Nijat Hushur und seine Kunst

Nach einem Konzept von Christoph Poche

 

Nijat Hushur ist ein „Wanderer zwischen den Welten“. Geboren wurde er 1969 im Autonomen Gebiet Xinjiang im Nordwesten Chinas, der Heimat der Uiguren. Schon als Kind hatte für ihn außer Frage gestanden, dass er Maler werden würde, denn nichts faszinierte ihn so sehr wie das Abmalen und Zeichnen der Dinge, die ihn umgaben. Nach der Schulzeit erhielt er dann  seine erste künstlerische und kunstpädagogische Ausbildung. Am Anfang standen die Prinzipien einer traditionellen, akademischen Ausbildung des künstlerischen Nachwuchses, die besonders das Beobachten und Wiedergeben von gegenständlichen Gegebenheiten der Wirklichkeit betont. In diese Phase fallen in der Malerei Hushurs Darstellungen des kulturellen, uigurischen Umfeldes, die mit lichtvollen Farben ländliche und dörfliche Szenerien schildern.

Auf seinen Reisen durch die Oasen seiner Heimat entdeckte er in den Bewohnern, zumeist Männern mit faltigen, sonnengegerbten Gesichtern, die Züge einer natürlichen, unverdorbenen Menschlichkeit, die er in seinen Porträt-Zeichnungen eindrucksvoll wiederzugeben verstand.

Im Rahmen eines akademischen Austauschprogramms kam Nijat Hushur 2005 als Gastwissenschaftler an die Universität der Künste in Berlin. Dieser erste Aufenthalt in Deutschland brachte einen ganz neuen Impuls: die Begegnung mit der abstrakten Malerei, die sich völlig von der Bezugnahme auf Externes befreit hat. Eine solche Haltung und die damit verbundenen, immensen Möglichkeiten beeindruckten ihn sehr, und er begann zu experimentieren. Fasziniert von der ihm bis dahin völlig unbekannten Freiheit im Leben, Denken und Malen nahm er 2006 ein reguläres Studium der Freien Kunst auf, das er 2010 als Meisterschüler abschloss. Im Anschluss daran absolvierte er den Masterstudiengang „Kunst im Kontext“, ebenfalls an der UdK. Während der vielen Jahre des Studiums in Berlin verbrachte er jeweils etwa die Hälfte der Monate in Xinjiang, um dort als akademischer Kunstlehrer das Erlernte weiterzugeben. Auch verfasste er in diesem Zusammenhang auf Chinesisch ein Lehrbuch über Maltechniken, so wie er sie an der UdK kennengelernt hatte.

 

Nach einem mühevollen Weg durch die überwältigende Fülle der neuen technischen, intellektuellen und künstlerische Eindrücke und Möglichkeiten fand Nijat Hushur allmählich zu seinen ganz eigenen Ausdrucksformen: Er verbindet in seiner Kunst Elemente der chinesischen, der uigurischen und der westeuropäischen Kultur. Gleichzeitig bewegt sie sich in einem Grenzgebiet zwischen Referenz und Abstraktion, wobei seine Bildkunst einerseits die Freiheit rein abstrakter Farbkompositionen anstrebt, andererseits aber Erinnerungsspuren an die Landschaft seiner Heimat die Bildstrukturen organisieren. Hier spielt vor allem die zentralasiatische Sandwüste Taklamakan, die einen großen Teil Xinjiangs einnimmt, eine besondere Rolle. So finden sich in seinem Oeuvre motivisch immer wieder die kahlen, erdfarbenen Bergrücken und staubigen Ebenen der Wüste, aber auch als Gegenpol das lebendige Grün und die gesteigerte Farbigkeit der Oasen mit ihrem Baumbestand. Darüber hinaus untersucht Hushur in vielen seiner Arbeiten durch Ausschnitt-Wahl das Verhältnis von Mikro- und Makrostrukturen sowie die Parallelität von Formbildungen in der Natur und im Verhalten der Malmittel während des Herstellungsprozesses der Bilder.

Viele von Nijat Hushurs Arbeiten entstehen in einer eigentümlichen Mischtechnik, wobei er Acryl-Malerei mit Collage-Elementen anreichert, indem er Papierstücke – meist chinesisches Reispapier – auf die Leinwände aufkaschiert. Mal bleibt das Papier naturfarben, mal wird es in vorgängigen Arbeitsschritten auf vielfältigste Weise eingefärbt – teilweise mit Verfahren der traditionellen, chinesischen Tusch-Malerei, teilweise mit Marmorier-Techniken oder auch einfach als Aquarell. Hushur liebt es, den Materialien viel Freiheit einzuräumen, zu experimentieren: zum Beispiel die Farben laufen zu lassen, zu tropfen, sie aufzutragen in großen Pfützen, um anschließend interessiert zu beobachten, welche Strukturen sich beim Antrocknen wie von allein herausbilden. Auf diese Weise entstehen scheinbar aus dem Zufall heraus Kompositionen, die den natürlichen Prozessen der Maltechnik folgen, die aber im Grunde unbewusste Visionen des Künstlers zum Ausdruck bringen. Daher glaubt der Betrachter in den Farben und Strukturen seiner Bilder häufig reale Formen zu erkennen.

 

So scheinen noch heute in Nijat Hushurs Malerei die Farben der Wüste, die Profillinien der Berge und die charakteristischen Erscheinungsformen der Birken und Pappeln in den Oasen als Gedächtnisspuren mit der gegenstandslosen Malerei des Westens zu verschmelzen. Deshalb sind seine Bilder ein wunderbares Beispiel dafür, wie harmonisch sich verschiedene Kulturen gegenseitig bereichern können.

 

Siehe hierzu:  Nijat Hushur im Bild

                          Zeichnungen im Bild