Die Lehrerin

 

1966

Maryän war auf dem Weg zu ihrer erste Arbeitsstelle. Vier Jahre hatte sie in Urumchi an einem Institut für Mädchen studiert, allein und gegen den Willen ihrer Eltern. Sie war einfach fortgegangen, hatte eines Morgens das Haus verlassen und sich in den Bus zur Hauptstadt gesetzt. Nicht einmal das Flehen ihrer Mutter hatte sie umstimmen können, denn sie wusste mit absoluter Sicherheit, dass sie ihren eigenen Weg gehen musste. Sie wollte nicht einen älteren Mann heiraten, den sie gar nicht mochte, sondern lernen und arbeiten. Sie wollte einen sinnvollen Beruf ausüben und ihren kleinen Beitrag zum Aufbau der Volksrepublik China leisten. Es war eine Zeit des Aufbruchs, in der die alten Werte ihre Bedeutung verloren hatten. Jetzt ging es um die Zukunft und den Weg dorthin kannte niemand besser als der großen Vorsitzenden Mao Zedong.

   Eigentlich war Maryän sich nicht ganz sicher, ob sie wirklich an alle Worte Maos glaubte, aber in der Schule und im Studium hatte sie nichts anderes gehört und alle sagten, dass er China glücklich machen werde. Auf die Ermahnungen der alten Leute dürfe man nicht achten, denn sie seien reaktionär, feudalistisch, vielleicht sogar konterrevolutionär, gefährlich. Jetzt zählte nur noch, was Mao und die Kommunistische Partei sagten. Wenn Maryän auch manchmal heimlich gewisse Zweifel hegte, so kam ihr der Aufruf zur Selbstständigkeit doch sehr recht, denn sie hatte sich schon als Kind gewünscht, nicht nur eine gehorsame Hausfrau zu werden, sondern selbst einen Beruf zu haben, und das wäre früher unmöglich gewesen. Daher hatte sie nicht viel nachgedacht und alles getan, was man von ihr erwartete. Was die Kulturrevolution anging, über die jetzt allenthalben gesprochen wurde, so verstand sie allerdings nicht recht, welchen Schaden alte Bücher und Kunstwerke anrichten könnten und warum man alles, was alt und schön war, zerstören sollte. Doch diese Gedanken vertrieb sie schnell aus ihrem Kopf, denn der Gedanke allein konnte gefährlich sein.

   Da schaute sie doch lieber aus dem Fenster des klapprigen alten Busses, der sie nach Pichan bringen sollte, einer kleinen Stadt südöstlich von Turpan. Wieso durften eigentlich Busse alt sein, schoss es ihr durch den Kopf, aber nicht Bilder und Bücher? Egal. Sie war noch nie so weit im Süden gewesen und bestaunte die Landschaft, die so ganz anders war als ihre Heimat im Norden. Man spürte, dass die große Wüste nahe war. Seltsame, rötliche Berge zogen sich kilometerlang dahin, kahl und abweisend, so zerklüftet, als hätte ein Riese sie zerkratzt. Ihr wurde angst: In dieser staubigen Öde würde sie in Zukunft leben müssen! Weit fort von ihrer Familie. Ganz allein.

   Der Schulkomplex von Pichan war groß, sehr groß sogar. Eine Mauer umschloss das Gelände, zu dem eine Grundschule, eine Mittelschule, Turnhalle und Sportplätze, das Kantinen- und Verwaltungsgebäude und viele Wohnhäuser für Lehrer und Angestellte gehörten. Das ist ein Vorteil des Kommunismus, tröstete sich Maryän: Alles ist durchorganisiert, man muss sich um nichts selbst kümmern. Sie sagte sich aber auch: Nur gehorchen muss man, und wenn einem etwas nicht gefällt, den Mund halten. Das belastete sie jedoch nicht sehr, denn sie wollte einfach nur eine gute Lehrerin sein, sonst nichts.

   Sie war eine gute Lehrerin. Die Kinder mochten sie sofort, waren brav und fleißig, die Kollegen mochten sie auch und sie mochte die Kollegen. Die Roten Garden, die in den größeren Städten anfingen, alles auf den Kopf zu stellen, schien man hier noch nicht fürchten zu müssen. Alles sah sauber und friedlich aus und Maryän freute sich auf ihre Arbeit.

