mit Freiheit, nichts mit Selbstständigkeit, nichts mit Malen und künstlerischer Kreativität!

 

Polat fühlte sich alles andere als erwachsen. Er wäre lieber wieder Kind gewesen, umsorgt von seiner Mutter, geborgen in dem kleinen Haus seiner Eltern, und er hätte auch gern jeden Tag seine Hausaufgaben gemacht, wenn danach das gute Abendessen auf ihn gewartet hätte.

   Hier nicht. Hier wohnte er in einem Zimmer mit sieben anderen Jungen und einer Menge häuslicher Pflichten: Jeden Morgen, jeden Mittag und jeden Abend musste einer der acht Zimmergenossen mit einem Eimer in die Kantine quer über den ganzen, großen Hof gehen, und das Essen heranschleppen. Meistens wurde es kalt, bis es ankam. Manchmal fehlte etwas, weil derjenige, der Küchendienst hatte, unterwegs so hungrig geworden war, dass er sich etwas aus dem Eimer gefischt hatte – natürlich die Fleischstückchen, sofern überhaupt welche drin gewesen waren. Das Essen reichte nie, um acht Fünfzehnjährige satt zu machen. Und schmecken tat es auch nicht. Schon nach wenigen Tagen glaubte Polat vor Sehnsucht zu vergehen, wenn er an die Kochkünste seiner Mutter dachte. Am liebsten wäre er auf der Stelle zurück nach Pichan gefahren und hätte all seine hochfahrenden Träume für immer aufgegeben.

   Es ist sehr schwer, erwachsen zu werden!

   Das Zimmer war auch alles andere als zum Wohlfühlen geeignet. Es standen nur vier zweistöckige Betten und ein Tisch darin. Eine Heizung und eine Dusche gab es nicht. Im Winter wurde ein Zinkofen in die Mitte des Raumes gestellt und einer der Jungen hatte eine Woche lang die Aufgabe, früh morgens Feuer zu machen und abends die Asche zu entsorgen. Ebenso das Zimmer zu fegen. Jede Woche einer von ihnen, immer der Reihe nach. Und jeden Tag kam ein Lehrer, um zu kontrollieren, ob alles ordentlich war.

   Zum Waschen musste man sich mit einer Schüssel kalten Wassers behelfen, aber sobald es im Frühling warm wurde, liefen die Jungen zum Bach und plantschten und spritzten wie ausgelassene Kinder.

 

Der Frühling war überhaupt eine schöne Zeit in Turpan. Wenn der Winter, so unerbittlich kalt und eine wahre Tortur, wenn man früh am Morgen eisiges Wasser holen musste, endlich seinem Ende zuging und der Frühling kam, dann war alles Zittern und Bibbern vergessen. Dann blühte die Stadt. Dann atmete sie Frische und Wärme. Im Frühling war einfach alles schön.

   Turpan war zu dieser Zeit eine sehr kleine Stadt. Das Leben war beschaulich, an den Straßen standen alte Pappelbäume, die Schatten spendeten, und in den Gärten blühten Obstbäume und Weinranken schossen in die Höhe. Wenn es der straffe Zeitplan erlaubte, ging Polat zum Bach, hockte sich ans Ufer und lauschte dem fröhlichen Plätschern des Wassers. Es kam aus den hohen Bergen des Tianshan. Es brachte Leben. Polat wusste, wie sehr sein Land, diese Oase in der Wüste, vom Wasser abhängig war. In seinem Heimatdorf Pichan hatte er die Sanddünen direkt vor Augen gehabt. Sie waren nur wenige Minuten von seinem Elternhaus entfernt und als Kind war er fast jeden Tag zum Spielen dort gewesen. Er hatte die schönen Muster im Sand bewundert, die der Wind gezeichnet hatte, und in die glatten Flächen hatte er selbst Muster gezeichnet. Manchmal auch Bilder. Mit dem Finger konnte man in den Wüstensand malen wie mit einem Stift auf Papier. Ja, er liebte die Wüste. Das wurde ihm jetzt klar, aber er wusste auch, dass der Mensch ohne Wasser nicht leben kann. Und deshalb musste man jeden einzelnen Tropfen mit Ehrfurcht behandeln.

