Mein Zellengenosse

Abduweli Ayup

 

Die erste Person, die es im Gefängnis nicht bös mit mir meinte, war Ämätqari, mein Zellengenosse. Er lehrte mich eine wichtige Regel:

Wie es unter Uiguren üblich ist, hatte ich ihn mit ‚Ässalam aleykum‘ begrüßt, als ich in die Zelle geschoben wurde, denn ich ging davon aus, dass alle uigurischen politischen Gefangenen Muslime sind, und dies ist unser alltäglicher Gruß. Er hatte nicht reagiert, nur stramm und ausdruckslos neben der Tür gestanden. Natürlich hatte ich nicht erwartet, dass man uns einander vorstellt, doch dass ein Uigure, der mit ‚Ässalam aleykum‘ begrüßt wird, die Antwort ‚Weeleykum ässalam‘ schuldig bleibt, das hatte mich doch sehr verwundert. Das war nicht nur unhöflich, sondern verletzt auch das eigene Ehrgefühl eines Moslems. Als die Zellentür wieder verriegelt und der Wärter fort war, setzte sich der Mann und blieb lange Zeit starr und mit versteinerter Miene sitzen wie eine leblose Buddha-Statue.

Währenddessen sah ich mich in meinem neuen Zuhause um: Die Luft war feucht und muffig. Es stank nach Schimmel, Urin und etwas anderem. An der Wand, über Eck, befand sich eine schmale Supä[1], die mich an eine Pistole erinnerte: der Lauf diente als Bett für den einen, der Griff für den anderen, und im Winkel, dort, wo der Abzug wäre, ragte ein Rohr mit Wasserhahn aus dem Boden. Darunter war ein Loch. Ob dieses Loch wohl auch als Toilette diente? Vielleicht kam der Gestank ja daher.

Plötzlich kam Leben in den Mann. Er hieß Ämätqari. Ämätqari sagte zu mir:

„Mein Bruder, du hast eben einen Fehler gemacht: Im Gefängnis darf man nicht ‚Ässalam aleykum‘ sagen. Hier heißt es:  ! – Hier! Du kannst froh sein, dass du keine Prügel bekommen hast. Vielleicht war der Wärter auch Moslem, oder weil du neu bist...“

Ich verstand.

Dann fragte er: „Hast du schon viele Prügel bekommen?“

Ich wünschte, er hätte es nicht gefragt. Ich wünschte, es würde niemals jemand danach fragen.

Ich möchte nicht darüber sprechen.

Ich möchte nicht daran denken.

Aber ich denke daran.

Auch wenn ich nie in einem Gefängnis war, wusste ich, dass da Prügel, Tritte und Grobheiten gang und gäbe sind und dass vor allem uigurische Gefangene schlecht behandelt werden. Damit hatte ich gerechnet, als man mich am Morgen von zu Hause fortschleppte. Aber was sie dann mit mir taten, das... Nein, das hatte ich nicht erwartet. Das hätte ich mir im Leben nicht vorstellen können.

 

Sie standen vor mir und grinsten. Einer der Aufseher, ein plattnasiger Chinese, befahl mir, alle Kleidung abzulegen. Alles! Nackt musste ich mich wie ein Esel auf alle Viere stellen und jemand schlug mir mit der flachen Hand auf den Po. Viele Male. Immer wieder. Es tat weh, aber der Schmerz war nicht das Schlimmste. Als ich einmal meine Hand nach hinten streckte, um mich zu bedecken, lachten alle laut auf. Sie lachten, weil ich mich schämte. Sie lachten höhnisch und böse und ich sehe noch immer diese widerlichen, lachenden Münder und höre noch immer ihr wieherndes Gelächter. Die Schläge schmerzten weniger auf meinem Gesäß, aber sie schmerzten unendlich tief in meinem Herzen.

Ich biss mir auf die Lippen, bis sie bluteten. Ich wollte nicht stöhnen, nicht schreien. Sie sollten keinen Laut von mir hören. Sie sollten nicht noch einmal lachen...

Und dann lachten sie doch noch einmal:

Nach einer Weile musste ich mich aufrichten, kerzengerade stehen, Hände an die nicht vorhandene Hosennaht! Sie überschütteten mich mit allen chinesischen Schimpfwörtern, die es gibt oder die sie selbst erfanden. Ich hatte solche Wörter noch nie gehört.

Ich hätte überhaupt nicht gedacht, dass Menschen so sein können. Es war mir unvorstellbar, wie diese Männer sich an meiner Nacktheit, an meiner Hilflosigkeit und Demütigung ergötzten. Unvorstellbar... Wut und Scham zerfressen mich von innen her. Ich will mit den Händen mein Geschlecht bedecken, aber sofort schreit die Plattnase:

„Hände weg!“ Sein Knie stößt zu.

