Toghrak

Ingrid Widiarto

 

Der Wind wehte schon seit Tagen mit ungewohnter Heftigkeit über das ausgedorrte Land und rüttelte an den dürren Ästen des alten Toghrak-Baumes[1], der das spärliche Buschwerk um ihn herum wie ein uralter Riese überragte. Die Blätter seines letzten noch lebenden Astes würden sich nicht mehr lange halten können. Bald schon würden sie erbarmungslos in die weite Einsamkeit der Wüste fortgewirbelt werden.

So wie an diesem Tag hatte der Wind bereits Jahrtausende lang über die Wüste hinweggefegt und seine unaufhaltsame Kraft hatte den alten Baum zu einem bizarren, gräulich-braunen Gerippe werden lassen, das alle seine Zweige in die gleiche Richtung streckte, als wollte es vor dem Wind fliehen.

 Aber Bäume können nicht fliehen. Bäume haben ihren Platz in der Erde und im Weltgeschehen und sind allen Stürmen der Wüste und der Zeit schutzlos ausgesetzt. Sie können ihre Zweigen recken und strecken, wie sie wollen, aber fortlaufen können sie nicht.

Doch er war stark, der alte Toghrak-Baum am Rande der Wüste Taklamakan. Er stand schon seit vielen hundert Jahren dort, wo einst ein Same Feuchtigkeit zum Keimen gefunden hatte, und trotzte furchtlos und schweigend Wind und Sandstürmen, wie kein anderes Lebewesen es vermocht hätte. Niemand hätte zu sagen gewusst, wie alt er war, aber er hatte Zeiten gesehen, als er noch nicht so einsam und das Land noch nicht so ausgetrocknet gewesen war. Es hatte einen kleinen Wald gegeben und Menschen, die in der Nähe lebten und Felder bestellten. Kinder waren gekommen und hatten an seiner Rinde nach Salzklümpchen gesucht, an denen sie dann lachend leckten oder sie in einem Beutel sammelten, damit ihre Mütter das Brot damit würzen konnten. Es war eine andere Zeit gewesen. Damals hatten noch Käfer in seinen Ästen gesummt und seine Samen zu den weiblichen Bäumen getragen.

Jetzt gab es keine anderen Bäume mehr, nur ein paar abgestorbene Stümpfe standen hier und da, sonst nur trockenes Gesträuch und ein paar ärmliche Pflanzen, die tapfer weiter um ihr Überleben kämpften. Er, der alte Toghrak-Baum, trug nur noch an einem einzigen seiner Äste Blätter. Die meisten Zweige waren ebenso leblos wie die Stümpfe im Sand, manche waren abgebrochen und lagen als totes, graues Gewirr um seinen Stamm, doch dieser eine Ast hatte noch die Kraft, in jedem Frühling neuen Saft durch seine Adern fließen zu lassen und Knospen zu bilden. Und wenn die Knospen sich dann zu Blättern entfalteten, dann konnte man sehen, was für ein sonderbares Wesen dieser Baum war, denn seine Blätter waren eine einzigartige Kuriosität der Natur.

Ein Mann setzte sich zwischen das heruntergefallene Geäst am Boden und lehnte seinen Rücken gegen den breiten Stamm des alten Toghrak-Baumes. Auch er war alt. Die Haut seines sonnengegerbten, von tiefen Falten durchfurchten Gesichts glich der schrundigen Rinde des Baumes, unter dem er schon so oft gesessen hatte. Er kannte ihn wie sich selbst. Er kannte ihn seit seiner Kindheit, hatte als Junge in seinen Ästen geklettert, denn auch damals schon war er der größte Baum des Wäldchens gewesen und hatte seine knorrige Krone vor dem Wind gebeugt.