   Er ließ das Wasser um seine Finger spielen. Es war kalt. Eiskalt. Wahrscheinlich war es vor kurzem noch Schnee auf den Bergen gewesen. Polat fühlte sich auf einmal selbst wie Wasser, das sanft und erfrischend dahinfließen und die ganze Welt mit neuem Leben erfüllen konnte. Er träumte gern. Als kleiner Junge hatte er in dem kleinen Pappelhain am Ende der Straße gelegen und in die Baumkronen hinaufgeschaut. Dann hatten sich die Bäume in bunte Farben verwandelt und die Farben hatten ihn mitgenommen in eine Welt aus wunderschönen Bildern, die nur er allein sehen konnte. Seit damals war ihm klar gewesen, dass er eines Tages diese Bilder in die Wirklichkeit bringen und anderen Leuten zeigen musste. Deshalb hatte er gar keine andere Wahl, als Maler zu werden. Jetzt endlich hatte er den ersten Schritt getan, aber an manchen Tagen war er sich gar nicht mehr so sicher, ob es wirklich der richtige Weg war. Denn...

   „Polat! Wo bleibst du denn?“

   Mukhtar, sein Zimmergenosse und bester Freund, rief von weitem:

   „Polat, der Unterricht fängt an! Komm schnell.“

   Wieder einmal hatte Polat die Zeit vergessen. Er hatte nach dem Essen den Campus verlassen, um einen Augenblick die Stille am Bach zu genießen, aber die Mittagspause war kurz. Viel zu kurz! Er sprang auf und rannte hinter Mukhtar her. In einer Minute würde der Lehrer da sein und ein Zuspätkommen eine Katastrophe. Innerlich revoltierte er: Wozu brauche ich als Maler uigurische Literatur, wozu Geschichte, Chinesisch, Chemie? Wozu muss ich das alles lernen? Seinem Vater hatte er so manches Widerwort gegeben, aber hier war das ausgeschlossen. Hier musste er sich dem strengen Lehrplan fügen.

   Und der war wirklich streng.

   Kein Gedanke mehr an Freiheit, Selbstständigkeit und künstlerische Kreativität!

 

Es begann morgens früh um sechs, wenn plötzlich Musik aus allen Lautsprechern der Schule schallte und die Jungen aus dem Schlaf riss. Zum Glück waren es nicht mehr die kommunistischen Propagandalieder der Mao-Zeit. Damals hatte es nur Lieder gegeben, die das große China und seinen Vorsitzenden priesen, oder die Peking-Opern seiner Frau. Das war nun vorbei, aber trotzdem mochte so manch einer nicht gern die Augen aufmachen, wenn es draußen kalt und dunkel war. Dann schlich sich einer der angehenden Kunstlehrer mit einer Palette zu dem Langschläfer und kleckste ihm ein paar Farbtupfer ins Gesicht.

   „Schnell, Abliz, aufstehen! Wir müssen los zur Gymnastik!“

   Abliz sprang erschrocken auf, schlüpfe in seine Turnhose und eilte hinter den anderen her.

   Im Sportraum gab es großes Gelächter.

   Warum? Abliz wusste es nicht. Er sah die anderen verwundert an und alle sahen ihn an, und als ihm endlich aufging, was der Grund war, rief ein strenger Lehrer:

   „Abliz, geh und wasch dich!“

   Dann zehn Minuten lang: eins und zwei und drei und vier – und noch einmal. Und noch einmal. Danach wurden Neuigkeiten verlesen, falls es welche gab. Dann zurück ins Zimmer, umziehen, frühstücken. Um halb acht: Unterricht vorbereiten, um acht Unterricht. Nach zwei Stunden wieder Gymnastik, dann wieder zwei Stunden Unterricht. Mittagessen und Mittagspause. Nach drei weiteren Stunden Unterricht gab es Abendessen und anschließend versammelte man sich zum „freiwilligen“ Zeichnen-Üben, wobei niemand fehlen durfte. Um zehn Uhr wurden alle Lampen gelöscht.

