Ramadan im Gefängnis

Abduweli Ayup

 

Ich war fünfzehn Monate in einem chinesischen Gefängnis, weil ich einen uigurischsprachigen Kindergarten für Drei- bis Sechsjährige gegründet hatte. Es war das erste Mal, dass ich einen Ramadan in Gefangenschaft verbrachte, ohne Fasten, ohne Beten und ohne Wudu[1], sondern mit dem Lesen kommunistischer Lehren, dem Singen roter Lieder und dem Aufsagen chinesischer Propagandasprüche. Es war für mich eine wahre Tortur, an all diesem Indoktrinierungskram nicht ein einziges Wort verändern konnte.

 

Als ich 2014 ins Gefängnis von Urumchi kam, wusste ich, dass in diesem Jahr der Ramadan am 28. Juni beginnen würde. An eine Wand unserer Gefängniszelle hatten die Häftlinge mit Fingernägeln einen Kalender eingeritzt und jede Nacht, wenn die anderen schliefen, löschte einer der beiden Wachhabenden das vergangene Datum in diesem Kalender. Das war eine begehrte Aufgabe. Manchmal gab es sogar Streit deswegen, denn es war immer ein erhebendes Gefühl, einen Tag wegstreichen zu können, bedeutete es doch, dass man seiner Freilassung um einen Tag nähergekommen war. Nur diejenigen, die zu lebenslanger Haft verurteilt waren, machten sich verständlicher Weise nicht viel aus dem nächtlichen Daten-Löschen.

   Ich erinnere mich gut an den Tag, als ich nachts um 1 Uhr zur Wache geweckt wurde. Als ich vor dem Kalender stand, sah ich plötzlich, dass jemand über den 28. Juni, also dem Beginn des Ramadans, einen Halbmond und darüber einen kleinen Stern gemalt hatte. Mich durchfuhr ein Riesenschreck. Die Zeichnung war zwar sehr klein und kaum erkennbar, aber was wäre, wenn ein Aufseher sie entdeckte? Oder die „drei Augen“? 

   Mein Herz begann zu rasen. Ich schaute mich zu den Schlafenden um. Es musste einer der Neuankömmlinge gewesen sein, denn niemand, der wie ich als „politisch gefährlich” eingestuft war und schon über ein Jahr Haft hinter sich hatte, hätte den Mut zu so etwas gehabt. Denn wo immer wir in unserer kleinen Zelle waren, jede unserer Bewegungen wurde von den ewig summenden „Augen” verfolgt. Keinen einzigen Schritt konnte man unbeobachtet tun.

   Am Abend vor dem Ramadan war ein Aufseher in die Zelle gekommen und hatte uns Uiguren gewarnt, in den kommenden Wochen zu fasten. Wir mit den orangefarbenen Anzügen, die uns als „Politische“ kennzeichneten, hatten sich auf den Boden knien müssen. Dann hatte er den chinesischen Gefangenen erklärt, was Fasten ist und wie man erkennt, ob jemand fastet. Er wiederholte es mehrere Male, weil ihnen so etwas ganz fremd war, und trug ihnen auf, uns in der kommenden Zeit genau zu beobachten.

   Früh am Morgen des 28. Juni erscholl aus den Lautsprechern das Lied „56 Volksgruppen sind wie 56 Rosen”, was bedeutete, dass heute Unterricht auf dem Programm stand, obwohl das an Wochenenden eigentlich nicht üblich war. Die Chinesen murrten und fluchten laut, die Uiguren sagten kein Wort. Das einzige Geräusch, das sie von sich gaben, war das Rasseln ihrer Fußketten.

   An diesem ersten Tag des Ramadans lauschten wir zuerst einer Rede, die aus dem Lautsprecher kam und erklärte, wie die Kommunistische Partei die Uiguren von brutalen muslimischen Herrschern befreit hatte. Wir waren neunzehn Häftlinge. Die meisten im Orange der uigurischen politischen Gefangenen und ein paar normale Kriminelle in olivgrüner Kleidung. Drei von ihnen gehörten der ethnischen Gruppe der Han-Chinesen an, die nach der chinesischen Besatzung 1949 in unser Land gekommen war. Wir Uiguren saßen eng zusammengedrängt am Boden, die Füße in Ketten, den Kopf kahlgeschoren und das Gesicht voll Traurigkeit, während die chinesischen Diebe und Drogentäter fröhlich auf ihrem Podest hockten oder sich sogar hinfläzten, miteinander tuschelten und sich von einem Ende zum anderen dumme Bemerkungen zuriefen.