   Schon am ersten Tag in der Kantine sah sie ihn. Nur für einen winzigen Moment, denn sie wandte sich blitzschnell ab, als sie seinen Blick spürte, ging eilig weiter und suchte einen freien Platz an einem der Tische. Nicht ein einziges Mal schaute sie auf, sprach mit niemandem und huschte nach dem Essen so unbemerkt wie möglich aus dem Speiseraum. Ihr Herz klopfte. Doch für Herzklopfen blieb keine Zeit, denn es gab tausend Dinge vorzubereiten. Und warum sollte es auch klopfen? Es ist doch ganz normal, dass alle gucken, wenn eine neue Lehrerin in die Schule kommt. Sei nicht dumm, Maryän, das hat gar nichts zu sagen! Aber ihr Herz wollte nicht hören.

   Mit der Zeit lernte sie alle Lehrer der beiden Schulen und die Bewohner des Hauses kennen, in dem sie mit einer anderen jungen Lehrerin zusammen ein kleines Zimmer bezogen hatte. Während der Pausen schlenderte sie über den Schulhof, schaute sich überall um, lächelte den Kindern zu und fragte nach ihren Namen, und wenn sie ganz ehrlich gewesen wäre, hätte sie sich eingestehen müssen, dass sie nach jemandem suchte. Sie wusste gar nicht, wie dieser Jemand aussah, denn sie hatte ihn ja kaum gesehen, aber trotzdem würde sie ihn sofort erkennen. Ganz gewiss würde sie ihn erkennen, doch er war nicht da. Vielleicht hatte sie sich ja geirrt. Nichts als eine dumme Einbildung.

   „Guten Morgen!“ Maryän wirbelte herum. Ein junger Mann mit kurzgeschnittenem Haar stand neben ihr und musterte sie mit einem verschmitzten Lächeln. Da war etwas Neckendes, Herausforderndes in seinen Augen. So als wüsste er, wie es um sie stand. So als könnte er direkt in ihr Herz sehen und amüsierte sich über ihre Verwirrtheit.

   „Guten Morgen“, stammelte sie leise.

   „Ich bin Turghun Nuri, Mathematiklehrer an der Mittelschule“, stellte er sich vor. „Ich habe Sie vor ein paar Tagen zum ersten Mal in der Kantine gesehen. Sind Sie neu an der Schule?“

   Maryän versuchte verzweifelt sich zu sammeln, ihre Stimme unter Kontrolle zu bekommen. Sie spürte, wie sie rot geworden war, und schämte sich. Für eine überzeugte Revolutionärin gehörte es sich nicht, Gefühle zu zeigen. Man musste sich sachlich und parteitreu verhalten. Lieben darf man nur Mao, die rote Sonne Chinas. Alle anderen Gefühle galten als kleinbürgerlich, rückständig, nicht vereinbar mit der Großen Revolution. Wie stand es doch in Maos kleinem, rotem Buch? Tausend Gedanken schossen ihr blitzartig durch den Kopf. Gebote, Verbote, die sie immer wieder gehört hatte, seitdem sie kein kleines Kind mehr war. Verantwortung, Pflichterfüllung, Parteigehorsam. So viele sinnlose Worte, theoretische Rederei! Nun stand sie hier mit all diesen Gedanken, hilflos und verwirrt, und wusste nicht, was sie sagen sollte.

   „Entschuldigung, ich habe Sie erschreckt?“

   „Nein, nein, ich war nur gerade in Gedanken“, versuchte sich Maryän stockend zu erklären. „Ich heiße Maryän, komme aus Bortala und habe in Urumchi studiert. Jetzt bin ich seit drei Tagen hier an der Grundschule.“ Gut gemacht, lobte die sich selbst und schon war die Spannung ein wenig gelöst.

   „Kommen Sie, gehen wir ein Stück! Wir haben noch ein paar Minuten. Erzählen Sie mir von Bortala. Ich war noch nie so weit im Norden.“

   „Und ich war noch nie so weit im Süden“, lachte Maryän. Aber sie hatte sich sofort wieder im Griff – Reiß dich zusammen, Maryän! – und stotterte etwas über die lange Busfahrt und die fremdartige, öde Landschaft. Zum Glück läutete nach wenigen Minuten die Schulglocke und alle mussten in ihre Klassenräume eilen. Doch es war schon zu spät: Das kurze fröhliche Funkeln ihrer dunklen Augen hatte wie ein Blitz eingeschlagen.

