Die Touristin

 

2010

„Wir machen bald eine Reise dorthin“, sagte die Besucherin einer Ausstellung zum Künstler „Ich kann zwar nicht malen, aber ich werde viele Fotos machen.“ Der Maler antwortete so spontan, als hätte er die ganze Zeit nur auf dieses eine Stichwort gewartet: „Ich habe auch Fotos, wollen Sie die sehen?“ Damit begann eine Freundschaft, die weitreichendere Folgen haben sollte, als es die Besucherin und der Maler zu diesem Zeitpunkt ahnen konnten.

   Er holte seine Mappe und schon bald standen auch andere Ausstellungsbesucher um das Tischchen herum und bestaunten die Aufnahmen. Sie zeigten etwas ganz anderes als die Gemälde: Sie zeigten das Leben. Sie zeigten, wer die Menschen waren, die in den Landschaften zu Hause waren, welche der Maler in seiner ganz eigenen, halbabstrakten Art gemalt hatte. Sie zeigten Bauern bei der Arbeit, Eselkarren auf staubigen Wegen, Kinder, die in die Kamera lachten, und alte Männer mit tiefen Falten im sonnen­verbrannten Gesicht. Es waren wunderschöne Bilder: fremd und berührend, zumindest für europäische Augen, die solch ein Leben nicht kannten.

   In den darauffolgenden Tagen überlegte die Besucherin: Der Maler liebt seine Fotos, das kann man spüren. Und er liebt auch seine Heimat und die Menschen, die dort leben. Ob es ihn vielleicht interessieren könnte, wie eine Touristin dieses gleiche Land und diese gleichen Menschen sieht, sozusagen mit dem Blick von außen anstatt von innen? Sie überlegte hin und her, zögerte, schwankte und erkundigte sich schließlich nach seiner Adresse. Er antwortete. Ja, und dann begann er zu erzählen. Er schüttete sein Herz aus über das traurige Los der Uiguren, über ihre Lebensbedingungen in Xinjiang, die Ungerechtigkeiten, Diskriminierung und Verachtung. Er erzählte von der Wüste, die durch Atomversuche verseucht ist und sich ständig weiter ausbreitet, von den Ölbohrungen, die das Land verwüsten, und riesigen Staatsfarmen, die das kostbare Wasser verschlingen, während den uigurischen Bauern die Felder verdorren. Auch von alten Häusern, die abgerissen werden, und Neubauten, in denen jetzt zugewanderte Chinesen wohnen. Er erzählte von vergessenen Volksmärchen und chinesischen Propagandafilmen, von Soldaten mit Maschinenpistolen und von Angst. Und dabei sahen seine Augen sehr traurig aus.

   Elisabeth und Paul, die Ausstellungsbesucherin und ihr Mann, hatten den Maler Polat kurz vor ihrer Abreise zu den „Spuren der Seidenstraße“ eingeladen, weil er zur gleichen Zeit in Turpan sein würde und sie ihn und seine Familie unbedingt besuchen sollten. Da man ja aber nicht einen wildfremden Mann in einem wildfremden Land besuchen kann, war es höchste Zeit gewesen, sich zumindest ein klein wenig kennenzulernen.

   „Das wusste ich nicht“, gestand Elisabeth, als er nachdenklich von einem zum anderen sah. „Ich dachte, Seidenstraße, das ist etwas Exotisch-Romantisches, Erinnerung an alte Kulturen, Karawanen, Wüsten und ein paar alte Klöster. Natürlich auch modernes Leben wie überall in China. Aber über diese Dinge weiß man hier gar nichts. Warum?“

   „Hm.“

   „Alle Welt kennt Tibet und bemitleidet die Tibeter, weil sie unterdrückt und in ihrer Kultur und Religion eingeengt werden. Es gibt Bücher und Diavorträge, Organisationen, die sie unterstützen, alles Mögliche gibt‘s, und alle sagen: Oh, Tibet, wie interessant! Warum weiß hier kein Mensch, dass es den Uiguren in Xinjiang ebenso schlimm ergeht?“