Was muss man wissen, um ein guter Maler zu werden? Das war die einzige Frage, die Polat wirklich interessierte. Techniken, Farben, Pigmente, Bildträger... Die Grundlagen der Malerei wurden im Unterricht gelehrt, aber die praktischen Übungen waren einfach nur langweilig! Stunden-, wochen- und monatelang immer nur geometrischen Formen zeichnen. Das hatte er schon als Kind gekonnt. Immer nur Vorlagen abmalen – das hatte er auch schon als Kind getan. An manchen Abenden war Polat nahe daran, alles hinzuschmeißen. Nur Stress! Nur dummes Auswendiglernen und Kopieren! Das konnte doch nicht der richtige Weg sein, um ein kreativer Künstler zu werden! An solchen Abenden war Polat weder Kind noch erwachsen, sondern ein trauriger, zorniger Rebell.

 

Im Sommer, wenn die Sonne einem das Leben beinahe ebenso schwer machen konnte wie die Kälte im Winter, dann packten Polat und seine Freunde abends ihre Decken und suchten sich einen geschützten Platz am Bach, kauften sich eine Flasche Bier und redeten und sangen bis spät in die Nacht.

Noch schöner war es in einem Karez-Schacht, vier oder fünf Meter unter der Erde, wo es immer kühl blieb, egal wie heiß die Sonne brannte. Das Kanalsystem unter der Stadt war sehr gut ausgebaut; viele Leute hatten einen Schacht im Garten oder zumindest in der Nähe ihres Hauses. Man konnte über eine Treppe hinabsteigen und Wasser schöpfen, aber er diente auch als Kühlkammer oder als Treffpunkt mit Nachbarn oder Freunden, die sich für eine Weile von der Hitze des Tages erholen wollten.

   Das Schönste jedoch war Stromausfall: Wenn es in der Schule keinen Strom gab, und das passierte nicht selten, dann hatten alle Schüler frei. Dann ging Polat zum Kino. Nicht zum richtigen Kino der Stadt, denn das spielte nur langweilige chinesische Filme, sondern zu einem der kleinen Privatkinos, von denen es in Turpan eine ganze Reihe gab. Dies waren einfache Räume, die ein pfiffiger Hausbesitzer mit Stuhlreihen und einem Fernseher ausgestattet hatte und wo er täglich Videos mit spannenden Kung-Fu-Filmen aus Hong-Kong zeigte, manchmal sogar Filme aus Hollywood. Hier war es immer voll. Hier traf man sich und hier war es auch nicht verboten, während der Vorführung Sonnenblumenkerne zu knabbern. Alle knabberten Sonnenblumenkerne, und zwar ohne Pause und je packender der Film, desto mehr. Und alle ließen die Schalen da, wo sie saßen, auf den Boden fallen. Wenn man dann abends nach Hause ging, federte man über einen mehrere Zentimeter dicken, knisternden Teppich aus Sonnenblumenkernschalen, aber das störte niemanden, auch nicht den Kinobesitzer. Sonnenblumenkerne gehören nun einmal zur Gemütlichkeit des uigurischen Lebens.

   Was Polat aber vollends mit seinem Los als Kunstpädagogikstudent versöhnte, war ein Ausflug.

 

Einer der Kunstlehrer hatte einige Studenten eingeladen, für ein paar Tage auf dem Bauernhof seiner Familie bei der Mais-Ernte zu helfen. Das Dorf lag etwas östlich von Turpan am Fuße der Flammenden Berge. Polat hatte sofort begeistert zugesagt, denn er schätzte Lehrer Ablikim mehr als die anderen Lehrer, weil er nicht nur umfassende Fachkenntnisse besaß, sondern auch ein tiefes Gespür für die Malerei. Er war nicht mehr ganz jung, hatte schon graues Haar an den Schläfen und manchmal lächelte er selbstversonnen in sich hinein, so dass Polat gern gefragt hätte, an was er gerade dachte. Polat hatte schon als kleiner Junge oft das Gefühl gehabt, dass es hinter dem, was die Augen sehen, noch etwas anderes geben müsse, was für die Augen unsichtbar ist. Er konnte es nicht richtig erklären, aber vielleicht war es so, dass es eine äußere Welt für alle gab und eine innere nur für ihn allein .Vielleicht sah ja auch Lehrer Ablikim manchmal seine eigene, unsichtbare Welt.

   Am letzten Tag ihres Landausflugs führte der Lehrer seine Studenten einen Weg hinauf in die Berge. Dort seien alte Höhlen, erklärte er. Felshöhlen, die buddhistische Mönche und Künstler zwischen dem 5. und 14. Jahrhundert ausgemalt und mit Kunstwerken geschmückt hätten. Statuen gebe es jetzt nicht mehr, aber viele schöne Wandmalereien.