   An diesem Nachmittag fiel es Maryän schwer, sich auf den Unterricht zu konzentrieren. Sie glaubte, alle müssten ihr Herzklopfen hören, denn es klopfte noch viel lauter als am ersten Tag und wollte sich auch am Abend nicht beruhigen. Maryän war einundzwanzig Jahre alt und wusste nicht viel über das Leben. Früher war es üblich gewesen, dass ein Mädchen im Kreise seiner Familie lebte. Wenn es älter wurde, manchmal schon mit vierzehn oder fünfzehn Jahren, wählten die Eltern einen Ehemann und dann wurde es verheiratet und bekam Kinder. Eine Frau war nie allein. Sie hatte immer für andere zu sorgen: für Eltern, kleinere Geschwister, ihren Mann und dessen Eltern, für die eigenen Kinder, später die Enkelkinder. So war es immer gewesen, aber nun nicht mehr. Maryän war allein in einer fremden Stadt. Da war keine Mutter oder Großmutter, die sie um Rat fragen konnte. Sie hatte nur sich selbst und ihr Herzklopfen und das durfte sie als aufrechte Revolutionärin eigentlich gar nicht haben. In dieser Nacht fand sie keinen Schlaf.

 

Die Wochen und Monate vergingen. Maryän und Turghun sahen sich gelegentlich auf dem Schulhof, sprachen ein paar Worte oder gingen ein Stück miteinander, wenn es die Pausenzeit erlaubte. Etwas anderes kam nicht in Frage. Zwar stand es für beide felsenfest außer Zweifel, dass sie zueinander gehörten, doch sie wussten nicht, was sie tun sollten. Deshalb taten sie nichts. Warteten einfach. Es war eine seltsame Zeit. Die Menschen durften keinen anderen Wunsch haben, als der Revolution zu dienen. Familie, privates Glück, Gefühle zählten nicht, alles musste sich politischen Zielen unterordnen. Maryän hatte sich nie mit dem Begriff „Revolution“ auseinandergesetzt. So lange sie zurückdenken konnte, war er in aller Munde gewesen, stand praktisch über allem Denken. Und da niemand an der Richtigkeit der Revolution zu zweifeln schien, hatte sie es auch nicht getan. Jetzt gab es aber plötzlich in ihrem Leben etwas, was doch wichtiger war, und zwar sehr viel wichtiger: ihre Liebe zu Turghun.

   Wie könnte Mao oder irgendetwas anderes auf der Welt wichtiger sein als Turghun? Trotz aller Verheißungen des kommunistischen Systems gab es für sie nur noch ihn. Doch eine Beziehung unter Kollegen war nicht erwünscht. Jeder Schritt wurde überwacht, ein Privatleben praktisch ausgeschlossen. Immer und überall waren andere Leute da, man machte alles zusammen. Nicht einmal die Zimmertüren durfte man abschließen. ‚Was tut der da allein?‘, würden die Nachbarn sich fragen. ‚Warum will er nicht, dass man weiß, was er tut? Wer sich aus der Gemeinschaft ausschloss, hatte mit Sicherheit etwas zu verbergen. Misstrauen war allgegenwärtig. Verdächtigungen, Gerede, Gerüchte, Kritik. Selbstkritik. Obwohl Maryän sich nie etwas hatte zuschulden kommen lassen, immer unauffällig geblieben war, hatte sie in Urumchi schon einmal eine Selbstkritik schreiben müssen. Jeder musste das. Ja, und man musste auch andere kritisieren, die dann ihrerseits eine Selbstkritik zu schreiben hatten, denn wenn man nie jemanden kritisierte, konnte das bedeuten, dass man die Augen nicht offenhielt oder gar das Fehlverhalten anderer duldete.

   Maryän hatte das alles bisher als unabänderlich hingenommen, doch nun widerstrebte es ihr. Die Sprüche klangen nur noch hohl, die Musik war unerträglich, die Propaganda laut und lästig – und dann diese ewigen Sitzungen! Jeden Morgen, jeden Abend. Niemals Ruhe, niemals allein. Maryän fühlte sich hin- und hergerissen zwischen Glück und Verzweiflung, denn die Natur einer jungen Frau lässt sich nicht durch Sprüche aus einem kleinen roten Buch überlisten und das Bild, das sie von Turghun im Herzen trug, ließ sich nicht durch das Porträt des großen Mao, das ihr überall von allen Wänden entgegenprangte, vertreiben.