   „Hm.“

   „Das ist doch ungerecht!“

   „Ja... Ja, wir sind ein armes, bedauernswertes Volk. Von der Welt vergessen.“

   Elisabeth war zutiefst betroffen. Sie war alles andere als ein rebellischer Typ, eher still und besonnen, nachsichtig und verständnisvoll, und ereiferte sich nicht leicht über die Unbilden des Lebens, denn Ungerechtigkeiten, Machthunger und Unterdrückung hatte es gegeben, seitdem es Menschen gibt, jedenfalls seitdem ihre Geschichte aufgeschrieben wird. Doch irgendetwas in Polats Erzählung hatte sie so tief erschüttert, dass sie diese Sache nicht einfach hinnehmen konnte. Dass China vieles tat, was nicht gerecht war, das war nichts Neues. Davon hörte man oft genug in den Nachrichten. Aber über die Situation der Uiguren hatte sie noch nie etwas gehört oder gelesen. Wenn es aber solches Unrecht gab, dann sollte man es doch zumindest wissen, oder etwa nicht? Selbst wenn man nicht viel dagegen zu tun konnte. Die Tibeter hatten wenigstens das Mitleid der Welt, aber die Uiguren hatten nicht einmal das. Es kann doch nicht sein, sagte sie sich, dass die da in China Menschen derart drangsalieren und niemand auf der Welt nimmt es überhaupt zur Kenntnis! Nein, das darf nicht sein!

   Ja, und nun?

 

Nun traten Elisabeth und Paul erst einmal ihre Reise an. Nachdem sie die alte Kaiserstadt Xi‘an und die tönernen Heere des Qin Shihuangdi sowie einige tibetische Klöster und die Mogao-Grotten in Dunhuang besucht hatten, kamen sie mit dem Nachtzug in Turpan an. Der uigurische Reiseleiter und ein chinesischer Fahrer erwarteten sie früh morgens am Bahnhof.

   „Heute besichtigen wir die Ruinenstadt Gaochang oder Kocho, wie wir Uiguren lieber sagen“, erklärte Mehmet Ali, der Reiseleiter „und am Nachmittag können sie sich dann die Stadt angucken.“

   Sie sahen die Flammenden Berge von Turpan, doch sie flammten nicht, weil sie von Dunst umhüllt waren, und die dahinter aufragenden schneebedeckten Gipfel des Tianshan waren auch kaum zu erkennen.

   „Wissen Sie, warum die Flammenden Berge so rot sind?“, fragte Mehmet Ali.

   „Wahrscheinlich weil der Sandstein Eisen enthält.“

   „Jaaa... nein. Nun, eigentlich ist es so: Einst lebte in den Bergen des Tianshan ein Drache, der jedes Jahr ein kleines Kind fraß, bis eines Tages ein Jäger den Kampf wagte und ihn tötete. Er hieb den toten Drachen mit seinem Schwert in acht Stücke und sofort verwandelte sich der riesige Leichnam in diese Berge. Das heraussprudelnde Blut färbte sie rot und auch die sieben Einschnitte kann man heute noch erkennen: die Schluchten, durch die kleine Flüsse nach Süden fließen.“ Mehmet Ali schaute seine Gäste an, um ihre Reaktion abzuwarten. Dann fuhr er schmunzelnd fort:

„Die Chinesen glauben allerdings, dass es der Affenkönig Sun Wukong war, dem sie die rote Farbe zu verdanken haben. Im Jahre 627 begleitete er nämlich den buddhistischen Mönch Xuanzang auf einer Pilgerreise nach Indien. Die Geschichte von der „Reise nach Westen“ ist allgemein bekannt, auch bei uns. Hier bei Turpan wollte ein Dämon den Mönch und seine Begleiter mit einer Flammenwand aufhalten, doch Sun Wukong gelang es, ihm das Feuer aus der Hand zu reißen und über die Berge zu schleudern. Deshalb leuchten sie so rot wie feurige Flammen.“