Ich krümme mich vor Schmerz.

„Gerade stehen!“

Alles in mir verkrampft sich.

Sie spucken weiter mit Schimpfwörtern und Schmähungen auf mich ein.

„Spring!“

Ich denke, ich höre nicht richtig.

„Springen sollst du!“

Es setzt ein paar schallende Hiebe.

Die Plattnase ist so blasshäutig wie ein Leichentuch. Augen wie Schlitze und eine hässliche platte Nase.

„Kannst du nicht höher springen? Los, zeig, was du kannst.“

Nachdem sie genug von meinem Springen hatten, musste ich mich vornüber beugen und jemand schaute mir mit höchster Gründlichkeit in alle Öffnungen und in jede verborgene Stelle meines Körpers. Was sollte ich wohl an oder in mir versteckt haben? Sie beguckten und betasteten alles. Als ob sie eine Nadel im Heuhaufen suchten. So etwas Menschen-Erniedrigendes hätte ich selbst in diesen furchtbarsten Minuten meines Lebens nicht für möglich gehalten.

Endlich gaben sie sich zufrieden, beendeten die Untersuchung und einer von ihnen warf mir ein Bündel grauer Gefängniskleidung vor die Füße. Ich nahm es auf. Uff! Endlich etwas, um meine Blöße zu bedecken! Noch ehe jemand „Anziehen!“ brüllen konnte, hatte ich schon die Hose übergestreift. Gott sei gedankt für diese grässliche, graue, kratzende Gefängniskleidung!

 

Ämätqari sah mich nachdenklich an. Ich weiß nicht, ob er noch immer auf eine Antwort wartete. Ich gab ihm keine, doch vermutlich kannte er sie ja selbst. Sicher war es mir nicht schlimmer ergangen als allen neuen Häftlingen. Reine Routine. Oder eine willkommene Abwechslung im langweiligen Gefängniswärter-Alltag.

     Er fragte nicht weiter und ich setzte mich auf den freien Teil der Supä, auf den Pistolenlauf.

„Bist du schon lange hier?“

„Sieben Monate.“

Sieben Monate! Unvorstellbar, dass ein Mensch es hier sieben Monate aushalten konnte. Wie war es möglich, das zu überleben?

Kaum hatte Ämätqari geantwortet, erschallte eine schrille chinesische Stimme aus dem Lautsprecher an der Decke:

„Halt die Schnauze! Sonst komme ich und mach sie dir zu!“

Viel Zeit verstrich und wir blieben schweigend nebeneinander sitzen. Als am Abend das Licht ausging und die Augen nichts mehr zu sehen hatten, schien der Gestank noch stärker zu werden. Dennoch legten wir uns so, dass sich unsere Köpfe im Eck neben dem Toilettenloch berührten und wir uns leise ins Ohr flüstern konnten.

Ämätqari kannte Kashgar, war aber in Qarghiliq[2] verhaftet worden, weil er dort Kindern Islamunterricht gegeben hatte. Er war jung verheiratet und hatte erst vor kurzem ein erstes Kind bekommen. Als ich ihm erzählte, dass ich wegen der Gründung eines muttersprachlichen Kindergartens verhaftetet worden war, meinte er:

„Ach, dann wirst du bald wieder frei kommen. Ich hab noch nie gehört, dass jemand wegen der uigurischen Sprache verurteilt wird. Das ist doch nichts. Schlimmer ist, was mit Religion zu tun hat. Außerdem haben sie dir ja nicht die gelbe Gefängniskleidung für politische Gefangene gegeben, sondern die graue.“

Nein, sie hatten mich nicht als politischen Gefangenen eingestuft, aber ich war mir ganz sicher, dass es die Geheimpolizei aus Urumchi war, die mich festgenommen hat.

 

Am nächsten Morgen sprechen wir unsere Gebete, jeder für sich in seinem Herzen. Niemand darf es sehen oder hören, denn Beten ist im Gefängnis verboten. Ämätqari kennt den Koran und liest in Gedanken Sure um Sure. Ich beneide ihn, denn viele Texte kann ich nicht auswendig und bald fällt mir keiner mehr ein. Ich fühle mich leer. Alles beginnt in mir zu kribbeln. Was soll ich tun, damit die Zeit vergeht? Woran kann ich denken? Was wird werden? Ich muss auf meiner Supä sitzen, Stunde um Stunde, und vor mich hin oder in mich hinein starren. Die Zelle verwandelt sich in eine schwarze Tüte, die sich mir über den Kopf stülpt und mich am Atmen hindert. Ach, wenn ich doch nur den ganzen Koran auswendig gelernt hätte!

