Mein Freund Kurban

 Frühjahr 2010

 Er sah mich an, als sei ich nicht ganz bei Verstand, und seine Augen, eben noch voller Wärme, schienen zornige Funken zu sprühen. Hatte ich etwas Dummes gesagt? Nicht ganz meiner Schuld bewusst, ließ ich den Blick über mich ergehen, bis er mit großem Ernst antwortete: „Ich bin Uigure, nicht Chinese!“

Natürlich wusste ich, dass er Uigure war – deshalb hatten wir ihn ja eingeladen. Was ich hatte fragen wollen, war: Wie fühlt man sich, wenn man als Uigure laut Staatsangehörigkeit auch Chinese ist? Viel wusste ich noch nicht über Xinjiang, aber dass es dort zu blutigen Zusammenstößen zwischen Uiguren und Chinesen gekommen war, das wusste ich und ich wollte mehr darüber erfahren.

Jetzt lösten sich die Funken und wurden zu Worten. Sie wurden zu Geschichten, Erlebnissen, Ungeheuerlichkeiten. „Sie haben ihn erschossen!“, erzählte er. „Er war einfach nur zur falschen Zeit am falschen Ort gewesen – und Uigure. Ja, und den Jungen aus meiner Schule... er und seine Kameraden wurden verurteilt und hingerichtet, damals 2009, ohne Beweise und Zeugen. Es hatte genügt, dass sie in der Nähe der Rauferei gewesen waren – und Uiguren. Den Sohn eines Freundes haben sie festgenommen, als er seine Mutter zum Krankenhaus begleitete, weil er stehen geblieben war, um sich den langen Demonstrationszug anzusehen. Die Mutter weiß bis heute nicht, wo er ist.“

 Unser Gast – er hieß Kurban – sprach auch über sein Land, das durch Industrie und Ausbeutung zerstört wird. Er schilderte, wie die uigurischen Wohngebiete austrocknen, wie sich die Wüste immer weiter ausbreitet, während das kostbare Wasser für staatliche Vorhaben verschwendet wird. Er sprach darüber, dass Schulkinder nicht mehr Uigurisch sprechen dürfen, und über die berufliche Ausweglosigkeit junger Leute, weil alle großen Unternehmen nur Han-Chinesen einstellen. Er sprach auch über die alten Bräuche und Sagen, die in Vergessenheit geraten, weil nur noch chinesische Helden zählen. Weil die Schulbücher sogar historische Fakten verändern, damit die Kinder vergessen, dass sie eine uigurische Vergangenheit haben. Damit sie alle gute, kritiklose Chinesen werden und blind den Geboten der Kommunistischen Partei folgen. Auch über die religiösen Einschränkungen sprach er. In China herrsche zwar Glaubensfreiheit, doch Islamunterricht sei verboten, sagte er, und alle Moscheen stehen unter strengster Überwachung. Alles wird überwacht. Immer. Immer und überall wird alles überwacht. Als Uigure fühle man sich wie in einem Gefängnis. In der eigenen Heimat!

 Ich war sprachlos: Wie konnte es sein, dass solche Dinge geschehen und die Welt weiß nichts davon? Wir wissen, dass es in China mit den Menschenrechten nicht zum Besten steht, haben von dem traurigen Los der Wanderarbeiter und der Unterdrückung Tibets gehört, aber das Schicksal der Uiguren kannte kaum jemandem. Mich hat es seit diesem Abend nicht mehr losgelassen.

 Irgendetwas in mir sagte: Nun hast du eine Aufgabe! Überleg dir, was zu tun ist! Aber was konnte ich schon tun? Die chinesische Regierung würde wohl kaum auf mich hören, wenn ich ihr ins Gewissen reden wollte, und eine furchtlose Kämpferin bin ich auch nicht. Aber andererseits mochte ich auch nicht einfach hinnehmen, dass eine Regierung seine Bürger derartig missachtet, während sie sich nach außen hin als großartige, fortschrittliche Wirtschaftsmacht darstellt und andere Länder mit ihrem Geld von sich abhängig macht. Deshalb begann ich, über Uiguren zu schreiben.