Der alte Mann kam gern hierher, denn hier fand er Trost, wenn er sich einsam fühlte. Früher, als noch Leben im Dorf geherrscht hatte, war keine Zeit gewesen, sich unter einen Baum zu setzen und nachzudenken. Da hatte es immer Arbeit gegeben: Felder bestellen, zum Basar fahren, den kleinen Hof und die Schafe versorgen... Nachbarn waren gekommen, hatten Neuigkeiten gebracht und über politische Unruhen gesprochen, Kinder hatten gelärmt und Frauen gelacht, alles war wichtig gewesen, mühevoll, aber bunt und vielfältig. So vielfältig wie die Blätter des Toghrak-Baumes, sinnierte er und schaute in das Laub des mächtigen Astes über ihm. Die unteren Blätter waren schmal wie Lanzetten, aber da waren auch andere, längliche mit Zacken und ovale oder gelappte, manche mit vielen kleinen oder wenigen breiten Spitzen und nach oben hin wurden sie immer runder, denn die obersten Blätter hatten die Aufgabe, die anderen vor dem heißen Sonnenlicht zu schützen. Kein Blatt war wie das andere und sicher hatte jedes einzelne von ihnen eine bestimmte Aufgabe, ebenso wie alle Menschen im Dorf eine Aufgabe hatten und nur zusammen eine funktionierende Gemeinschaft bilden konnten. So sollte es sein, dachte der alte Mann, so wie damals. Der eine half dem anderen. Was der eine nicht konnte, konnte der andere, und so hatten sie alle Schwierigkeiten gemeistert.

Denn Schwierigkeiten hatte es viele gegeben.

In der Zeit der Kulturrevolution war es besonders schlimm gewesen. Da hatten alle unter den irrwitzigen Regeln des Regimes gelitten. Nicht nur die Uiguren hier im Westen, sondern alle Menschen überall in China. Später war dann eine bessere Zeit gekommen, ein Hauch von Freiheit hatte das Land aufatmen lassen. Die Bauern bekamen wieder ein Stück Land zur eigenen Bewirtschaftung und durften ihre Erträge auf dem Basar verkaufen. Sie durften wieder singen und lachen und die Frauen trugen bunte Kleider statt der tristen Einheitsanzüge. Die Männer durften in die Moschee gehen und beten, wie es der Koran verlangte. Sein eigener kleiner Hof florierte, er hatte Schafe gehabt und hier in der Nähe des alten Baumes hatten sie gute Kräuter und saftige Blätter gefunden. Manchmal war er zum Viehmarkt in die nahe Stadt gegangen. Viele Männer kamen dorthin, weil sie ein Tier kaufen oder verkaufen oder einfach nur dabei sein wollten. Vielleicht wurde ja der Viehmarkt noch immer abgehalten, aber in seinem Dorf lebte jetzt kaum noch jemand. Einige der alten Lehmhäuser verfielen bereits.

Es war Nachmittag geworden. Der Wind hatte ein wenig nachgelassen und dem alten Mann fielen die Augen zu. Man darf die Augen nicht vor allem verschließen, sagte er sich, wie er es oft in seinem Leben getan hatte. Aber nun war er alt, niemand brauchte ihn noch und er brauchte nur noch Ruhe. Seine Frau war schon vor langer Zeit gestorben. Sie hatte eine seltsame Blutkrankheit gehabt. Manche Leute meinten, es habe an der Strahlung aus dem Atomwaffentestgebiet gelegen, aber das hatten die Behörden stets bestritten. Sein Sohn und dessen Frau waren wie so viele andere als Wanderarbeiter fortgegangen, irgendwohin in die großen Städte des Ostens. Der alte Mann wusste nicht, wo sie waren, denn eine Heimfahrt zu den Festtagen hatten sie sich nie leisten können. Der Enkel war bei ihm zurückgeblieben, weil er nur in seinem eigenen Heimatdorf das Recht hatte, eine Schule zu besuchen. Viele Wanderarbeiterkinder blieben deswegen bei den Großeltern und kannten ihre Eltern kaum. Aber anders ging es nicht, denn irgendwie mussten sie ja ihr Geld verdienen. Jetzt war der Junge schon erwachsen und arbeitete für die Polizei. Fast alle jungen Männer aus dem Dorf gingen zur Polizei, weil sie nirgendwo sonst Arbeit finden konnten. Als Bauer konnte man nicht mehr überleben, weil die Felder zu wenig Wasser bekamen. Der Grundwasserspiegel war in den letzten Jahren so stark gefallen, dass die alten Brunnen nicht mehr tief genug waren und selbst die mächtigen Wurzeln der Toghrak-Bäume es nicht erreichten. Die großen Staatsbetriebe mit ihren riesigen Baumwollplantagen, die all das Wasser verbrauchten, das früher die Gärten zum Blühen gebracht und das Getreide hatte gedeihen lassen, stellten keine uigurischen Arbeiter ein. Dort durften nur Chinesen arbeiten. Ebenso in den Fabriken oder bei der Erdölförderung. All die großen Unternehmen wollten keine Uiguren haben und deshalb verschrieben sich so viele junge Leute der Polizei.