   Anschließend sahen wir einen Fernsehfilm, in dem berichtet wurde, dass derzeit in Xinjiang viele illegale Gruppierungen den Ramadan missbrauchten, um das Gesetz des Staates zu brechen und der Kommunistischen Partei und dem nationalen Bildungssystem zu schaden.

   Gegen 10 Uhr kam der Wärter namens Wang herein. „Zählen!”, brüllte er. Da ich zuletzt die Nachtwache gehabt hatte, musste ich vortreten und ihm die Anwesenheitsliste übergeben. Er fragte, ob jemand gefastet habe. Ich verneinte. „Wie viele Moslems sind da, die möglicherweise versuchen könnten zu fasten?” Ich berichtete: „Es sind zwölf uigurische politische Gefangene, ein uigurischer Dieb, ein Hui[2] und ein Kasache, zusammen fünfzehn.” „Ich habe gefragt: ‚Wer könnte vielleicht fasten wollen?‘ Also, warum zählst du den Hui und den Kasachen mit?” Meine Knie wurden weich, aber ich versuchte mich zu beruhigen und antwortete: „Kasachen und Hui sind auch Moslems. Sie tragen zwar nicht die Uniform der politischen Gefangenen, aber das bedeutet ja nicht, dass sie nicht auch Moslems sind und vielleicht fasten wollen.” Kaum hatte ich das gesagt, da verfärbte sich Wangs Gesicht, wurde dunkelrot. „Oh nein, jetzt gibt’s Ärger”, sagte ich zu mir und er brüllte: „Komm mit!” Sofort sprangen die beiden Mithäftlinge auf, die für Disziplin verantwortlich waren, schlossen die Kette um meine Füße und legten mir Handschellen an.

   Es war wie ein Blitz aus heiterem Himmel. Ich hatte keine Zeit, irgendetwas zu denken. Also folgte ich dem Befehl und ging Wang voraus. Je weiter ich ging, desto schlimmer schmerzten mich die Fußketten. Die Flure nahmen kein Ende, endlose Dunkelheit, Fragen schossen mir durch den Kopf: Warum nehmen sie das nur so furchtbar wichtig? Oder hatten vielleicht doch einige Uiguren gefastet? Die drei Kameras in der Zelle beobachten uns ohne Unterlass und die Fußketten hinderten uns am Wudu, jeder aß jeden Morgen sein chinesisches Brot und seine Suppe, während ein Wärter durch das Loch in der Zellentür zuguckte. Wie hätte da jemand fasten können? Das war praktisch unmöglich und deshalb hatte ich gesagt, dass niemand gefastet hatte.

  Oder hatte ich sonst etwas verbrochen? Einmal, als ich gerade auf der Toilette saß, hatte Wang „Achtung! Zählen!” gerufen. Ich war sofort aufgesprungen, hatte eilig meine Hose hochgezogen und mich in die Reihe gestellt, aber ein paar Sekunden zu spät. Wang hatte das durchs Loch in der Zellentür gesehen und mich mit einem grimmigen Blick gestraft. War es vielleicht das?

   Als ich in Wangs Büro die vielen Ketten sah, die Fesseln und die fünf Elektroschocker an der Wand, da wurde mir speiübel. Die Elektroschocker erinnerten mich an meine Erfahrungen vom letzten Jahr im Lager von Kashgar und ich wusste, dass jeder von ihnen genug Power für zwanzig Minuten Folter hatte. Das bedeutete, man könnte mich mindestens hundert Minuten lang damit quälen. Wenn sie das tun, schoss es mir durch den Kopf, dann werde ich alles auskotzen, was ich jemals im Magen gehabt habe. Die Haut wird sich vom Fleisch lösen und es dauert Wochen, ehe sie nachwächst. Besser gleich in Ohnmacht fallen. Aber andererseits, wenn man danach wieder aufwacht, dann tut es auch schrecklich weh. All dies dachte ich bei mir, während mein Körper bebte, meine Zähne klapperten, der Schweiß mir aus allen Poren brach.