   „Heute nicht“, bemerkte Elisabeth trocken. „Schade!“

   „Ja, der Staub... Staub ist ein echtes Problem für die Oase. Nicht nur heute und nicht nur wegen der trüben Sicht. Übrigens, in Kocho mussten Xuanzang und Sun Wukong ein ganzes Jahr bleiben, weil der König von Turpan sie nicht weiterreisen lassen wollte. Ich zeige Ihnen nachher, wo genau der Mönch ihn in der buddhistischen Lehre unterweisen musste.“

   Kocho ist heute ein riesiger Komplex im Wüstensand, weitläufig, trocken, heiß, kein Schatten, nur Sand und Ruinen. Manche sind unscheinbare Mauerstümpfe, andere noch als gewaltige Lehmziegelbauten zu erkennen. Mehmet Ali wusste, was Stadtmauer, Palast oder Tempel gewesen war und in welcher Halle der chinesische Mönch einst dem König von Turpan den Buddhismus erklärt hatte. Kocho war eine große, florierende Stadt gewesen, reich geworden durch den Handel auf der Seidenstraße und über viele Jahrhunderte Hauptstadt eines Königreichs mit Prachtbauten und Tempelanlagen. Uigurische Könige hatten hier geherrscht und zeitweise auch Chinesen ihre Garnisonen stationiert.

   „Gegründet wurde die Stadt im zweiten Jahrhundert vor der Zeitenwende und vermutlich im 13. oder 14. Jahrhundert verlassen. Genau weiß man nicht, aus welchem Grunde. Vielleicht weil sie von den Mongolen zerstört worden war, vielleicht weil sich das Klima veränderte und die Wüste ausbreitete oder weil die Seidenstraße damals bereits ihre Bedeutung zu verlieren begann. Ja, und dann verfiel alles und wurde vom Sand verschüttet.“

   Erst Anfang des 20. Jahrhunderts hatten westliche Forscher, vor allem Albert Grünwedel und Albert von Le Coq vom Berliner Völkerkundemuseum, die vergessene Stadt erkundet und teilweise von Schutt und Sand befreit. Sie hatten begeisterte Berichte geschrieben. Doch wenn Elisabeth und Paul Grünwedels Fotografien von 1902, die im Museum ausgestellt waren, mit den Ruinen verglichen, die sie hier zu sehen bekamen, dann hätten sie weinen mögen: In den letzten hundert Jahren muss mehr verloren gegangen sein als in den siebenhundert Jahren davor.

 

„Wollen wir nicht lieber in einem Dorf zu Mittag essen, anstatt nur Nan-Brot und Samsa zu kaufen?“, schlug Paul vor. „Kennen Sie ein gemütliches, kleines Restaurant in der Nähe?“

   Mehmet Ali und der Fahrer berieten sich.

   „Ja, eines gibt es. Es liegt in einem alten Bergdorf, nicht allzu weit von hier, aber das würde vierhundert Yuan extra kosten. Das ist nicht im Programm inbegriffen.“

   „Gut, dann machen wir das.“

   Welch ein Erlebnis! Schon bald hatten sie das Dorf Tuyuk erreicht. Auf den ersten Blick sah hier alles lehmgelb aus: die Häuser, die Wege, die Berge im Hintergrund. Die kleinen Häuser wirkten verlassen, mit abgebröckeltem Putz, kaputten Ecken, hohlen oder mit Brettern vernagelten Fenstern. Irgendwo standen zwei Kamele, offenbar auch aus Lehm geformt.

   „Hier links hat Le Coq gewohnt“, erklärte Mehmet Ali. „Er war einige Wochen oder Monate in Tuyuk, um die Höhlen zu erforschen. Kennen Sie ihn? Er war Deutscher, berühmter Archäologe.“

   „Und jetzt?“, fragte Paul. „Leben hier jetzt auch noch Menschen?“

   „Ja, natürlich. Es ist sehr angenehm, in diesen Lehmhäusern zu wohnen: im Winter warm, im Sommer kühl. Und sehen Sie diese Aufbauten oben auf dem Dach? Wenn es gar zu heiß wird, dann ist es dort herrlich luftig zum Schlafen. Eigentlich sind sie zum Trocknen der Trauben gedacht, werden aber vielseitig genutzt. Von den berühmten Weintrauben aus Turpan habe ich Ihnen schon erzählt, nicht wahr? – Kommen Sie, wir gehen noch ein Stück weiter bis zum Ende der Gasse. Von da aus sehen Sie einige der Höhlen, die Le Coq damals untersucht hat.“

   Jenseits eines Tales konnte man tatsächlich ein paar Löcher in der steilen Felswand erkennen.