Dem alten Mann war nicht wohl bei diesem Gedanken. Zwar hatte der Junge jetzt ein Auskommen, aber – und das machte seinem Großvater wirklich Sorgen – er würde Uiguren festnehmen müssen. Es wurden ja immer nur Uiguren festgenommen, wenn irgendwo etwas passiert war. Nie Chinesen. Und außerdem schickte man die jungen Polizisten aus, um die Leute zu bespitzeln und sinnlose Vorschriften durchzusetzen, welche die Uiguren in ihrer Lebensweise einschränkten, etwa weil sie nicht so oft zur Moschee gehen durften, keinen Schleier tragen, weil der Bart zu lang war, dies und das. Die Regeln wurden immer strenger, immer dummer. Er wusste, dass die Verfassung etwas ganz anderes vorsah, nämlich Mitbestimmung und Autonomie für die Minderheiten, doch niemand hielt sich daran. Immer bekamen die Chinesen Recht, selbst wenn sie im Unrecht waren. Doch wer das laut aussprach, kam ins Gefängnis. Auch seinen Sohn hatten sie eine Zeit lang eingesperrt, damals, ehe er mit seiner Frau fortgegangen war. Er hatte sich geärgert, dass sein Kind in der Schule nur etwas über China lernte und nichts über die Geschichte seines eigenen Volkes, und nun war dieses Kind erwachsen und selbst Polizist geworden und würde andere Uiguren verhaften... Nein, die Zeiten waren nicht gut. Der alte Mann war froh, dass er alt war und das Leben den Jungen überlassen konnte. Es sah düster aus für sein Volk. Wo war die Hoffnung geblieben? Die Uiguren wurde von der Übermacht der Chinesen überrannt wie die Städte der Vergangenheit vom Wüstensand. Kein Wunder, sagte sich der alte Mann, kein Wunder, wenn man die Bäume absterben lässt, so dass sie die Erde nicht mehr halten können und die Dünen sich immer weiter ausbreiten. Sie kamen dem Dorf schon bedrohlich nahe und wenn der Wind weiter so blies wie seit Tausenden von Jahren, dann würde auch sein Dorf bald unter Sand verschüttet sein. Sein Dorf und sein Volk!

Obwohl der Wind noch immer an den Ästen zerrte, fühlte sich der alte Mann im Schatten des breiten Stammes geschützt. Er war wie er. Er war wie der Baum, hatte alle Unbilden des Lebens hingenommen und war nie fortgegangen, denn auch seine Wurzeln lagen hier. Sein Volk hatte ebenso starke Wurzeln wie der Toghrak-Baum, der sie nicht nur in die Tiefe, sondern auch horizontal in alle Richtungen auszustrecken vermochte. Erstaunlich weit konnte er sie wachsen lassen, um irgendwo nach Wasser zu suchen, und wenn sie eine fruchtbare Stelle fanden, konnten sie sogar dort neue Triebe bilden und sich fortpflanzen. Nicht einmal das Salz, das unterirdische Ströme und Schmelzwasser aus den Bergen mit sich brachten, konnte einen Toghrak aufhalten, solange es nicht überhandnahm: Er schied es einfach über die Rinde wieder aus. Man muss schlau und genügsam sein, wenn man in der Wüste überleben will, sagte sich der alte Mann, die Bäume ebenso wie die Menschen. Er wusste nicht, wie alt sein Baum war, aber vielleicht hatte er ja schon jene Zeit erlebt, als die Seidenstraße durch dieses Land geführt hatte. Karawanen und Händler hatten damals Reichtum und fremdes Wissen gebracht und buddhistische Mönche hatten Klöster gebaut und wundervolle Bilder an Höhlenwände gemalt. Es musste eine schöne, aufregende Zeit gewesen sein. Viel wusste er nicht über diese Dinge, aber er hatte von den Archäologen gehört, die vor hundert Jahren hier gewesen waren, um die Höhlen zu erforschen und Kunstwerke und geheimnisvolle Schriftrollen mit in ihre Heimatländer zu nehmen. Vielleicht war es ja gut so, denn später hatte die Kulturrevolution alles zerstört, was alt und schön war...