   Wang sagte kein Wort. Er schaltete seinen Computer an und ich sah auf dem Bildschirm eine Aufzeichnung unserer Zelle: Ich stand gedankenverloren vor der Wand. Ein Mann, Gheyret, der wegen Diebstahl einsaß, kam zu mir, las etwas von der Wand und wischte sich dann mit den Händen übers Gesicht. Dann ging er zum Waschbecken und spülte sich dreimal den Mund, wusch sich dreimal das Gesicht. Dann kam er zurück und las wieder etwas an der Wand. Dann war er still.

   Wang spulte vor und zeigte mir, wie Gheyret beim Frühstück sein Brot aß und sein Wasser trank, wie er später seinen Finger in den Mund steckte und alles in die Toilette erbrach. Wang warf mir einen vielsagenden Blick zu und spulte zurück auf den 24. Juni. Gheyret nahm ein kleines Buch aus dem Regal und kam damit zu mir. Wir sprachen eine Weile miteinander. Ich schüttelte den Kopf, er bettelte und dann schrieb ich etwas in sein Buch. Die Aufnahme ging wieder ein Stück vor und nun konnte man sehen, wie Gheyret die Wörter aus seinem Notizbuch an die Wand schrieb. „Oh nein!”, dachte ich verzweifelt.

   Und dann erinnerte ich mich wieder daran, dass Gheyret mich einmal gebeten hatte, ihm etwas über Sahur und Iftar[3] und die Fastengebete beizubringen. Ich hatte zuerst abgelehnt, aber er bettelte weiter und erklärte, dass er später, wenn er wieder frei sei, ein besserer Mensch und ein gläubiger Moslem werden wolle. Er würde dann nie wieder Sünden begehen. Da hatte ich gedacht, dass es doch gut wäre, so einem achtzehnjährigen Burschen auf die rechte Bahn zu helfen. Er hatte etwas gestohlen, um Drogen kaufen zu können. Wenn der Glaube ihm in Zukunft helfen könnte, von den Drogen abzulassen, dann müsste das doch eine gute Sache sein.

   Also schrieb ich ihm einige Fastengebete auf. Aus Vorsicht schrieb ich sie nicht in uigurischen Buchstaben, sondern mit chinesischen Schriftzeichen, obwohl damit die Aussprache nicht ganz richtig wiedergegeben werden konnte, aber ich wusste ja, dass die drei „Augen“ alles in der Zelle beobachten. Allerdings hatte ich nicht daran gedacht, dass sie wirklich alles aufzeichneten, auch meine Stimme. Wie hatte ich das nur vergessen können? Aber wie hätte ich denn auch wissen sollen, dass Gheyret die Worte an die Wand schreiben und davor beten würde?

   Mir wurde ganz schwach vor Angst. Die Zähne schlugen aufeinander, die Hände bebten, die Handschellen klirrten. „Und was ist das?”, brüllte Wang. „Was glaubst du denn, wen du hier belügst?” Er griff nach einem Bündel Ketten, und ehe ich mich’s versah, schlug er mir damit über den Kopf. Mir wurde rot vor Augen und ich fühlte, wie mir etwas Warmes vom Nacken zur Schulter und dann über die Brust lief. Und dann sah ich, dass es Blut war: Er hatte mir das Ohr halb abgerissen, wie mir später der Gefängnisarzt erklärte.

   Die Wachen drückten mich auf die Pritsche, als würden sie ein Lamm zur Schlachtbank bringen. Ein Mann in weißem Kittel kam mit einer großen Nadel in der Hand und beugte sich über meinen Kopf. Ich schloss die Augen, hörte, wie sich die Nadel durch meine Haut bohrte. Ich wollte schreien, aber eine Hand presste sich auf meinen Mund. Vier Männer hielten mich fest gepackt, doch mein Körper zitterte noch immer.

