Uigurische Sagen

 

Viele Uiguren fürchten, dass ihre alten Sagen und Märchen bald in Vergessenheit geraten werden, weil die junge Generation von Kindergarten und Schule an nur noch chinesische Geschichten hört. Nicht nur die Geschichte selbst wird ausschließlich aus chinesischer Sicht gelehrt, sondern auch das alte Volksgut. Jetzt sind es chinesische Helden, die die Fantasie uigurischer Jungen beflügeln, oder westliche wie Superman und Luke Skywalker, aber die uigurischen Sagengestalten kennen die Kinder kaum noch. Wenn nicht ihre Eltern oder Großeltern davon erzählen, werden sie bald verloren sein.

Das chinesische Erziehungssystem arbeitet ganz gezielt darauf hin, dass sich in ganz China alle als Chinesen identifizieren und dass vor allem die Tibeter und Uiguren, die zahlenmäßig große und stolze Minderheiten mit einer ebenfalls starken Kultur sind, sich nicht auf eigene Wurzeln berufen. Sie sollen sich assimilieren.

Doch welch ein Jammer wäre es, die alten Überlieferungen für immer zu vergessen! Sie sind ein Schatz, wie ihn alle Völker besitzen, und deshalb soll zumindest das, was man mir erzählt, hier festgehalten werden.

 

Die Flammenden Berge von Turpan

Einst lebte ein Drache in den Bergen nördlich der Turpan-Oase und brachte Schrecken über die Menschen, weil er sich jedes Jahr ein Kind holte und fraß. Die Bewohner wussten sich keinen Rat. Solange sie zurückdenken konnten, kam der Drache einmal im Jahr in eines der Dörfer, um sich ein Opfer zu wählen, und niemand vermochte ihn daran zu hindern. Erlegen konnte man den Drachen nicht, denn niemand hatte ihn jemals zu Gesicht bekommen. Aber dennoch hieß es, er sei unvorstellbar groß und grausig, habe glühende Reißzähne und schleudere Feuerstrahlen aus seinem Rachen. Deshalb verschanzten sich alle Dorfbewohnen in ihren Häusern und versteckten ihre kleinen Kinder im dunkelsten Winkel, wenn die Zeit nahte. Doch jedes Jahr fehlte am Morgen wieder ein Kind.

Da sagte eines Tages ein Jäger: „Ich werde den Drachen töten! Es geht nicht an, dass er unsere Kinder frisst, obwohl wir ihm nie ein Leid angetan haben. Das muss endlich ein Ende haben!“ Er zog davon, ließ seine Frau und seinen kleinen Sohn daheim und machte sich auf den Weg in die Berge des Tianshan. Da er nicht wusste, wo er suchen sollte, wanderte er tagelang bergauf und bergab, spähte in alle Täler und Felsritzen, bis er endlich eine Spur fand, die zu einer verborgenen Höhle führte. Er hatte nur ein großes Messer und einige Speere, würde er damit einen Drachen töten können? Wo war er verwundbar? Der Jäger legte sich auf die Lauer und wartete. Er wartete, bis es dunkel wurde. Und als der Mond aufging, wartete er noch immer und fragte sich, worauf er eigentlich wartete. Denn wenn der Drache aus der Höhle kam, was sollte er dann tun?

Aber dann blieb ihm plötzlich keine Zeit, noch länger nachzugrübeln, denn der Drache kam tatsächlich aus seiner Höhle. Er kroch sehr langsam und er war so lang, so unendlich lang, dass er Mühe hatte, seinen ganzen langen Körper aus der Höhle zu ziehen. Der Jäger zögerte keinen Augenblick, sprang aus seinem Versteck und schleuderte in jedes Auge einen Speer. Nur einen winzigen Augenblick, dann hockte er sich wieder hinter einen Felsen und wartete auf das, was geschehen würde. Es ging ein Zittern durch den riesenlangen Drachenkörper. Ein donnerartiges Grollen erschütterte die Berge, Feuerstrahlen schossen in die Höhe, so dass der Schnee auf den Gipfeln schmolz. Dann wurde es still. Noch einmal lief ein Zittern durch den Körper des Drachen, er streckte sich in die Länge und rollte langsam hinab in das weite Tal, das sich zwischen dem Gebirge und den Niederungen der Oase erstreckt.