   „Vor langer Zeit einmal“, erzählte Mehmet Ali, „waren fremde Prediger, die den Islam zu uns bringen wollten, auf der Flucht vor den Soldaten des Königs hiergekommen und hatten in einer solchen Höhlen Zuflucht gefunden. Spinnenweben verdeckten den Eingang so dicht, dass die Soldaten sie nicht finden konnten, und die Männer schliefen erschöpft ein. Als sie wieder aufwachten, wagten sie lange nicht, die Spinnenweben zu zerreißen, doch da nach einer Weile Hunger und Durst zu sehr quälten, schaute einer von Ihnen vorsichtig hinaus. Es war nichts zu sehen, keine Soldaten, keine Gefahr. Da machte er sich auf den Weg ins Dorf, um Brot zu kaufen. Als er mit einer Münze bezahlte, staunten die Leute: Es war eine Münze, die es schon seit dreihundert Jahren nicht mehr gab. Die Fremden hatten dreihundert Jahre lang geschlafen. So geht zumindest die Sage.“

 

Mehmet Ali hatte das Essen im Restaurant telefonisch vorbestellt und alles war bereit. Im Garten standen zwei oder drei Tische unter einem Dach aus Weinranken, aber er wies auf ein Podest an der Seitenwand, auf dem zwei Matten ausgebreitet waren, eine zum Sitzen und eine, die als Tisch diente und mit Teetassen, Rosinen, Maulbeeren, Käsestückchen und einem großen goldgelben Kranz gedeckt war.

   „Dies ist euer Tisch.“ Elisabeth und Paul versuchten, es sich auf der Matte bequem zu machen, während der Wirt, ein freundlicher Herr in kariertem Hemd und Doppa auf dem Kopf, mit der Teekanne kam. Direkt neben dem Podest befand sich die Küche. Dort war eine junge Frau gerade dabei, Nudeln zu ziehen: Dicke Teigschlangen wurden zu langen, dünnen Schlangen und die langen, dünnen Schlangen zu noch dünneren und noch längeren Schlangen, die dann in einem Topf mit kochendem Wasser landeten. Eine andere Frau, vermutlich die Mutter der jüngeren, fischte die fertigen Nudelschlangen aus dem Wasser und warf sie in eine Pfanne, wo sie sich auf wundersame Weise in lauter gleich gebogene, gleich goldene Knusperkringeln verwandelten. Jetzt erkannte Elisabeth, was es mit dem hübschen Kranz in der Tischmitte auf sich hatte: Es waren geflochtene Nudelkringel.

   „Davon können Sie sich Stückchen abbrechen“, erklärte Mehmet Ali und macht es vor. „Schmeckt gut. Und nachher gibt es Laghman. Wir Uiguren essen immer Laghman – das heißt, wenn es nicht Kebab, unsere gegrillten Fleischspieße, gibt, oder Polo, oder... oh, wir haben sehr viel Gutes zu essen!“ Der junge Mann lachte übers ganze Gesicht, vor Stolz auf die Kochkünste seines Volkes und wahrscheinlich auch vor Vorfreude auf das bevorstehende Festmahl, das ihm so ganz unerwartet von seinen deutschen Kunden beschert wurde. Nach dem Essen fragte Elisabeth:

„Können wir jetzt Polat anrufen? Ich möchte ihm sagen, dass wir am Nachmittag in Turpan sind und ihn gern treffen würden.“

   Mehmet Ali wählte die Nummer und sagte etwas auf Uigurisch, dann reichte er Elisabeth sein Handy.

   „Polat, sind Sie es? Wir sind jetzt in einem kleinen Dorf. Es heißt...“, sie sah Mehmet Ali hilfesuchend an. „Es heißt Tuyuk. Kennen Sie das?“

   Polat schien sich zu amüsieren: „Natürlich kenne ich Tuyuk!“

   Sie verabredeten sich für den Nachmittag bei Polat zu Hause.