   Als mein Ohr geflickt war, ging es mir etwas besser und ich erinnerte mich an einen Roman, in dem uigurische Intellektuelle 1944 gegen die chinesischen Nationalisten kämpften[4]. Kenji, der Anführer, wurde verraten und gefasst. Man schnitt ihm die Haut vom Rücken und warf ihn in ein Salzbett, doch er verriet keinen einzigen Namen, selbst nicht nach der schlimmsten Folter. Später wurde er hingerichtet und seine Leiche musste irgendwo hier in der Nähe des gleichen Gefängnisses, in dem ich jetzt war, verscharrt liegen. Dieses Buch hatte ich mit dreizehn gelesen und es hatte mich so tief erschüttert, dass ich glaubte, selbst alles hautnah mitzuerleben.

   Ich sah auf meine Hände: Alle Fingernägel waren noch da. Kenji waren sie ausgerissen worden. Ich hatte keine Elektroschocks bekommen wie im August 2013, meine Haut hatte sich nicht abgepellt und ich lag in einem normalen Bett, während Kenjis Bett mit Nägeln gespickt gewesen war.

   Ich war den Fußstapfen meiner Vorbilder gefolgt, ich hatte versucht, für das Vermächtnis zu kämpfen, das sie uns hinterlassen haben. Ich hatte für die gleiche Freiheit gekämpft, für die sie gestorben waren. Am Ende war auch ich verhaftet worden, aber ich war noch am Leben. Ich befand mich zwar in dem gleichen Gefängnis, aber ich hatte nicht halb so viele Qualen erleiden müssen wie sie und es gab nicht den geringsten Grund, mein Tun zu bereuen und aufzugeben.

   Plötzlich kam der Leiter der Gefängniswache hereingestürmt: Ein pakistanischer Krimineller, der zum Tode verurteilt worden war, befand sich im Hungerstreik und die Magensäure lief ihm bereits aus dem Mund. Ich solle sofort zum Übersetzen kommen, nach seinen Wünschen fragen und ihn überzeugen, dass er unbedingt wieder essen müsse. Er war nämlich so etwas wie der große Star des Gefängnisses, wahrscheinlich wegen irgendwelcher bruderschaftlicher Verbindungen zwischen China und Pakistan. Deswegen wurde er immer wie ein rohes Ei behandelt, bekam gutes Essen und Zigaretten von den Wärtern. Er war in Urumchi gefasst und verurteilt worden und das bedeutete: Er war für das Gefängnis ein riesengroßes diplomatisches Problem.

   Was es auch für Schwierigkeiten mit ihm geben mochte, für mich war das eine wunderbare Fügung, denn nun würde sich niemand mehr um Videoaufzeichnungen kümmern. Alle schauten zu, wie ich auf ihm einredete, denn ich war der Einzige hier, der sich auf Englisch mit ihm verständigen konnte. Ich verbrachte mehrere Stunden bei ihm, bis ich ihn endlich so weit hatte, dass er aß und trank. Und was hatte er am Ende mit seinem Hungerstreik erreichen wollen? Marihuana.

 

Dieser Ramadan im Gefängnis war eine endlose Folge von Indoktrination und den erfolglosen Versuchen, Ärger und Folter zu vermeiden. Ich verbrachte die Zeit damit, Menschen zu beobachten, die sich mit Schuldgefühlen quälten, weil sie bei drei Mahlzeiten am Tag essen und trinken mussten. Weil unsere „Gebete“ vor jedem Essen Xi Jinping galten. Gebete wie „Es lebe die Kommunistische Partei, es lebe der große sozialistische Staat und es lebe Xi Jinping.“ Das war die chinesische Dreieinigkeit. Wir beteten zur Kommunistischen Partei und nicht zu Allah und wir beteten ohne unsere muslimische Wudu-Waschung. Wir sagten Propagandasprüche auf und lasen das kommunistische Manifest und dabei es tat uns in der Seele weh, dass wir nicht ein einziges Wort daran verändern konnten. Zum Beispiel hier: „Es gibt keinen Retter außer der Kommunistischen Partei, es gibt keinen Führer außer Xi Jinping, es gibt keinen Himmel außer dem sozialistischen Staat.“

 

Aus dem Englischen von Ingrid Widiarto

 


[1] kleine rituelle Waschung im Islam zur Erzielung der rituellen Reinheit

[2] Angehöriger der chinesischsprachigen, muslimischen Hui-Nationalität

[3] Morgen- und Abendmahlzeit im Ramadan

[4] “Half hitted bullet”