   An einem frühen Morgen saßen sie wie an jedem frühen Morgen in der Aula der Schule: Alle waren da und alle hatten ihr kleines rotes Buch auf dem Schoß. Eigentlich brauchte man es gar nicht, weil jeder von ihnen den Inhalt auswendig kannte, aber es wurde von allen erwartet, die Worte des Vorsitzenden Mao Zedong stets bei der Hand zu haben. In diesem kleinen roten Buch standen Zitate aus Reden und Aufsätzen Maos und schon die Kinder der unteren Klassen lernten sie zu nachzusprechen.

   „Der Osten ist rot, die Sonne geht auf. China hat Mao Zedong hervorgebracht.“ So wurde jeden Morgen zu Beginn der politischen Sitzung gesungen. Alle standen aufrecht und ehrfürchtig da, ohne sich zu rühren, sangen inbrünstig mit und blickten auf zur roten Fahne und dem Mao-Porträt, das vorn über der Bühne hing. Dann wurden Mao-Zitate und Neuigkeiten aus der Volkszeitung verlesen, manchmal auch Artikel der Wandzeitung besprochen oder Kritik am Verhalten gewisser konterrevolutionärer Individuen geübt. In letzter Zeit sprach man auch immer öfter über Rotgardisten, die sich in den Städten des Ostens formierten und von Mao angespornt wurden, zur Errichtung einer „neuen Welt“ beizutragen, indem sie die vier Relikte der alten Welt, nämlich alte Gedanken, alte Kultur, alte Gebräuche und alte Gewohnheiten ausrotteten. Dazu gehörten nicht nur Bücher und Bilder, sondern auch so genannte „unproletarische“ Kleidung, schönes Geschirr oder ein Lippenstift. Alles, was schön war, schien die Große Proletarische Revolution zu gefährden. Daher sei diese Säuberungskampagne von entscheidender Bedeutung für die Neugestaltung der Weltgeschichte. So hatte es der Große Vorsitzende erklärt.

   Maryän überlief ein Schauer des Grauens, wenn sie davon hörte. Sie war mit dem Glauben an revolutionäre Ideale aufgewachsen, aber die Sache mit den Roten Garden ging doch wirklich zu weit! Warum musste man alles Schöne kaputt machen und Leute, die schöne Dinge besaßen, bestrafen? Maryän drängte sich hilfesuchend an Turghun, der neben ihr saß, zuckte aber augenblicklich zurück. Vorsicht! Hoffentlich hatte es niemand bemerkt! War es vielleicht schon einigen Kollegen aufgefallen, dass sie und Turghun bei den Sitzungen so häufig nebeneinander saßen? Wenn einer auf den Gedanken käme, dass es nicht nur reiner Zufall, sondern Absicht war, dann würden sie vielleicht bald dafür kritisiert werden: wegen „unproletarischen Verhaltens“. Insgeheim musste Maryän kichern, weil es einfach lächerlich war, ihre Gefühle mit der Proletarischen Revolution in Verbindung zu bringen, aber in Wirklichkeit war es nicht lächerlich, sondern gefährlich!

   Maryän wurde aus ihren Gedanken gerissen, als ein Mann auf die Bühne gezerrt wurde. Sie starrte ungläubig nach vorn. Es war Herr Abdughani, der Verwaltungsdirektor. Er trug einen spitzen Papierhut auf dem Kopf und um seinen Hals hing ein schweres Holzschild mit der Aufschrift: „Ich habe der Großen Revolution geschadet!“

   Herr Abdughani? Nie im Leben! Herr Abdughani war ein freundlicher, älterer Herr, immer sachlich korrekt und seit jeher ein überzeugter Kommunist. Es schien undenkbar, dass er etwas Konterrevolutionäres getan haben könnte.

   „Gesteh deine Schuld ein!“, donnerte ihn ein Parteifunktionär an. „Erklär allen Anwesenden, was du verbrochen hast!“

Herr Abdughani sah zu Boden und antwortete nicht sofort. Er schien Mühe zu haben, sich aufrecht zu halten und seine Gedanken zu sammeln.