   Keiner der Studenten hatte etwas darüber gewusst. In der Schule hatten sie zwar von der Seidenstraße gehört, aber nur weil sie für den chinesischen Seidenhandel von Bedeutung gewesen war, nicht dass sie Kunst, Wissen und Religionen in dieses Land gebracht hatte. Das konnten sie kaum glauben. Das war etwas völlig Neues, ein Gedanke, der Polat auf seltsame Weise faszinierte. Er hatte plötzlich das Gefühl, als täte sich ihm eine neue Tür auf. Er eilte ein paar Schritte voraus. Die Sonne prallte heiß auf die roten Felsen der Flammenden Berge, der Sand glühte, Polat lief der Schweiß über den Rücken, aber er musste unbedingt sehen, was in diesen Höhlen war.

   „Warte, Polat!“, rief der Lehrer. „Allein kommst du sowieso nicht rein.“

   Nein, ein Wachmann stand am Eingang. Polat nickte ihm zu und wartete, bis alle da waren. Lehrer Ablikim erklärte, dass seine Kunststudenten gern die Wandmalereien ansehen würden, und da an diesem Morgen keine anderen Besucher da waren, durften sie sich auf dem ganzen Gelände frei bewegen.

   „Endlich kommt mal jemand, der Interesse hat!“, freute sich der Aufseher.

   Die Tausend-Buddha-Höhlen von Bezeklik waren ebenso wie viele andere Höhlenkomplexe und Ruinen aus der Zeit der alten Seidenstraße über viele Jahrhunderte unbeachtet geblieben, bis zu Beginn des 20. Jahrhunderts Wissenschaftler aus aller Welt in diese Gegend strömten, um die Kunstschätzen der zentralasiatischen Oasen zu erforschen. Viele der Malereien wurden von den Wänden gelöst und in ferne Länder gebracht, denn weder die ansässigen Uiguren noch die Chinesen, die damals schon das Land regierten, hatten geahnt, wie wertvoll sie waren. Erst 1982 wurden die Höhlen von Bezeklik in die Liste der Denkmäler der Volksrepublik China aufgenommen, doch groß war das Interesse noch immer nicht.

   Die jungen Leute sahen mit Staunen, wie sich auf einer Felsterrasse, hoch über dem Talgrund, eine lange Reihe von Höhlen aneinanderreihte. Lehrer Ablikim ließ sie eine Weile allein umherstreifen, dann rief er sie zu sich und begann zu erzählen. Alle lauschten gebannt. Während er sprach, wanderten sie mit ihm zurück in die Vergangenheit: Sie sahen Mönche, die an eine Religion glaubten, von der sie nichts wussten, und Künstler, die Pigmente in den Bergen sammelten, andere von Händlern aus dem fernen Persien kauften, und wie sie mit diesen Pigmenten Farben herstellten und Figuren an die Wände malten, die viel schöner und viel geheimnisvoller waren als alles, was sie bisher gesehen hatten. Es waren Bilder, die zum Träumen verführten, Bilder aus einer anderen Welt. Da waren Menschen, die wie Chinesen aussahen, und andere mit dichtem Bart und blauen Augen, in bunten Gewändern und mit fremdartigen Kopfbedeckungen. Da lief ein Pferd, da war eine Schlange oder ein Drache, Blumen, zierliche Muster. Sie sahen all das lebendig werden, weil der Lehrer sie in seiner Begeisterung mitnahm.

   „Es waren eure Vorfahren“, sagte er. „Ja, wir Osttürken lebten damals schon hier. Manche kamen später von Osten dazu, andere Völker auch, zum Beispiel Hunnen und Mongolen. Manche blieben und vermutlich blieben auch einige der fremden Kaufleute. Viele Menschen konnten damals hier zusammenleben und zusammen haben sie diese wunderbare Kultur geschaffen.“

   Als Polat später noch einmal in eine der Höhlen ging, strich er beinahe ehrfürchtig über die Farben, staunte über ihre jahrhundertalte Leuchtkraft, betastete kleine Goldreste und befühlte an schadhaften Stellen, was darunter war. Seine Finger glitten über rauen Putz, hier und da Mauerwerk, Gestein. Er spürte die Gegenwart des Malers, der vor mehr als tausend Jahren gelebt hatte. Er bewunderte sein Geschick und seine künstlerische Kraft. Er fühlte auch die Kühle und die Dunkelheit.

