Die heutige Situation der Uiguren
in Xinjiang

 

 

Aufgrund der von der Regierung forcierten Zuwanderung von Han-Chinesen seit den 1950er Jahren machen die Uiguren in ihrer Heimat nur noch knapp die Hälfte der Bevölkerung aus. Und obwohl Xinjiang seit 1955 den Status eines Autonomen Gebiets besitzt, werden die Uiguren in vieler Hinsicht benachteiligt, ihre Kultur und Sprache werden in den Hintergrund gedrängt.

Laut Verfassung steht den Uiguren als größte Minderheit des Uigurischen Autonomen Gebiets Xinjiang ein Recht auf Mitbestimmung in politischer, kultureller und wirtschaftlicher Hinsicht zu. In der Realität sieht dies jedoch anders aus.

Die chinesische Regierung hat im Laufe der vergangenen Jahrzehnte viel für den Aufbau Xinjiangs getan, doch vom wirtschaftlichen Aufschwung profitierten von Anfang an fast ausschließlich die zugewanderten Han-Chinesen. Denn obwohl in einem autonomen Gebiet die höchsten Stellen in Verwaltung, Wirtschaft und kulturellen Einrichtungen von einem Mitglied der jeweiligen Minderheit besetzt sein sollten, werden Entscheidungen praktisch allein von den Han-chinesischen Parteifunktionären getroffen. Die uigurischen Beamten haben kaum eine Möglichkeit, Einfluss zu nehmen.

Xinjiang ist reich an Bodenschätzen. Unter der Taklamakan ruhen riesige Erdöl- und Gasvorkommen, außerdem hat es Kohle, Gold, Uran und seltene Erden. Doch weder bei der Förderung der Bodenschätze noch in den großen Industrieanlagen und Wirtschaftsunternehmen finden Uiguren einen Arbeitsplatz. Diese sind fast ausnahmslos Han-Chinesen vorbehalten. Die Mehrheit der Uiguren führt daher ein bescheidenes Leben auf dem Lande und in kleineren Städten, arbeitet als Händler, Handwerker und Bauern. Ausgebildete Fachkräfte und Akademiker haben wenig Aussicht auf eine angemessene Stellung.

In den fruchtbaren Oasen wurden schon in den 1950er Jahren staatliche Landwirtschaftsbetriebe[1] gegründet, die im Laufe der Zeit zu riesigen Staatsfarmen ausgebaut wurden und enorme Erträge abwerfen. Die künstlich zu bewässernden Anbauflächen werden laufend weiter vergrößert, so dass immer weniger Wasser für die kleinen uigurischen Bauern übrig bleibt. Gärten vertrocknen, Flüsse versiegen, der Grundwasserspiegel sinkt bedenklich und die Bodenversalzung nimmt zu.

Das Land der Uiguren leidet neben der Zerstörung ganzer Landstriche durch den Abbau von Bodenschätzen auch unter der Verschmutzung durch Industrie  und intensive Landwirtschaft sowie unter den Atomtests, die über Jahrzehnte im Kernwaffentestgebiet von Lop Nor vorgenommen wurden. Große Teile der Taklamakan sind seitdem nuklear verseucht und immer häufiger tragen Sandstürme den verseuchten Sand in Oasen und Städte. Die Zahl der Krebserkrankungen und anderer Krankheiten nimmt deutlich zu.

 

Obwohl die Verfassung den Uiguren Schutz ihrer Kultur, Sprache und Religion garantiert, werden ihnen immer mehr religiöse Einschränkungen auferlegt. Die Regierung begründet dies mit der Befürchtung, dass sich in Moscheen Zentren des separatistischen oder islamistischen Widerstandes bilden könnten, und rechtfertigt ihre strenge Politik als „Kampf gegen den Terror“. Die Mehrheit der Uiguren fühlt sich dadurch diskriminiert und in ihrem Glauben und ihrer persönlichen Freiheit eingeengt.

Wenn es daher gelegentlich zu Unruhen kommt, hat das wenig mit staatsgefährdendem Terrorismus oder Separatismus  zu tun, sondern mit persönlicher Wut und Hilflosigkeit. Wenn die Uiguren in vielen Dingen des Alltags erleben müssen, wie Han-Chinesen bevorzugt, sie selbst aber in ihrer eigenen Heimat als Menschen zweiter Klasse behandelt werden, bleibt es nicht aus, dass es gelegentlich zu Gewaltausbrüchen kommt. Doch sind dies keine politisch motivierten Terrorakte, sondern Verzweiflungs­taten Einzelner. Eine Unterorganisation der Islamischen Turkestan-Partei, die in China verboten ist, hat bisher wenig Zulauf, weil die allergrößte Mehrheit der Uiguren einfach nur in Frieden leben möchte, doch je stärker die Repressionen, desto eher könnte sich das ändern. (Anfang April 2017 wurde gerade ein neues Anti-Terror-Gesetz erlassen, das das religiöse Leben drastisch einschränkt: http://www.zeit.de/sport/2017-04/china-anti-islam-gesetz-provinz-xinjiang-uiguren)

In Deutschland gibt es eine ganze Reihe von Organisationen, die sich für Tibet einsetzen, und viele Menschen verfolgen das Schicksal dieses Landes und seiner Bewohner mit Sympathie und mitfühlendem Interesse. Fast jeder kennt und achtet den Dalai Lama. Dass aber die politische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Lage der Uiguren in Xinjiang mindestens ebenso prekär ist, weiß dagegen kaum jemand. Rebiya Kadeer[2] und der Weltkongress der Uiguren sind hier weitgehend unbekannt. In Deutschland hören wir fast nur dann etwas über die Uiguren, wenn es gewalttätige Übergriffe gab. Dann melden unsere Medien mehr oder weniger das, was sie von den offiziellen chinesischen Presseagenturen erfahren, und das entspricht nicht zwangsweise den Tatsachen. Zumindest sagt es nichts über die Hintergründe. So kommt es, dass wir uns nur allzu leicht ein falsches Bild von den Uiguren machen. Und da die chinesische Regierung das Vorurteil von einem gefährlichen, aufsässigen und zudem noch muslimischen Volk vermutlich mit Absicht schürt – sowohl in China selbst als auch im Ausland – soll diese Webseite ein kleines Gegengewicht darstellen. Sie will versuchen, ein positiveres Bild zu zeichnen und so objektiv und umfassend wie möglich erklären, wer die Uiguren sind und warum die heutige Situation in Xinjiang so brisant ist.

 



[1] Bingtuans (paramilitärische Landwirtschaftsbetriebe des Produktions- und Aufbaukorps)

[2] Die ehemalige Volkskongressabgeordnete lebt heute in den USA. Sie setzt sich für die Rechte der Uiguren ein und kämpft für kulturelle Selbstbestimmung sowie für mehr politische Autonomie. Im November 2006 wurde Rebiya Kadeer zur Vorsitzenden des Weltkongresses der Uiguren mit Sitz in München gewählt.