   „Antworte!“

   Jeder in der Schule war dem Herrn Verwaltungsdirektor bisher mit Achtung begegnet. Er bekleidete eine wichtige Position und, soweit Maryän wusste, war der Schulbetrieb unter seiner Leitung immer reibungslos gelaufen. Er war weder arrogant noch herrisch, sondern eher still und zurückhaltend. Was konnte er nur verbrochen haben? Maryän wartete gebannt, obwohl sie es eigentlich gar nicht wissen wollte. Es war ihr peinlich, diesen würdigen Herrn so gedemütigt zu sehen. Die Situation hatte etwas Erbärmliches, was ihr zutiefst widerstrebte: Man darf doch nicht einen Mann öffentlich derart demütigen, mit dem man viele Jahre lang gut zusammengearbeitet hat!

   „Ich bin schuldig“, murmelte Herr Abdughani, nachdem er einen Fußtritt zwischen die Beine bekommen hatte. Dann stand einer der Lehrer auf und las von einem Blatt vor:

   „Abdughani Nayim hat mit Absicht wiederholt die Bestellung von Büromaterial verzögert, um unsere Arbeit zu behindern. Er hat damit die Debatten über die zukunftsweisenden Aussagen unseres Großen Vorsitzenden und Steuermanns sabotieren wollen. Er hat versucht, die Revolution aufzuhalten!“

   „Er hat sich nicht an der letzten Debatte beteiligt“, rief ein anderer. „Er ist sogar vorzeitig aufgestanden und hat den Raum verlassen!“

   Vielleicht musste er zur Toilette, dachte Maryän. Vielleicht war ihm eingefallen, dass er noch dringend eine Bestellung aufgeben musste. Ihr wurde schlecht. Sie trat Turghun auf den Fuß. Der zog ihn erschrocken zurück, zeigte aber keine weitere Reaktion. Die Anschuldigungen gingen weiter. Unsinnige Anschuldigungen. Maryän wand sich auf ihrem Stuhl, hilflos und verstört. Wie gern wäre sie aufgestanden und hätte den Saal verlassen, um dieses absurde Theater nicht länger ertragen zu müssen. Aber das war natürlich ausgeschlossen. Es war die politische Pflicht eines jeden, an diesen Sitzungen teilzunehmen, so lange sie auch dauern mochten. Und sie dauerten immer und immer länger. Bald gab es nur noch Sitzungen, Schulungen, Debatten, gemeinsames Anfertigungen von Wandzeitungen, Verlesen von Nachrichten über den Fortschritt des Klassenkampfes, Diskussionen um die Auslegung von Maos Aussprüchen wie zum Beispiel: „Mit Chaos auf Erden erreicht man Ordnung im Land“ oder „Rebellion ist gerechtfertigt, zerschlagt das Alte!“ oder „Die Liebe zu Mutter und Vater gleicht nicht der Liebe zu Mao Zedong.“

   Die Liebe zu Mutter und Vater – Maryän hatte ihre Eltern verlassen, weil sie etwas Sinnvolles lernen und tun wollte, und nun saß sie hier und musste zusehen, wie ein freundlicher, alter Mann angeprangert wurde wie der schlimmste aller Schwerverbrecher! War das gut für die Zukunft des Staates?

Zeit für Unterricht gab es immer weniger und bald gar nicht mehr. Wichtig war einzig und allein die Erziehung zum Klassenkampf, die Verherrlichung des revolutionären Ideals und der Personenkult um Mao.

   Von Herrn Abdughani hörte man nichts mehr. Er war nach der Morgensitzung mit seiner weißen Schandmütze und dem Schild vor der Brust an die Straße vor den Schulcampus gestellt worden und hatte dort wer weiß wie lange unter Bewachung einiger Schüler stehen müssen. Danach war er vermutlich zur Umerziehung aufs Land oder in ein Arbeitslager geschickt worden. 

 

Aber es fanden sich andere Opfer und die so genannten „Kampf- und Kritiksitzungen“ gingen weiter. Es gehörte zu den Pflichten eines jeden Einzelnen, Kritik an anderen zu üben. Niemand konnte sich dem entziehen, wenn er nicht selbst öffentlich beschuldigt werden wollte. Maryän war es zuwider. Sie hatte ihre Kollegen gern und keiner von ihnen hatte sich jemals abfällig über Mao oder die Revolution geäußert.