   „Wie konnten die Maler hier arbeiten?“, fragte er, „hinten ist es ja stockdunkel!“

   „Man vermutet, dass sie Spiegel benutzten, oder vielmehr haben sie ihre Schüler angewiesen, am Ausgang einen Spiegel so in die Sonne zu halten, dass das Tageslicht auf die dunkle Fläche reflektiert wurde.“

   Das war schlau. Es gab noch vieles andere, was Lehrer Ablikim seinen Studenten erklären konnte und was sie in Staunen versetzte, aber es gab auch vieles, was er nicht wusste, denn er hatte keinen Kontakt zu den Wissenschaftlern, die weltweit in Museum und Instituten an der Aufarbeitung der Kunstwerke und Handschriften arbeiteten, welche man aus den Höhlen und Tempeln der Turpan-Oase fortgeschafft hatte. Einige Wandmalereien waren restauriert und viele Dokumente einer Sprache und Schrift zugeordnet, manche übersetzt worden. So hatte man neue Details über die alte Zeit und die früheren Religionen erfahren, doch die kannte der Lehrer nicht. Hier in Bezeklik hatte man noch kaum angefangen, das Übrig-Gebliebene zu schützen. Seit zwei Jahren zählte der Höhlenkomplex nun zu den Kulturdenkmälern Chinas und man hatte einen Wachmann eingesetzt, der von Besuchern Eintrittsgelder verlangte. Besucher kamen jedoch nur selten. Das Interesse an der fernen Vergangenheit war noch nicht erwacht, weil die Menschen mit dem Verkraften der jüngeren Vergangenheit genug zu tun hatten. Sie befanden sich im Aufbruch in die Zukunft.

   Tagelang sprachen die jungen Leute noch über ihre Erlebnisse in Bezeklik. Besonders Polat kam nicht mehr los von dem Gedanken an die Maler, die vor so langer Zeit so schöne Bilder gemalt hatten, und an die Forscher, die von weither gekommen waren, um diese Bilder von den Höhlenwänden abzulösen. Warum hatten sie das getan? Jetzt waren einige der Höhlen vollkommen leer. Die Wände rau, nur ein paar kleine Löcher im Lehm, wo Reliefs oder etwas anderes angebracht gewesen war. Warum interessierte man sich irgendwo im fernen Europa für die Malerei seiner Heimat? Das gab ihm Rätsel auf, die ihm keine Ruhe lassen wollten.

   Lehrer Ablikim versuchte, die unterschiedlichen kulturellen Einflüsse und Kunststile zu erklären, die miteinander, nebeneinander oder auch nacheinander die Malerei jener Zeit beherrscht hatten, aber Polat vermochte trotzdem noch nicht zu erfassen, was diese Bilder für die Kunstgeschichte der Welt bedeuteten. Für ihn selbst waren sie jedoch von immenser Bedeutung.

 

Ein anderer Ausflug sollte Polat beinahe ebenso tief beeindrucken wie der Besuch in Bezeklik. Wieder war es Lehrer Ablikim, der seine Klasse mitnahm und in das Dorf Tuyuk brachte, das in einer engen Schlucht der Flammenden Berge lag. Auch in dieser Schlucht gab es Höhlen, die deutsche Forscher vor vielen Jahren erkundet hatten. Sie waren seitdem nicht weiter erschlossen worden, doch das Dorf selbst war sehenswert. Es war ein traditionelles uigurisches Dorf, das sich über die Jahrhunderte kaum verändert hatte. So hatte es sich einen ganz besonderen, malerischen Charakter bewahrt, und weil es so malerisch war, kamen Maler und Kunststudenten von überall her, um zu malen.

   Die Studenten und ihr Lehrer stiegen auf einen Hügel, von dem aus man das ganze Dorf überblicken konnte: lehmfarbene Häuser und Höfe, dazwischen grüne Bäume, ein paar verdorrte Bäume, Wäsche im Hof, Früchte, die auf einem Dach in der Sonne trockneten, Rosinenhäuser und am Hang eine Moschee mit grüner Kuppel, weiträumig von einer Mauer umgeben.

