Die Moschee von Keriya

 

Es war an einem Freitag. Männer strömten uns entgegen. Sie trugen eine Doppa auf dem Kopf, manche einen Gebetsteppich unter dem Arm und alle hatten sie es eilig. Vielleicht lockten die duftenden Rauchschwaden, die von den Grillständen des Basars herüberwehten, oder sie freuten sich auf den Nachmittag daheim, die Familie, das Gespräch mit Freunden und Nachbarn.

 

Wir erreichten die Moschee erst, als die Männer schon fort waren und der große, betonierte Vorplatz nahezu verwaist vor uns lag. Ganz an seinem Ende, zwischen einigen Pappeln, stand hoch und erhaben die berühmte Aitika-Moschee. Sie soll 1237 errichtet worden sein und war ab den 1980er Jahren aufwändig restauriert worden. Groß war sie. Und erstaunlich hoch. Aber auch die Moschee von Kargilik, die wir einige Tage zuvor gesehen hatten, war ähnlich groß und hoch gewesen und hatte mich wegen der kunstvollen Ornamente und arabischen Schriftzüge beeindruckt, mit denen die gesamte Frontseite überzogen war. Die Aitika-Moschee wirkte dagegen eher schlicht, sandfarben, doch aus der Nähe konnte man sehen, dass auch sie über und über mit Mustern verziert war. Nur waren diese Muster nicht blau und gelb und weiß wie in Kargilik, sondern einfarbig. Und wunderschön.

 

Es gibt sie nicht mehr, die Moschee von Keriya.
Bereits 2018 hatte man Berichte über die Zerstörung von Moscheen in Xinjiang gehört und angeblich sollten auch die von Kargilik und Keriya darunter sein. Ich hatte es nicht glauben wollen, denn selbst wenn die chinesische Regierung den Uiguren mit aller Macht ihre Religion austreiben will – trotz verfassungsmäßig garantierter Religionsfreiheit – konnte es doch gar nicht möglich sein, dass sie so alte, kunstgeschichtlich wertvolle Bauwerke vernichten lässt. Sie ist rigoros, aber nicht dumm, dachte ich. Bis vor kurzem. Denn dann sahen wir in einer BBC-Dokumentation Satellitenbilder, die ein junger, in Kanada lebender Chinese mit modernsten, technischen Mitteln ausgewertet hatte[1]. Eines zeigte den großen Platz von Keriya mit der Moschee, die wir vor einigen Jahren bewundert hatten, und ein anderes eine verwüstete, öde Schuttfläche – den gleichen Platz vor zwei Jahren und heute.

 

Hunderte von Moscheen wurden bereits zerstört, oft ohne vorherige Ankündigung, über Nacht. Plötzlich weg. Fotos dürfen nicht gemacht werden und das Internet wird so streng überwacht, dass praktisch nichts nach außen dringen kann. Doch auf ausländische Satelliten haben die Chinesen offenbar noch keinen Einfluss und so weiß ich nun, dass es wahr ist: Das beinahe 800 Jahre alte Bauwerk, das lange Zeit als schützenswerte historische und kulturelle Stätte gegolten hatte, ist zerstört worden. 

Warum? Damit die Uiguren nicht mehr beten können? Wenn man bedenkt, wie rasant sich China auf Europa zubewegt mit seinen Investitionen und immensen Bauvorhaben, dann kann einem schon mal das Grausen kommen.