   Eines Tages sagte Maryän zu einem Kollegen, der etwas älter war als sie und mit dem sie sich ab und zu über Kunst unterhalten hatte:

   „Ablikim, hast du schon mal eine Kritik geschrieben? Ich wurde jetzt bereits zweimal aufgefordert und ich habe Angst, dass ich endgültig in Ungnade falle, wenn ich es nicht bald tue.“

   „Hm, das kommt mir bekannt vor.“

   Maryän zögerte. Dann fragte sie:

   „Wärest du mir böse, wenn ich schreibe, dass du dich für Kunst interessierst?“

   Ablikim sah sie prüfend an.

   „Warum nicht? Es entspricht der Wahrheit.“

   „Und vielleicht auch, dass du schöne Bilder malen kannst?“

   „Das wäre auch nicht gelogen.“

   „Ja. Aber man darf nur malen, was mit der Revolution zu tun hat.“

  „Ich weiß.“ Jetzt grinste er sie augenzwinkernd an. „Ja, Maryän, das ist eine gute Idee: Du schreibst, dass Lehrer Ablikim ein Bild gemalt hat, auf dem Mao einen schiefen Mund hat, und dann gehe ich zur Umerziehung in die Wüste und komme nie wieder. Ist es das, was du willst?“

   „Oh!“ Maryän wurde rot bis hinter die Ohren. „Oh, nein! Ablikim, so habe ich es nicht gemeint. Ich dachte nur...“

   „Ich weiß schon, keine Angst! Ich weiß, dass du mir nichts Böses willst, und ich weiß auch, wie sie jeden mit diesen dämlichen Kritiken drangsalieren, und wahrscheinlich bleibt uns gar nichts anderes übrig, als es zu tun. Wie wär’s: Du schreibst, dass ich ein Bild mit bunten Blumen gemalt habe, und nächste Woche schreibe ich, dass du die Bilder buddhistischer Mönche lieber magst als Maos Porträt? Einverstanden?“

   „Oh, bitte, bitte nicht!“ Aber jetzt lachte Ablikim so herzlich, dass Maryän sich keine Sorgen machte. Es würde ihm sicher etwas weniger Schlimmes einfallen.

   „Du darfst dann später meine Selbstkritik abschreiben“, bot sie ihm an. „Zum Beispiel: Ich bereue zutiefst, Gefallen an Kunst gefunden zu haben, und ich bitte, in Zukunft meinen Fehler wieder gut machen zu dürfen.“

   „Ja, so machen wir es.“

   So machten sie es. Lehrer Ablikim wurde eines Morgens auf die Bühne gerufen, stand reumütig mit hängenden Armen und niedergeschlagenen Augen da, während Maryän ihre Kritik vorlas. Das Publikum applaudierte. Jemand fügte noch hinzu, dass Lehrer Ablikim heute Morgen nur halbherzig mitgesungen habe, obwohl er sehr gut singen könne. Dann bekräftigte der chinesische Parteifunktionär, der seit einiger Zeit den Rektor vertrat, noch einmal die schweren Anschuldigungen und forderte Ablikim mit vernichtender Strenge auf, in einer ausführlichen Selbstkritik um Vergebung zu bitten.

Eine Woche darauf wurde Lehrerin Maryän nach vorn zitiert und hörte sich in ebenso demütiger Haltung, mit hängenden Armen und niedergeschlagenen Augen an, was ein Kollege ihr vorwarf. Sie habe sich nicht vehement genug gegen die verdorbene, reaktionäre, feudalistische Kunst früherer Jahrhunderte ausgesprochen, was zu dem Schluss führen könnte, dass sie insgeheim Gefallen daran fand. Sie müsse sich deutlich mehr Mühe geben, die proletarische Malerei der heutigen Zeit höher zu schätzen.

   Maryän schämte sich in Grund und Boden, als sie auf der Bühne stand und von allen angestarrt wurde. Es war lächerlich, aber trotzdem furchtbar. Sie dachte an den Verwaltungsdirektor, der vielleicht auch nicht mehr verbrochen hatte als sie. Und sie fragte sich, was Turghun wohl denken mochte, denn sie hatte ihn nicht in ihre Abmachung mit Ablikim eingeweiht. Turghun war Parteimitglied und sie war sich nicht sicher, wie streng er es mit diesem Prinzip von Kritik und Selbstkritik nahm. Sie liebte ihn von ganzem Herzen, aber in diesen endlosen Minuten wagte sie keinen Blick in seine Richtung. Sie starrte weiter schuldbewusst auf ihre Füße und versuchte, alles Denken auszuschalten.