   „Dort bei der Moschee ist ein Heiligtum“, erklärte Lehrer Ablikim. „Kennt ihr die Legende von den sieben Männern, die den Islam nach Turpan bringen wollten? Nein? Ich werde sie euch später erzählen. Jetzt sucht euch aber bitte erst einmal einen Platz und macht eure Skizzen.“

   Die Jungen begannen und es macht ihnen Spaß, im Schatten eines Baumes zu hocken und diese idyllische Landschaft mit feinen Linien aufs Papier zu bringen. Die kleinen Häuser, aus Lehm gebaut, waren nicht starr wie die Häuser einer Stadt, sondern schienen aus der Erde gewachsen zu sein. So wie ein Baum aus dem Boden wächst, dachte Polat. Es war Leben in diesem alten Dorf und plötzlich erwachten auch seine Linien zum Leben.

   „Was machst du da?“

   Polat schaute verwirrt auf.

   „Warum sind deine Häuser so krumm und schief?“, fragte Lehrer Ablikim. „Siehst du sie so?“

   „Ja... ja, vielleicht nicht gar so schief, aber ich finde, so kommt das Wesen des Dorfes besser heraus: das Alte, Lebendige, die Vergangenheit... ich weiß nicht.“ Es fiel ihm schwer zu erklären, warum seine Striche nicht gerade bleiben wollten. „Ich hab‘s einfach aus dem Gefühl heraus gemacht, Entschuldigung!“

   „Schon gut, Polat. Aber jetzt solltest du lieber exakt so zeichnen, wie es in Wirklichkeit ist!“

   Polat betrachtete sein Bild. Es gefiel ihm. Trotzdem nahm er ein zweites Blatt und fing noch einmal von vorn an. Ja, die Häuser waren gerade, die Löcher der Rosinenhäuser folgten einem sorgfältigen Muster und waren gar nicht krumm und schief. Er gab sich große Mühe, alles genau so abzuzeichnen, wie es war, und als er am Ende beide Bilder miteinander verglich, sah er den Unterschied: Das eine Bild war tot, das andere lebendig.

   Als Herr Ablikim die Skizzen einsammelte, gab er ihm nur das zweite Bild. Das andere behielt er für sich. Es gefiel ihm noch immer und er nahm sich vor, irgendwann über den Unterschied nachzudenken.

 

Am Nachmittag hatten die Jungen Zeit, durch den Ort zu schlendern und überall, an jeder Ecke, entdeckte Polat etwas, was ihn zu neuen Bildern inspirierte.

   „Mukhtar“, sagte er zu seinem Freund, „ich werde noch oft hierher kommen!“

   In diesem alten Dorf fühlte sich Polat seltsam umhüllt von einer Kultur, die seine eigene Kultur war. Wie nie zuvor fühlte er hier eine Vertrautheit, eine innerer Ruhe und Zufriedenheit, die ihn einfach glücklich machte. Es war, als würde er selbst zu einem Teil der Vergangenheit. Er stellte sich vor, wie diese Lehmhäuser gebaut wurden, wie das Leben früher war, ruhig und geborgen im engen Kreis der Gemeinschaft. Er dachte an die Forscher, die nach Wandmalereien suchten, und an buddhistische Künstler, die sie vor tausend Jahre gemalt hatten. Es mussten auch Händler und Mönche hier gewesen sein; hier in diesen Häusern und Gassen waren sie gewesen, hatten von fremden Ländern erzählt und Erfahrungen ausgetauscht. Er erinnerte sich wieder an all das, was Lehrer Ablikim in Bezeklik erzählte hatte, und hier in Tuyuk glaubte er, es mit eigenen Augen zu sehen. Hier, so hatte er das Gefühl, konnte er zu den Wurzeln seines Volkes finden.

   Natürlich war das Leben jetzt ganz anders geworden. Es hatte Kriege gegeben, auch seine Eltern hatten eine schlimme Zeit durchgemacht, aber seit Maos Tod schien das Land endlich aufatmen zu können. Die Uiguren würden wieder zu sich selbst finden und ihre Kultur wieder zum Blühen bringen. Zum ersten Mal in seinem Leben erkannte Polat, dass er nicht nur zum Maler geboren war, sondern auch eine wichtige Aufgabe für sein Volk zu erfüllen hatte.

   Und um es gut zu machen, würde er sehr vieles lernen müssen – auch Literatur, Geschichte, Chinesisch und Chemie.