Der Jäger hatte erstaunt zugesehen, und als er den kinderfressenden Drachen so daliegend sah, erfasste ihn eine unmäßige Wut über all das Leid, das er den Menschen seit Jahrhunderten angetan hatte. Er schwang sein großes Messer und hieb den Drachen in acht Stücke. Blut überströmte das Ungeheuer von einem Ende bis zum anderen, dann wurde es zu Stein.

Seitdem erstreckt sich nördlich der Turpan-Oase eine beinahe hundert Kilometer lange Hügelkette aus zerfurchtem, rotem Sandstein, durchschnitten von sieben Tälern. Man nennt sie die Flammenden Berge von Turpan.

 

Der Herzberg

Wenn man sich im Süden von Pichan in die Wüste hineintraut und auf eine hohe Sanddüne steigt, dann kann man manchmal einen Berg sehen, der anders aussieht als all die Dünen um ihn herum. Das ist der Herzberg. Vielleicht kann man ihn aber gar nicht wirklich sehen, sondern nur erahnen, denn ob es den Herzberg tatsächlich gibt oder nicht, kann niemand mit Gewissheit sagen. Und dennoch weiß jeder, der in der Oase von Pichan lebt, dass es ihn geben muss, weil man sich seit alters her erzählt, dass dort ein Drache lebt und dass dieser Drache die Wüste beherrscht und keine anderen Wesen dieser Welt an sich heranlässt. Daher hat ihn noch nie ein Mensch gesehen. Aber hören kann man ihn, denn von Zeit zu Zeit singt er leise vor sich hin oder brüllt seine Einsamkeit heraus.

Da nun aber Drachen und geheimnisvolle Berge die Neugier der Menschen wecken, haben sich schon viele Wagemutige aufgemacht, um den Herzberg zu erforschen und sein Geheimnis zu enthüllen. Nicht ein Einziger ist zurückgekehrt. Manch ein Wanderer hat auf halbem Wege aufgegeben, weil er erkannte, dass er Sonnenglut und Durst nicht überleben würde, wenn er weiterginge. Wirklich gesehen hat daher bislang niemand etwas anderes als einen fernen Berg, vielleicht aus Sandstein, vielleicht eine vom Sand verschüttete Ruine aus uralter Zeit, jedoch keine Spuren von Drachen, Geistern und Gespenstern.

Aber noch immer hört man das ferne Singen des Drachen. Oder ist es ein Weinen? Niemand weiß das Geräusch zu deuten, das mitunter nachts aus der Wüste zu den Menschen herüberweht. Es gibt Leute, die sagen, es sei das Singen des Sandes. Wenn nämlich der Wind die feinen Körnchen vor sich hertreibt und sie sich gegeneinander reiben, dann erzeugen sie ein leises Geräusch, das wie ein fernes Singen klingen mag, und wenn ein Sturm wütet, kann es mitunter zu lautem Donnergrollen anschwellen. Aber es gibt auch Leute, die sagen: Es ist der Drache vom Herzberg.

 

Der Wolf

Vor langer, langer Zeit wurden die Uiguren von einem Volk aus dem Osten angegriffen. Sie versuchten sich zu wehren, doch ihr Heer war klein. Die Feinde waren ihnen weit überlegen, es waren ihrer so viele, dass das ganze Land von Feinden überschwemmt zu sein schien. Sie stürmten voran und töteten viele Uiguren, so dass diese am Ende die Flucht ergriffen. Sie flohen in Richtung Westen, sie liefen und liefen, rannten um ihr Leben und erreichten schließlich einen Wald. Hier glaubten sie Schutz zu finden, doch der Wald war sehr dunkel, die Bäume standen dicht bei dicht und ließen kein Sonnenlicht durch. Es war unheimlich. Die Uiguren bekamen es mit der Angst zu tun. Ein Wispern in den Wipfeln, ein Rauschen in den Kronen, ein Knacken am Waldboden – überall schienen unsichtbare Wesen zu lauern, überall Gefahr, überall undurchdringliche Finsternis. Sie liefen immer weiter, immer tiefer in den unbekannten, unendlichen Wald hinein. Sie verirrten sich, fürchteten sich, glaubten, nie wieder aus dem unheimlichen Dunkel herauszufinden. Schon hörten sie die Verfolger näherkommen, mal hier, mal da, aus allen Richtungen kamen sie. Die Uiguren wussten nicht, wie es weitergehen sollte. Sie würden sich ergeben müssen, würden getötet oder in die Sklaverei verschleppt werden und dann würde ihr Volk für immer ausgelöscht sein.