   So furchtbar diese Erfahrung für Maryän auch war, so wusste sie doch, dass sie glimpflich davon gekommen war, denn nicht alle Kritiksitzungen verliefen so ruhig wie diese. An manchen Tagen schien der Saal vor Denunziationen und böswilligen Anschuldigungen beinahe zu zerspringen und sie fragte sich, woher Menschen diese Lust an der Entwürdigung anderer nahmen. Überall in China, in allen Betrieben, Ämtern, Schulen, Universitäten, überall wurden Kollegen, Nachbarn, Verwandte angeschwärzt, verklagt, gedemütigt, geschlagen, gefoltert, und oft wegen irgendwelcher Nichtigkeiten. Einfach, weil jemand etwas gegen jemanden hatte, weil man jemanden quälen oder sich mächtig fühlen wollte. Nach Beweisen fragte niemand. Jeder konnte jeden zum Konterrevolutionär erklären. Gelegentlich hörte man von Selbstmorden, denn für manch einen Beschuldigten war eine öffentliche Demütigung schwerer zu ertragen als der Tod. Doch auch das war keine gute Lösung, denn Suizid galt als Verrat an der Revolution und hatte für die zurückgebliebenen Familienangehörigen schwerwiegende Folgen. 

 

Im Jahr darauf wurde der Schulbetrieb wieder aufgenommen, nun jedoch unter der Leitung von parteitreuen Arbeitern und der Unterricht bestand im Wesentlichen darin, die Werke Maos zu studieren und alte Lehrbücher zu kritisieren. Maryän hatte keine Freude mehr an ihrem Beruf. Der freundliche Ablikim war nach Turpan beordert worden, und inwieweit sie den anderen Kollegen vertrauen konnte, war schwer zu sagen. Das einzig Erfreuliche in ihrem Leben waren die kurzen Momente, in denen sie mit Turghun allein spazieren gehen konnte. Einmal, als sie eine Weile schweigend nebeneinander hergegangen waren, sahen sie sich plötzlich am Ende der Straße, wo die Wüste begann. Feiner, weicher Sand, soweit das Auge reichte. Sanft geschwungene Linien der Dünenkämme. Die Sonne stand schon tief, ihre Strahlen warfen lange Schatten und zeichneten scharfe Konturen in diese faszinierend schöne, orangefarbene Gebirgslandschaft. Maryän liebte diesen Anblick. Man fühlte sich klein, wenn man in die Ferne schaute, aber obwohl kein Mensch dort leben konnte, lag auch so etwas wie Freiheit in dieser Unendlichkeit aus Sand. Nichts als Sand. Bis zum Horizont und noch viel weiter.

   Sie gingen noch einige Schritte weiter. Maryän zog ihre Schuhe aus und freute sich über die Abdrücke, die ihre nackten Füße im Sand hinterließen.

Turghun hatte keinen Sinn für die Schönheit von Fußabdrücken. Er war kein Mensch, der sich Gefühlen hingab. Er war sachlich und nüchtern, klar denkend und zielstrebig. Aber Maryäns natürliche Fröhlichkeit, die von Zeit zu Zeit durch die Fassade der Angepasstheit hindurchfunkelte, hatte ihn vom ersten Augenblick an verzaubert. Er spürte in ihr die Wärme, die jeder Mensch braucht, um glücklich zu sein. In der Realität des kommunistischen Systems gab es sie nicht und er war nie auf den Gedanken gekommen, an den Zielen dieses Systems zu zweifeln. Er wollte gar nicht zweifeln, weil Zweifel Unruhe bringen. Doch seit einiger Zeit musste er sich immer öfter eingestehen, dass er sich nach menschlicher Wärme sehnte. Seit Monaten überlegte er nun schon, was er tun sollte. Er wusste, was Maryän für ihn empfand, obwohl sie es nicht offen zeigte, aber er brauchte nur in ihre Nähe zu kommen, um die Liebe zu spüren.

   „Sieh nur, die hübschen Muster im Sand!“, begeisterte sich Maryän über die kleinen Rillen und Wellen in der Sandfläche. „Wie ein Kunstwerk des Windes.“

   „Maryän!“

   „Ja, ich weiß, ich soll nicht über Kunstwerke sprechen, aber du verrätst mich doch nicht, oder?“

   „Maryän!“, wiederholt Turghun ernst.