 

Herbst 2017

Die Jahre vergingen. Ich lernte andere Uiguren kennen und alle bestätigten das, was Kurban erzählt hatte. Die Lage wurde sogar noch schlimmer. Neue Gesetze hebelten die Bestimmungen der Verfassung aus und gaben der Polizei praktisch uneingeschränkte Macht. Sie konnte wann immer wen immer festnehmen und jeder Uigure konnte jederzeit als potentieller Unruhestifter verdächtigt und verhaftet werden. Die Regierung schien eine geradezu paranoide Vorstellung von der Gefährlichkeit des uigurischen Volkes zu entwickeln, das nichts anderes im Sinn hat, als die Sicherheit der Volksrepublik zu gefährden. Nicht nur, dass Smartphones auf eventuelle separatistische oder islamistische Machenschaften gecheckt und Wohnungen durchsucht wurden – es genügte schon ein Buch über uigurische Geschichte im Bücherschrank, ein alter Gedichtband, ein religiöses Erinnerungsstück oder ein Küchenmesser, das nicht von der Behörde registriert worden war – auch jeglicher Kontakt zum Ausland konnte einen Uiguren verdächtig machen. Warum? „Warum?“, fragte ich Kurban und jetzt glühten in seinen Augen keine zornigen Funken, sondern eine abgrundtiefe Traurigkeit.

 „Weil... nun, weil China so gut zu seinen Bürgern ist, dass böse Einflüsse nur aus dem Ausland kommen können. Ohne die bösen Einflüsse aufrührerischer Exil-Uiguren und islamistischer Terroristen würde nur Eintracht und Wohlstand im ganzen Land herrschen.“ Er sah mich an und versuchte zu lächeln. „Denn Xi Jinping und die Kommunistische Partei sorgen ja so gütig und weise für ihre Untertanen, dass eigentlich alle dankbar sein müssten. Nur wir Uiguren, wir waren ja schon immer rebellische Außenseiter, so weit weg vom zentralen China, Wüste, Berge, Moslems – da sind wir halt anfällig für böse Einflüsse.“

 „Du bist im Ausland. Bist du denn auch so ein gefährlicher Einfluss?“

 Es dauert eine Weile, ehe er antwortete: „Ja. Als wir letztes Mal telefonierten, hat mich meine Mutter gebeten, nicht wieder anzurufen. Es gehe allen gut, versicherte sie, aber ich konnte an ihrer Stimme hören, dass es ihnen nicht gut ging.“

 Einige Wochen später, als wir wieder einmal beisammensaßen, klingelte sein Handy. „Ja?“ Er wandte sich ab, stand auf, ging in der Wohnung umher, blieb stehen, lief weiter. Er fragte etwas. Erstarrte. Blass war er geworden. Eine seltsame Unruhe breitete sich über den ganzen Raum aus, Angst und Sorge wurden beinahe greifbar. „Ja“, sagte er zum Schluss und steckte das Telefon weg. Er setzte sich, aber lange Zeit sah er uns nicht in die Augen und wir wagten keine Fragen zu stellen.

 „Ich muss zurück!“

 Er wollte nie zurück nach China. Seitdem er an der deutschen Universität gelernt hatte, selbstständig zu denken und eigene, kreative Ideen zu entwickeln, war es für ihn unvorstellbar geworden, sich wieder den engstirnigen Einschränkungen einer sozialistischen Diktatur unterzuordnen. Freiheit war ihm zu einem unschätzbaren Gut geworden, das er nie mehr hergeben wollte. Seine Heimat, die uigurischen Dörfer, die Wüste und die Berge, die alten Traditionen und die Familie würde er vermissen, aber Freiheit stand für ihn über allem.

 Doch nun hatte seine Mutter angerufen:

 Vater und Bruder seien verhaftet worden. Einer der Polizisten hatte etwas von verbotenen islamistischen Aktivitäten gesagt, aber richtig verstanden hatte sie es nicht. Natürlich waren sie Moslems wie alle Uiguren im Dorf, gingen freitags in die Moschee, aber etwas Verbotenes hatten sie nie getan. Sie besaßen keinen Koran in uigurischer Sprache und trugen auch keinen Bart. Doch in der kleinen Seidenweberei, die die Familie betrieb, hatten die Angestellten heimlich Gebetsstunden abgehalten und dafür musste ja wohl der Arbeitgeber verantwortlich sein. Außerhalb der Moschee gemeinsam zu beten galt als religiöser Extremismus und das war eines der schlimmsten Vergehen, dessen sich ein Uigure schuldig machen konnte.