Als ich sieben Monate später nach Urumchi verlegt wurde, glaubte Ämätqari immer noch:

„Du wirst bestimmt bald freikommen. Sie haben dir nichts vorzuwerfen.“

Er sagte mir ein paar Worte, die ich nach meiner Entlassung seiner Frau ausrichten sollte. Sie dürfe ihn nicht besuchen, klagte er. Nur wenn sie sich von ihm scheiden ließe, könnte sie eine Besuchserlaubnis erhalten, aber das hatte sie abgelehnt und war mit dem Baby zu seinen Eltern aufs Dorf gezogen. Ämätqari hatte schon überlegt, selbst die Scheidung einzureichen, um wenigstens einmal  noch seine Frau und das Kind zu sehen.

Auf einer Tafel, die an der Wand unserer Zelle hing, stand klar und deutlich zu lesen, dass alle Häftlinge das Recht auf regelmäßige Besuche ihrer Verwandten haben, aber während der ganzen Zeit, die ich hier war, habe ich nie von einem Besuch gehört.

 

 Es dauerte fünfzehn Monate, ehe ich aus dem Gefängnis in Urumchi entlassen wurde.

Als es mir besser ging, machte ich mich eines Tages auf den Weg in das Dorf, in dem Ämätqaris Eltern lebten. Ich wollte seiner Frau die Worte ausrichten, die er mir mitgegeben hatte. In ihrem Haus traf ich niemanden an, aber jemand sagte mir, dass sie zu einer Veranstaltung im Hof des Parteihauses gegangen seien.

Schon von Weitem konnte ich Gesang hören, kommunistische Lieder. Als ich näher kam, trat mir ein schwarz gekleideter Mann mit einem Maschinengewehr im Arm entgegen und fragte, was ich hier wolle.

Ich habe gelogen. Ich schäme mich zutiefst, aber ich habe gelogen: Ich habe gesagt, ich sei ein Beamter aus der Kreisstadt und wolle mich nur ein wenig umsehen. Denn hätte ich gesagt, dass ich in den Hof wolle, hätte ich meinen Ausweis zeigen müssen. Er hätte beim Scannen erkannt, dass ich ein entlassener Häftling war, und vermutet, dass ich die Familie eines anderen Häftlings besuchen wollte. Das war gefährlich. Ich hatte nach meiner Entlassung schon mehrmals Ärger mit meinem Ausweis gehabt und musste unbedingt vorsichtig sein. Also ging ich weiter und blieb irgendwo am Gitterzaun stehen.

Es wurden Gruppentänze aufgeführt. Ich rief einen Jungen heran, der mit einem Stock in der Hand gelangweilt hin- und herlief, und versuchte, ihn ein wenig auszufragen. Gleich kämen die Einzelvorträge, erklärte er mir. Das seien dann die Familien, die auf der „schwarzen Liste“ stehen. – Aha!

„Kennst du die Familie von Ämätqari?“, fragte ich ihn so unauffällig wie möglich.

Er musterte mich von Kopf bis Fuß. Mit seinem dicken Stock, der ihm wie ein Gewehr über der Schulter lag, wirkte er wie ein bedrohlicher kleiner Soldat. Doch dann gab er mir mit den Augen einen Wink, hin zu einer alten Frau, die in diesem Moment gerade die Bühne betrat.

Sie musste älter als siebzig sein. Das Haar war grau, aber sie sah aus wie die chinesische Heldin einer Pekingoper: weiß geschminktes Gesicht mit roten Wangen, bunte Plastikblumen als Kopfputz und ein knallig rotes Gewand, das den Augen wehtat: Ämätqaris Mutter. Sie begann ins Mikrofon zu sprechen. Ihre Stimme zitterte. Mich schauerte.

Sie sagt: „Ich singe nun das Lied „Zeit der Freiheit“.

Einige Leute klatschen, aber die meisten gaffen sie nur schweigend an.

Ein paar Mal versucht sie zu singen, aber es kommt kein Ton heraus. Es geht nicht. Es geht nicht.

Sie fängt an, sich ins Gesicht zu schlagen.

„Warum bin ich nicht gestorben? Ach, wäre ich doch schon gestorben! Ich muss ja sowieso sterben, weil ich ein Mensch bin. Weil ich so einen Sohn geboren habe.“

Dann fängt sie an zu weinen.

Auch mir steigen Tränen in die Augen. Ich presse die Lippen aufeinander, so fest ich nur kann.

Nicht weit von mir steht der schwarze Mann mit seinem Maschinengewehr. Ganz nah...

Ich wende mich ab und gehe.

 

Aus dem Uigurischen von Nijat Hushur und Ingrid Widiarto

 



[1] ein Podest aus Holz, das als Sitzgelegenheit und Bett dient

[2] eine Stadt am Südrand der Wüste Taklamakan