   „Wow“, meinte Mehmet Ali mit einer höflichen Verbeugung: „VIP.“

   „Wie bitte?“

   „Wow, sage ich, eine große Ehre! Es ist nicht üblich, jemanden, den man gar nicht richtig kennt, nach Hause einzuladen. Also ist es eine ganz besonders große Ehre.“

   Oh, dachte Elisabeth, dann freue ich mich auch ganz besonders darüber.

   Sie fuhren zu der angegebenen Adresse. Vor dem Haus ging ein Mann wartend auf und ab.

   „Ist das Polat?“, fragte Mehmet Ali.

   Elisabeth konnte sich nicht erinnern. Sie hatte ihm stundenlang fasziniert zugehört und die Traurigkeit in seinen Augen gespürt, aber wie er tatsächlich aussah, das wusste sie nicht mehr. Zum Glück hatte Paul ein besseres Gedächtnis und erkannte ihn sofort. Nach einer weiteren guten Mahlzeit, die Polat selbst zubereitet hatte, vertieften sie sich in angeregte Gespräche über das Leben in Turpan, früher und heute. Wie sich die Stadt von Jahr zu Jahr veränderte, weil immer mehr Chinesen aus dem Osten kamen. Die großen Staatsbetriebe schickten sie her, um überall in der Umgebung nach Erdölvorkommen zu bohren.

   „Ihr müsst euch den Stadtpark ansehen“, riet Polat. „Schön anzusehen, wirklich, perfekt angelegt. Aber...“ Er zögerte, so als überlegte er, ob er in Gegenwart des fremden Reiseleiters offen sprechen könne.

   „Aber was?“

   „Nun, wir leben in der Wüste“, fuhr Polat fort. „Unsere Oase lebt von dem Grundwasser, das unter der Taklamakan lagert, denn es regnet fast nie. Es gibt riesige Grundwasserreservoirs unter der Wüste, aber fossiles Grundwasser kann sich nicht erneuern und deshalb sollte man die Finger davon lassen. Doch in den letzten Jahren werden immer mehr Baumwollplantagen angelegt, die Unmengen von Wasser verschlingen, und nun reicht das normale Grundwasser und das Wasser, das aus den Bergen zugeführt wird, nicht mehr aus. Das ist ein großes Problem. Trotzdem baut uns die Stadt nun auch noch einen Park mit Rasenflächen, die Tag und Nacht bewässert werden müssen, weil Gras hier eigentlich nicht wächst, und mit Bäumen – nicht etwa heimischen Pappeln, die mit unserem Klima zurechtkommen –, sondern mit importierten Bäumen, die regelmäßig abgeduscht werden müssen, weil sonst der Wüstenstaub auf ihren Blättern die Photosynthese verhindern würde. Versteht ihr, was ich meine? Versteht ihr diese Art des Denkens, diese Gleichmacherei? Wenn es in Peking und Shanghai Parks mit Rasen und exotischen Pflanzen gibt, dann muss jede kleine Wüstenstadt auch so einen Park haben. Und dazu einen riesigen, betonierten Volksplatz. Und vielspurigen Straßen, selbst wenn nur ein paar Eselkarren darauf fahren.“

   Lieber sprachen sie über Tuyuk, das Dorf, das alle Kunststudenten so gut kennen. Wie oft hatte er dort gesessen und gezeichnet, gemalt, skizziert! Aus der ganzen Umgebung kommen noch immer Studenten und Künstler nach Tuyuk.