   „Ja?“

   „Warte, lauf nicht so schnell. Ich möchte dich etwas fragen.“

   „Oh ja?“

   „Maryän.“ Er zögerte. Sie wartete ein wenig verunsichert, weil er ein so ernstes Gesicht machte und sie wieder einmal einen unproletarischen Gedanken ausgesprochen hatte.

   „Maryän, wollen wir heiraten?“

   Sie erstarrte. Sah ihn nur an, unfähig, ein Wort herauszubringen.

   „Würdest du mich heiraten, Maryän? Bitte!“

   Sie stand noch immer reglos da wie ein ausgedorrter Toghrak-Baum, der alles Leben verloren hatte. Doch dann, als Turghun schon beinahe bereute, seine Gefühle so offen ausgesprochen zu haben, kam sie mit ein paar wilden Sätzen auf ihn zugesprungen, schrie das ganze Glück der Welt aus sich heraus, schlang beide Arme um seinen Hals und weinte. Sie weinte, weil sie keine Worte hatte. Sie weinte und lachte, hämmerte Turghun auf den Rücken und zerrte an seinem Haar. Bis sie schlagartig wieder zur Vernunft kam:

   „Dürfen wir es denn?“

   „Wir könnten einen Antrag stellen. Das Revolutionskomitee wird entscheiden.“

   „Werden sie zustimmen?“

   „Ich hoffe es. Man kann uns nichts vorwerfen. Ich bin seit Jahren Parteimitglied und du hast dich bisher keines wirklich schweren Vergehens schuldig gemacht.“

   Maryän ließ Turghuns Hals los und strahlte ihm ins Gesicht.

   „Das wäre wundervoll! Das wäre doch wundervoll, oder?“

   „Natürlich! Sonst hätte ich ja nicht gefragt.“ Jetzt lachten auch seine Augen. Er nahm sie bei der Hand und wandte sich zurück zur Straße. „Komm, gehen wir! Ich muss heute Abend noch einen Antrag auf Heiratserlaubnis stellen.“

   „Ach, können wir nicht vorher noch ganz nach oben auf die Düne steigen, bis die Sonne untergeht?“

   „Du bist eine unverbesserliche Romantikerin, Maryän – aber ich fürchte, es ist gerade das, was ich so sehr an dir mag.“

   Als sie oben auf der Düne standen und die letzten Sonnenstrahlen Maryän noch schöner werden ließen, nahm Turghun sie fest in die Arme, warf sich mit ihr in den Sand und gemeinsam rutschten sie in einer riesigen, schimmernden Staubwolke den steilen Hang hinab.

   So frei und glücklich hatte sich Turghun noch nie in seinem Leben gefühlt. 

 

Es dauerte lange, aber eines Tages kam eine Nachricht vom Revolutionskomitee: Man habe ihren Heiratsantrag geprüft und erwarte Turghun und Maryän zu einem persönlichen Gespräch, um einige Fragen zu klären. Die Fragen konnten geklärt werden und das junge Paar verließ mit glückstrahlen Gesichtern das Bürogebäude.

   Ein Fest gab es nicht. Keine Musik und fröhlichen Tänze. Keine schönen Kleider. Seit Jahren schon trug man in der ganzen Volksrepublik nur noch die gleichen graugrünen Anzüge, denn alles Bunte war als Relikt einer feudalistischen Vergangenheit verpönt. Maryän durfte mit ihrem Mann ein neues Zimmer beziehen, das zwar auch nicht größer war als das alte, aber sie brauchten keinen Platz. Sie brauchten nur einander. Zwar galt es auch für Familienzimmer als ungehörig, die Türen abzuschließen und sich von den Nachbarn abzusondern, aber manchmal taten sie es trotzdem.

   Nach einem knappen Jahr kam ein kleiner Junge auf die Welt. Sie nannten ihn Polat.

 

Zu dem Foto:

Dieses Mao-Porträt von Andy Warhol hängt im Hamburger Bahnhof in Berlin. Warhol hat 1973 mehrere Siebdrucke in unterschiedlicher Farbgebung hergestellt. Die bunte Farbe auf Kleidung und Gesicht erinnern an Graffiti und setzen damit die kommunistische Propaganda mit Werbeplakaten des Kapitalismus gleich.