Da plötzlich tauchte wie aus dem Nichts ein Wolf vor ihnen auf. „Folgt mir“, sagte er zu den Flüchtenden und sie folgten ihm. Der Wolf führte die Uiguren sicher durch den großen, dunklen Wald und schließlich in ein wunderschönes Tal mit weitem, duftendem Grasland, mit Blumen und sprudelnden Bächen. Es waren da Berge und Ebenen, Sonnenlicht und fruchtbare Erde. Der Wolf sagte: „Hier seid ihr in Sicherheit. Hier könnt ihr bleiben.“ Dann kehrte er in den Wald zurück und wurde nicht mehr gesehen. Nur in sehr stillen Vollmondnächten hört man gelegentlich sein Heulen, aber es schreckt die Menschen nicht, denn seit jener Zeit gilt der Wolf als Beschützer der Uiguren.“

 

Bemerkenswert:

Der Wolf gilt den Uiguren als Beschützer, für die Chinesen ist er ein böser Räuber, eine Gefahr.

Der Drache gilt bei den Chinesen als Glücksbringer, für die Uiguren ist er böse und gefährlich.

 

 

Die Höhle von Tuyuk

Zu der Zeit, als sich der Islam von Westen her nach Osten ausbreitete, kamen einst sieben muslimische Prediger in die Stadt Kocho[1], die in einer wunderschönen, fruchtbaren Oase am Nordrand der Wüste liegt. Seit vielen Jahrhunderten waren der König von Kocho und sein Volk treue Anhänger des Buddhismus und sie wollten nichts von einer neuen Religion wissen. Deshalb ließ der König die sieben Männer und den Hund, der sie begleitete, aus der Stadt vertreiben und schickte ihnen seine Soldaten nach.

Die Prediger hatten einen sehr langen Weg hinter sich. Sie waren monatelang mit Karawanen über die Seidenstraße gewandert, manchmal auf Kamelen geritten, hatten hohe Berge überwunden und öde Landschaften durchquert. Sie hatten klirrende Kälte und brennende Wüstensonne ertragen, weil sie überzeugt waren, dass Allah sie ausgesandt hatte, um die Menschen im fernen Land des Ostens zum rechten Glauben zu bekehren. Jetzt waren sie müde und erschöpft und wären gern geblieben, um die Bewohner von Kocho in den Lehren des Korans zu unterweisen. Doch der König duldete kein Verweilen. Er wies seine Soldaten an, sie fortzujagen und nicht aus den Augen zu lassen, ehe sie nicht sein Reich verlassen hatten. Sollten sie sich widersetzen, würden sie keine Gnade zu erwarten haben.

So eilten die sieben frommen Männer aus der Stadt und wanderten weiter über staubige Straßen und Pfade in die schützenden Berge hinein. Sie hatten kaum noch Kraft zum Laufen, ihre Füße waren wund und schmerzten, ihre Herzen waren krank vor Kummer, aber die Soldaten kamen näher und näher. „Allah, hilf!“, riefen sie in ihrer Not. „Gib uns eine Zuflucht, Herr“, beteten sie, während ihre geschundenen Füße über das rotsandige Geröll hasteten und ihre Kehlen vom quälenden Durst brannten. „Allah, schütze uns!“ Da tat sich vor ihnen am Berghang eine Höhle auf. Die Männer und ihr Hund schlüpften hinein, kauerten sich auf den Boden und sahen erstaunt zu, wie sich aus Spinnenweben ein dichter Vorhang vor den Höhleneingang legte. Er wurde so dick und fest, dass kein Licht mehr eindrang. Die Männer legten sich nieder und schliefen ein.

Draußen irrten die Soldaten umher, weil sie die Flüchtenden nicht mehr sehen konnten. Gerade noch waren sie ihnen auf den Fersen gewesen, nun war keine Spur mehr von ihnen zu finden. Was sollten sie dem König melden? Waren die Männer tatsächlich fort? Hatten sie sich in Luft aufgelöst und würden eines Tages wiedererscheinen? Hatten sie sich versteckt und planten einen Hinterhalt? Das konnte nicht sein, denn sie waren am Ende ihrer Kräfte gewesen. Vielleicht waren sie in eine Schlucht gestürzt und tot. Nach langem Suchen, machten sich die Soldaten auf den Rückweg in die Stadt und niemand hörte mehr etwas von den sieben Predigern und ihrem Hund.