   „Es ist das schönste Dorf der ganzen Oase“, versicherte Polat. „Kein anderes Dorf ist so malerisch, so gut erhalten wie Tuyuk. Es soll mindestens tausendsiebenhundert Jahre alt sein, heißt es. Und habt ihr die Moschee in Tuyuk Mazar gesehen? Ein heiliger Ort. Es gibt eine Geschichte...“

   „Von den Männern, die dreihundert Jahre lang geschlafen haben?“

   „Ja, dort war ihre Höhle und dort liegen sie begraben.“

   „Schade, dass man nicht die Wandmalereien in den Höhlen besichtigen kann“, warf Paul ein und Mehmet Ali tröstete:

   „Wir werden morgen die Höhlen von Bezeklik sehen. Dort sind einige für Besucher geöffnet.“

   „Diese Grotten“, erklärte Polat „sind in der Tat von großem historischem und kunsthistorischem Wert. Wisst ihr, dass viele der Wandmalereien aus den Höhlen von Bezeklik jetzt in Berlin sind?“

   Und nun begann Polat über die Kunst jener Zeit zu erzählen, denn dies war ein Thema, das ihn als Maler zutiefst berührte, verband es doch die Vergangenheit seines Volkes mit der Geschichte der Seidenstraße und der ganzen Welt.

 

Die moderne Stadt Turpan hat durchaus ihre schönen Seiten: saubere, breite Straßen, eine blitzblank gepflegte Promenade unter Weinranken, der erfrischend grüne Park und ein künstlicher See mit aufwändigen Wasserspielen und hübschen Ruheplätzen, Luxushotels und vom Zimmer aus ein Blick über Neubauten und Neubauten ohne Ende. Aber andererseits: Ist es das, was man in einer Oasenstadt am Rande der Wüste Taklamakan erwartet? Der uigurische Basar schien Elisabeth und Paul eher ein Fremdkörper zu sein als das ursprüngliche Bild dieses Landes. Das Tal der Trauben, das sich im Norden der Stadt durch die Flammenden Berge zieht, ein Inbegriff der Fruchtbarkeit, herrlich grün und schattig, mit lauschigen Nischen und Restaurants neben sprudelnden Quellen, war zu einer gut besuchten Touristenattraktion geworden. Das kleine Karez-Museum, in dem das uralte Bewässerungssystem der Turpan-Oase erklärt wird, und die Höhlen von Bezeklik sowie Yar-Khoto, die zweite große Ruinenstadt, brachten die Reisenden noch einmal zurück in die alte Zeit der Seidenstraße. Ihr junger Reiseleiter, der alle Fragen verstand, aber nicht alle beantwortete, hatte sich für einen Angestellten des staatlichen Tourismusamts vorbildlich verhalten. Allein das spitzbübische Lächeln und sein vielsagendes Nichts-Sagen hatten gelegentlich durchblicken lassen, was er vielleicht gesagt hätte, wenn nicht...

   So kamen Elisabeth und Paul mit den unterschiedlichsten Eindrücken und widerstreitenden Gefühlen von der Reise zurück. Als im Herbst das neue Semester begann und auch Polat wieder in Deutschland war, sagte Elisabeth zu ihm: „Ich werde ein Buch schreiben.“

   „Über was?“

   „Über Uiguren. Es gibt ja nichts zu lesen außer ein paar wissenschaftlichen Arbeiten und Artikeln zur Menschenrechtssituation, aber kein einziges Buch, das man einfach zur Entspannung lesen und dabei etwas über das Land, die Menschen und die heutigen Probleme lernen könnte. Ich würde so etwas gern lesen, gibt’s aber nicht. Also muss ich es selbst schreiben.“

   „Gut, sehr gut. Und was genau willst du schreiben?“

   „Das wirst du mir sagen. Du und andere Uiguren, die im Ausland leben und keine Angst vor Geheimdienst und Repressionen haben müssen.“

   „Viele haben trotzdem Angst. Die Angst sitzt tief, die verliert man nicht so leicht. Man weiß nie, wem man trauen darf, auch hier nicht. Und außerdem haben die meisten noch Verwandte in China, auf die sie Rücksicht nehmen müssen.“

   „Du hast mir vieles erzählt.“

   „Ja, wenn alle Angst hätten...“

   „... dann würde die ganze Welt glauben, dass ihr nichts als Terroristen seid.“

   „Ja, das hätte die Regierung sicher gern.“

   „Das wollen wir aber nicht zulassen, oder?“

   „Nein“, sagte Polat, „das werden wir nicht zulassen!“