 Die Mutter hatte geweint. Sie war verzweifelt und wusste nicht, was sie tun sollte. Freunde und Nachbarn konnte sie nicht um Rat fragen, weil sich jeder in Gefahr begab, der auch nur Kontakt zu einem Häftling hatte oder gar Erkundigungen einzog. Das hätte ihn sofort selbst verdächtig gemacht. Also konnte sie von niemandem Hilfe erwarten – außer von ihrem ältesten Sohn. Aber der war nicht da.

 Kurban hatte vor kurzem seine Promotion abgeschlossen und freute sich auf ein Leben, über das er frei entscheiden konnte. Er spürte mit jeder Faser seines Seins, wie sehr er die Freiheit zum Denken und zum Atmen brauchte. Aber seine Mutter brauchte ihn.

 Er würde kaum helfen können, denn gegenüber Polizei und Richtern war er ebenso machtlos wie eine alte uigurische Frau. Doch die Mutter hatte ihn angefleht heimzukommen, und was das Schlimmste war – und das war kaum erträglich –, das war der Gedanke: Vielleicht bin ja ich der wahre Grund für das Unglück. Erst auf wiederholtes Fragen hatte die Mutter gestanden, dass Vater und Bruder schon mehrmals zum Verhör vorgeladen gewesen waren. Immer wieder hatte man sie gefragt, was ihr Sohn und Bruder im Ausland tat. Warum war er nach dem Studium nicht sofort zurückgekommen? War er politisch tätig? Hatte er Kontakt zu islamistischen Gruppierungen? Oder zu separatistischen? Arbeitete er für Menschenrechtsaktivisten oder andere China-kritische Organisationen? Es müsse doch einen Grund haben, dass er so viele Jahre fortblieb. Seit Monaten schon hatte sich die Familie verfolgt gefühlt.

 Schuldgefühle zermürbten Kurban. Sie würden sein Leben zerstören.

 Er wusste, dass man ihm den Pass abnehmen würde, sobald er heimkehrte. Im letzten Jahr waren alle Pässe von Uiguren eingezogen worden – zur Sicherheit der Passinhaber, hieß es offiziell. Selbst für den internationalen Kongress kürzlich in Kopenhagen war den Wissenschaftlern der Xinjiang-Universität die Ausreise verweigert worden, so dass Kurban alle acht Vorträge allein hatte halten müssen. Wenn er also Deutschland verließ, gäbe es kein Zurück. Das wusste er. Dann wäre er gefangen in einer Heimat, die zu einem Gefängnis geworden ist.

 Es kam die Zeit des Abschieds und wir warteten auf dem Flughafen,ohne viele Worte zu sagen. In seinen Augen standen Tränen, als er den Rucksack aufnahm und auf die Tür zum Sicherheitsbereich zuging. Er schaute sich nicht um.

 Ich habe einen Freund verloren. Ich weiß nicht, ob er in Verhören schwitzt oder in einem Umerziehungslager die Gedanken des Vorsitzenden Xi Jinping studiert, die neuerdings in einem kleinen Buch zusammengefasst sind, nach dem Vorbild von Maos kleiner roter Bibel. Vielleicht hat er aber auch eine Arbeit gefunden und vielleicht sind sein Vater und sein Bruder wieder frei. Ich kann nicht fragen, denn Post, Telefon und Internet werden in Xinjiang lückenlos überwacht und ich bin nicht nur im Ausland, sondern habe auch über die wahren Zustände in Xinjiang geschrieben. Deshalb wäre jeglicher Kontakt zu mir für ihn gefährlich.

 Ich weiß nicht, warum ich meinen Freund verlieren musste, doch ich weiß, dass mir jedes Mal heiß und kalt wird, wenn in den Nachrichten über die ungeheuren wirtschaftlichen Vorteile der Neuen Seidenstraße und die zufriedenen lächelnden Unterzeichner milliardenschwerer Handelsabkommen berichtet wird. Das Land der Uiguren ist ein Herzstück dieser Neuen Seidenstraße, doch sie selbst haben keinen Vorteil davon. Sie werden beiseitegeschoben und als Terroristen verdächtigt, die unter allen Umständen unter Kontrolle gehalten werden müssen. Das tut mir weh.