Die Jahre vergingen. Eines Tages erwachten die sieben Männer aus ihrem Schlaf. Sie schauten sich in der dunklen Höhle um und wussten zunächst nicht, wo sie waren, doch dann erinnerten sie sich an ihre Flucht vor den Soldaten des Königs und fragten sich, ob die Gefahr wohl vorüber sei und sie versuchen sollten, einen Blick hinaus zu werfen, denn sie spürten großen Hunger und wollten gern etwas zum Essen kaufen. Einer von ihnen bohrte mit den Fingern ein Loch in den Vorhang. Es war helllichter Tag und die Sonne schien warm vom Himmel herab. Da hielten sie Rat und beschlossen, dass einer von ihnen aus der Höhle schleichen und die Lage erkunden sollte.

Der Mann stieg ins Tal hinab und fand nach einer Weile ein Dorf namens Tuyuk. Die Leute sahen ihn erstaunt an, aber niemand schien ihm Böses zu wollen und so ging er weiter, bis er den Basar erreichte. Hier herrschte seltsames Treiben. Die Menschen verhielten sich nicht so, wie er es gewohnt war. Sie trugen andere Kleidung, als er es in Kocho gesehen hatte, und überhaupt wirkte alles sehr fremd. Als er zu einem Bäcker kam, wählte er einige Brote und reichte dem Verkäufer eine Münze. „Was ist denn das?“, rief dieser überrascht. „Seht mal, Leute, womit dieser Mann mein Brot bezahlen will!“ Von allen Seiten kamen Neugierige herbeigelaufen. „Das muss uralt sein“, meinte einer. „Solches Geld habe ich noch nie gesehen“, sagte ein anderer. Die Münze ging von einer Hand zur anderen. „Woher hast du das?“, wollten alle wissen und der Prediger wunderte sich, denn es war doch das Geld, das alle Leute hatten, als er vor einiger Zeit in Kocho angekommen war. „Schaut“, rief ein alter Mann mit weißem Bart. „Seht ihr die Zeichen hier? Diese Zeichen müssen sehr, sehr alt sein. Ich habe einmal von solchen Zeichen gehört.“

Da fragten die Leute den Fremden, woher er gekommen und seit wann er in Tuyuk sei, und der Mann nannte die Jahreszahl: Dreihundert Jahre waren vergangen! Die sieben Prediger und ihr Hund hatten dreihundert Jahre lang geschlafen. Alle Bewohner von Tuyuk, Kocho und dem ganzen Land waren schon vor langer Zeit zum Islam übergetreten. Es waren andere Prediger gekommen und ein anderer König hatte ihnen zugehört.

Die Leute von Tuyuk begleiteten den Fremden zu der Höhle am Berghang, in der er mit seinen Kameraden dreihundert Jahre lang geschlafen hatte, und alle hießen die sieben Männer und ihren Hund willkommen. Fortan wurden sie wie Heilige verehrt, weil Allah sie unter seinen ganz besonderen Schutz gestellt hatte.

Sie lebten noch viele weitere Jahre, und als sie eines Tages in hohem Alter starben, bestattete man sie bei der Moschee von Tuyuk, wo ihre Gräber noch heute zu sehen sind.

  

Anmerkung:

Diese Geschichte gibt es in unterschiedlichen Versionen.[2] Eine christliche Legende erzählt von sieben Christen, die sich zur Zeit des römischen Kaisers Decius in einer Höhle in Ephesus versteckten, weil sie wegen ihrer Weigerung, heidnischen Göttern zu opfern, verfolgt wurden, und etwa zweihundert Jahre lang schliefen. Im Koran (Sure 18, Vers 9-26) wird von Jünglingen berichtet, die ebenfalls auf der Flucht vor Glaubensverfolgung Zuflucht in einer Höhle suchten und dort 309 Mondjahre hindurch schliefen. Diese Höhle könnte – je nach regionaler Version der Legende – in Jordanien, in Nordafrika oder eben in Tuyuk in der Turpan-Oase liegen. 



[1] Gaochang

[2] https://de.wikipedia.org/wiki/Sieben_Schl%C3%A4fer_von_Ephesus#Die_Legende