Für einen Moment öffnete der alte Mann die Augen und schaute um sich. Es würde bald dunkel werden. Die Sonne stand schon tief und der Wind blies nicht mehr gar so heftig, aber er mochte nicht aufstehen und nach Hause gehen. Hier fühlte er sich wohl. Hier fühlte er sich selbst wie ein alter Baum, der bleibt, wo er ist, und vor nichts davonläuft. Er schaute hinauf zu den wunderlichen Blättern seines alten Freundes. Früher als Kind hatte er sie gesammelt und miteinander verglichen und sich gefragt, ob es wohl irgendwo auf der Welt auch andere Bäume gäbe, die so unterschiedliche Blätter hervorbringen konnten. Färbten sie sich nicht bereits ein wenig gelb? War denn der Herbst schon nahe? Das Laub der Toghrak-Bäume konnte ein wunderschönes Goldgelb und Orange annehmen, wenn der Sommer vorüber war und die herbstliche Sonne ihre Farben zum Leuchten brachte, so strahlend schön, so wunderschön... So schön wie die uigurischen Frauen, dachte der Alte und sah in seiner Erinnerung das junge Mädchen vor sich, das er einest geheiratet hatte. Sie war so schön gewesen, hatte gelacht und ihr schwarzes Haar hatte ihn beim Tanz gestreift wie ein leiser Windhauch.

Eine bleierne Müdigkeit senkte sich auf den alten Mann, aber dennoch gingen seine Gedanken noch einmal zurück zu jener Zeit, als er ein junger Mann gewesen war. Ein junger Mann, der die kommunistische Volksbefreiungsarmee mit Begeisterung empfangen hatte, wollte sie doch die Menschen von den Unberechenbarkeiten der Kuomintang-Regierung erlösen. Alle Leute im Dorf hatten der Zukunft mit Erleichterung entgegengesehen – aber nur für kurze Zeit. Denn allzu bald schon hatte sich gezeigt, dass nichts besser wurde. Im Gegenteil: Sie mussten schuften und darben für ideologische Unsinnigkeiten, die kein Bauer verstehen konnte. Sie mussten Maos Sprüche auswendig lernen, anstatt auf die Natur zu hören, und wer sich nicht fügte, verschwand in irgendeinem fernen Umerziehungslager oder Gefängnis. Wer weiß das schon? Viele Männer waren für immer verschwunden geblieben.

 Wieder fielen dem alten Mann die Augen zu. Man darf die Augen nicht vor allem verschließen, sagte er sich noch ein letztes Mal. Es ist nicht recht, was man uns Uiguren antut. Es ist nicht recht, dass man unsere Natur zerstört und unsere Kultur in die Vergessenheit drängt. Aber wie sollen wir uns denn wehren, wenn wir wehrlos sind? Auch der Baum kann nicht vor dem Wind davonlaufen.

Der alte Mann war in der letzten Zeit oft sehr müde gewesen, doch an diesem Abend war seine Müdigkeit so groß, so allumfassend, dass er sich ihr ganz hingeben wollte. Er ließ sich in diese wohltuende, tröstliche Müdigkeit hineinsinken, nahm sie in sich auf und versuchte nicht länger, sich gegen sie zu wehren. Seine Lider wurden schwer, viel zu schwer, um noch länger die toten Stümpfe und abgebrochenen Zweige sehen zu mögen.

Der Toghrak-Baum würde im nächsten Jahr wieder Knospen treiben, aber er nicht. Er brauchte keine Knospen mehr, er hatte alles erlebt und gesehen, was es in diesem Leben zu sehen gab. Er sehnte sich nur noch nach Frieden und Stille, wollte sich im Schatten seines großen Freundes geborgen fühlen und einschlafen.

Der Wind hatte in der Dämmerung nachgelassen. Der alte Mann ließ seinen Kopf auf die Brust sinken und döste leise in sich hinein. Die Blätter über ihm raschelten kaum hörbar in der Abendbrise, als sängen sie ihm ein Abschiedslied. Und als der Oberkörper des alten Mannes ganz sachte zur Seite kippte und im trockenen Gezweig liegen blieb, hielt der Wind für einen Moment inne und hieß die Blätter schweigen. Auch die Sträucher und kleinen Pflanzen um ihn herum hielten den Atem an, denn der alte Toghrak-Baum trauerte um seinen letzten Freund.

Nach einer Weile begannen die wundersamen Blätter wieder zu rascheln und der Wind blies einen Hauch von feinem Wüstensand über die geschlossenen Augen des alten Mannes.



[1] Euphratpappel (Populus euphratica oder Pupolus diversifolia)